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31.12.2018

Silvester 2018

Reflexion der Jahreslosung 2018: Offb 21,6

Thema: Gott stillt unseren Durst

Ev. Emmausgemeinde Eppstein

Pfarrer Moritz Mittag

 

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

In diesem zu Ende gehenden Jahr 2018 hat uns ein Wort aus der Offenbarung des Johannes begleitet: „Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst“ [Offb 21,6]. Und ja, wir wussten, dass dieser Vers aus einer der Visionen des Johannes stammt. Es ist eine, in der Gott selbst zu Wort kommt und eine Zukunft skizziert, die womöglich unsere Vorstellungskraft übersteigt.

Johannes sieht in seiner visionären Schau einen neuen Himmel und eine neue Erde und die Stadt Gottes aus dem Himmel herabkommen.

Eine Stadt des Friedens – Jerusalem, immer wieder einer der gefährlichsten Konfliktherde der Welt. Doch im Namen dieser Stadt – Jeruschalajim – hören wir das hebräische Wort Schalom – Frieden, Stadt des Friedens.

Der Friede selbst ist mehr, als wir gemeinhin mit diesem Wort verbinden. Er bezeichnet einen Zustand, in dem alles, was kaputt, ungut, in sich unstimmig, krank, verbogen oder unglücklich war, heil geworden ist.

Es gibt keine Tränen mehr, keinen Tod, kein Leid, keine Schmerzen, auch keine Angstschreie mehr. Ist das nicht eine wunderbare, lebenswerte Welt? So müsste es sein! So ist es aber nicht.

Nein, unsere Welt ist anders. Darum hungert und dürstet es sie nach Frieden und Heilwerden. Dass dieser Durst gelöscht und der Hunger befriedigt wird, das sieht Johannes vor sich. Und Gott spricht: „Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst“ [Offb 21,6].

Was Durst ist, das wissen wir nur aus seltenen Gelegenheiten und dann kaum jemals so, dass es für uns existentiell bedrohlich würde. Im Sommer, Sie erinnern sich, er wollte nicht weichen, gab es auch jeden Tag frisches Wasser aus der Leitung. Draußen allerdings sah man prallvolle Fruchtstände, die nach und nach zu Boden rieselten oder an der Pflanze verschrumpelten. Man sah gelbes Gras, so weit das Auge reichte. Trockenliegende Bäche, ja, den Rhein als Rinnsal. Das Seufzen der Natur war gleichsam bei den sterbenden Bäumen, den verdorrten Pflanzen und den ungezählten Insekten, Vögeln, Amphibien und Fischen zu hören, die auf der Strecke blieben.

Und uns dämmerte es, dass wir hier nicht Zeugen eines meteorologischen Betriebsunfalls geworden waren, sondern hier eine große und in Teilen bedrohliche Entwicklung erkennbar wurde: Die Erde heizt sich auf. Das klimatische und meteorologische Regelwerk ist aus dem Tritt gekommen. Regenfluten im Süden und Sonne satt im Norden.

Welche Schlüsse sind daraus zu ziehen? Wie sieht der Weg in die Zukunft aus? Und welche Regierung soll ihn vorbereiten und angehen?

Die langwierige Regierungsbildung konnten wir auch als Durststrecke empfinden. Es sah so aus, als wollten manche lieber nicht solche Verantwortung übernehmen und als wären sie nicht mit sich im Reinen, als sie es dann doch taten. Endlose Streitereien in der Union verstellten den langen Sommer über den Blick für Aufgaben und Lösungswege. Die brauchte es unter anderem in der Feinstaub-Frage. Diesel-Fahrverbote als Drohung, als einzuklagende Maßnahme, ja, als gerichtliche Verfügung ließen die Fahrzeughalter über Monate schwitzen. Dafür werden in dieser Nacht 15,5 % der jährlich im Straßenverkehr abgegebenen Feinstaubmenge durch das Feuerwerk freigesetzt, was am ersten Tag des neuen Jahres die Feinstaub-Konzentration vielerorts so hoch sein lässt wie sonst im ganzen Jahr nicht. [vgl. https://www.umweltbundesamt.de/themen/dicke-luft-jahreswechsel]

Der eine oder andere von uns wird in diesem Jahr noch ganz anderen Durst gespürt haben. Das die Schmerzen endlich aufhören, dass das ärztliche Bemühen und die Möglichkeiten der Medizin der Hoffnung auf Heilung wieder neuen Auftrieb geben, dass das Ende mild und freundlich auf einen zukomme, dass das Telefon sich rührt oder es an der Tür klingelt, dass die Prüfungshürden endlich genommen und ein normaler Alltag wieder einkehren kann. Wenn wir nur genauer hinsehen, bemerken wir viele solcher Lebensmomente des Durstes.

Nun fragt sich doch, was trägt unsere Jahreslosung eigentlich aus? „Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst“ [Offb 21,6]

Ist das alles „nur“ Verheißung – ich setze das Wort bewusst in Anführungszeichen, denn was wären wir ohne Verheißungen?

Ist das alles reine Ankündigung mit Trostpflaster-Charakter? Ein schöner Traum, den Johannes, der Seher, einst träumen durfte?

Weiter nichts? Eine Vertröstung auf das Jenseits – irgendwann, wenn ich längst gestorben bin?

Ja, es sind Bilder von einer anderen Welt, Bilder, die versuchen, Gottes Traum von einer neuen Welt zu beschreiben. Der Bibeltext lässt keinen Zweifel daran: in diesen Bildern wird kein noch so idealer Zustand unserer Welt beschrieben, da ist von etwas ganz Neuem die Rede – von einem neuen Himmel und einer neuen Erde – jenseits meiner, jenseits unserer Möglichkeiten! Und? Wie kommt das Neue zum Alten? Wo berührt der Himmel meine Erde? Allan Boesak, der südafrikanische Theologe, schreibt 1987 in seinem Buch „Schreibe dem Engel Südafrikas“:

„Der Traum Gottes, der in den Visionen des … Johannes Gestalt gewinnt, muss nicht auf die »Ewigkeit« warten. Er wird Wirklichkeit, wo die kalte und unmenschliche Wirklichkeit auf die warme und menschliche Wirklichkeit Gottes trifft und von ihr überwunden wird.“ [ Allan Boesak, Schreibe dem Engel Südafrikas. Trost und Protest in der Apokalypse des Johannes, Kreuz Verlag, Stuttgart 1988, 1. Auflage, S. 145]

Der Traum Gottes muss nicht auf die Ewigkeit warten. Ich denke an die Menschen hier am Ort und anderswo, die sich um andere kümmern. Die ihr Ohr leihen oder auch mal Hand anlegen, sich im Gemeinwesen engagieren, Zeit für Kinder und Jugendliche einsetzen, für andere musizieren, die Flüchtlingen Deutsch beibringen und sie durch den Dschungel einer fremden Wirklichkeit lotsen.

Der Traum Gottes muss nicht auf die Ewigkeit warten, wenn Menschen auf ihre berufliche Karriere oder auf eine eigene Familie verzichten, um Angehörige oder Freunde zu pflegen und ihnen trotz Krankheit oder Behinderung ein Leben in Gemeinschaft und Würde zu ermöglichen.

Ich sehe in diesen und ähnlichen Erfahrungen Beispiele dafür, wie die warme und menschliche Wirklichkeit des Traumes Gottes auf die kalte und unmenschliche Wirklichkeit dieser Welt trifft und sie überwindet. Es sind Beispiele dafür, wie wir alle uns an der Quelle des lebendigen Wassers laben können. Die versiegt nicht, sie ist außer uns, sie uns geschenkt. Bilder des Johannes erzählen davon – auch das Bild von der Quelle. Es ist Gottes Liebe, die uns hier erfrischt. Das tut uns gut. Es tut gut, sich einem Größeren anzuvertrauen. Unsere Ängste und Sorgen vertrauen wir ihm an. Unsere Sehnsucht geben wir in seine Hände.

In sein Versprechen bergen wir unser Leben: „Siehe, ich mache alles neu!“ [Offb 21,5] Darauf vertrauen wir auch bei diesem Jahreswechsel.

Und der Friede Gottes, der höher ist, als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.