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27.01.2019

Letzter Sonntag nach Epiphanias – 27.01.2019

Text: 2. Mose 3,1-8a.10.13-14

Thema: Ich werde sein

Ev. Emmausgemeinde Eppstein

Pfarrer Moritz Mittag

 

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Stellen Sie sich das einmal vor: Ein junger Mann. Er hat gerade sein Abitur gemacht. Aber er weiß nicht, was es mit ihm geben soll. „Ich will mal fort“, sagt er, verreisen, um Erfahrungen zu machen und Erlebnisse zu haben. Sie sollen ihm sagen, was werden soll. Als er zurück ist, sehen wir uns. „Und, was soll werden?“ „Ich weiß nicht“, sagt er, „ich fahre wohl nochmal los.“ Von zuhause hat er alles, kann er sich alles erlauben, da ist nichts, was ihn hindert. Aber er weiß nicht, was es mit ihm geben soll. „Als fort“, sagt man im Hessischen, wenn etwas immer so weiter geht. Aber wer „als fort“ ist, so wie unser junger Mann, der ist nie da. In gewisser Weise gleicht er einem andern jungen Mann, von dem im 2. Buch Mose die Rede ist. Im 3. Kapitel lesen wir:

1 Mose aber hütete die Schafe Jitros, seines Schwiegervaters, des Priesters in Midian, und trieb die Schafe über die Wüste hinaus und kam an den Berg Gottes, den Horeb.

Was müsste geschehen, damit es von diesem Alltag etwas Berichtenswertes gäbe? Schafe, niederes Gestrüpp, Felsen, Staub, darüber die Sonne und nachts der Mond. Na, und? Solche Geschichten interessieren uns nicht so sehr, längst haben wir uns den Mist von Stiefeln gestreift, als dass wir jetzt das Bedürfnis hätten da wieder einzutauchen. Und was kann uns so ein Hirte, einsilbig, als hätte er in der Einsamkeit das Reden verlernt, schon sagen?

Kann sein, dass wir von Mose wissen, dass er triftige Gründe hat, in die Einsamkeit zu gehen. Es ist schon eher eine Flucht, schließlich ist er in Ägypten zur Fahndung ausgeschrieben, weil er einen Aufseher des Pharao getötet hat.

Und dann die Sache mit dem Dornbusch. Manche stehen auf dem Standpunkt, das sei so typischer biblischer Humbug. Etwas, was nicht sein kann, behaupten. Irgendeiner wird’s schon glauben. Aber vielleicht geht’s gar nicht darum. Vielleicht erzählt der Erzähler intelligenter, als unsere Kritik vermuten lässt. Dieser Dornbusch, viele von uns hatten Gelegenheit, ihn zu malen, sei’s im Kindergottesdienst oder in der Grundschule, brennt – und zwar lichterloh, aber er verbrennt nicht.

2 Und der Engel des HERRN erschien ihm in einer feurigen Flamme aus dem Dornbusch. Und er sah, dass der Busch im Feuer brannte und doch nicht verzehrt wurde. 3 Da sprach er: Ich will hingehen und diese wundersame Erscheinung besehen, warum der Busch nicht verbrennt.

Es ist eine außergewöhnliche Begegnung, soviel steht fest. Der Eindruck wird verstärkt, als aus diesem brennenden Busch heraus auch noch gesprochen wird.

4 Als aber der HERR sah, dass er hin ging, um zu sehen, rief Gott ihn aus dem Busch und sprach: Mose, Mose! Er antwortete: Hier bin ich.

Fortlaufen wäre auch eine Möglichkeit gewesen. Sich verleugnen. Andererseits, wenn man schon in so ungewöhnlicher Weise angesprochen wird – Mose entscheidet sich für’s Dableiben und, so interpretiere ich die Tatsache, dass er antwortet und wie er antwortet, er entscheidet sich dafür, Verantwortung zu übernehmen. Der andere, dessen Stimme er hört, setzt das Gespräch fort:

5 Er sprach: Tritt nicht herzu, zieh deine Schuhe von deinen Füßen; denn der Ort, darauf du stehst, ist heiliges Land! 6 Und er sprach weiter: Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs. Und Mose verhüllte sein Angesicht; denn er fürchtete sich, Gott anzuschauen.

Man kann sagen, er stellt sich vor, indem er kurz seine Verbindung zu den Ahnen des Mose und seine Geschichte mit ihnen in Erinnerung bringt, bevor auf den Anlass dieser Begegnung zu sprechen kommt:

7 Und der HERR sprach: Ich habe das Elend meines Volks in Ägypten gesehen, und ihr Geschrei über ihre Bedränger habe ich gehört; ich habe ihre Leiden erkannt. 8 Und ich bin herniedergefahren, dass ich sie errette aus der Ägypter Hand und sie aus diesem Lande hinaufführe in ein gutes und weites Land, in ein Land, darin Milch und Honig fließt […]

„Endlich hat er’s bemerkt“, könnte Mose bei sich gedacht haben, aber warum erzählt er mir das?

 10 so geh nun hin, ich will dich zum Pharao senden, damit du mein Volk, die Israeliten, aus Ägypten führst.

Bitte? Das ist ja ein Himmelfahrtskommando! Wer weiß, wie das für mich ausgeht? Das muss man mögen, so vom Rand in die Mitte, aus dem Versteck der Wüste in eine offene Auseinandersetzung geschickt werden. Mose mag nicht.

11 Mose sprach zu Gott: Wer bin ich, dass ich zum Pharao gehe und führe die Israeliten aus Ägypten?

Es ist, als ob unser junger Mann ganz unverhofft den Auftrag erhielte, alle Verlierer, alle Opfer, alle Ausgebeuteten unserer Wohlstandsgesellschaft in eine wunderbare Zukunft zu führen und das eindeutig zu Lasten derer, denen der status quo Macht und Profit bringt. Wer weiß, vielleicht gehören wir selbst zu denen? Wer kann es wagen, sich mit so mächtigen Gegnern anzulegen? Ohne ebenso mächtige Verbündete ist da eher nichts zu machen.

12 Er sprach: Ich will mit dir sein. Und das soll dir das Zeichen sein, dass ich dich gesandt habe: Wenn du mein Volk aus Ägypten geführt hast, werdet ihr Gott dienen auf diesem Berge.

 „Ich will mit dir sein.“ Was heißt das, wenn der Pharao die Muskeln spielen lässt? Wenn seine Streitwagen herankommen? Wenn es irgend einmal eng wird unterwegs auf diesem nur angedeuteten Weg? Da braucht man Sicherheit bzw. Sicherheiten! Und vor allem, da muss man wissen, mit wem man’s zu tun hat.

13 Mose sprach zu Gott: Siehe, wenn ich zu den Israeliten komme und spreche zu ihnen: Der Gott eurer Väter hat mich zu euch gesandt!, und sie mir sagen werden: Wie ist sein Name?, was soll ich ihnen sagen? 14 Gott sprach zu Mose: Ich werde sein, der ich sein werde. Und sprach: So sollst du zu den Israeliten sagen: »Ich werde sein«, der hat mich zu euch gesandt.

Zwei Fragen stellt Mose: Wer bin ich? und Wer bist du? Zwei Fragen, die es in sich haben. Und wie antwortet Gott? Sehr verschieden! Auf die Frage „Wer bist Du, Gott?“ antwortet er: Ich bin, der ich bin und der ich war, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs. Und ich werde sein, der ich sein werde. Dann, wenn der Pharao nicht mehr sein wird, aber auch du, Mose, und du, Marco, und du, Moritz, und Ihr alle, wird Gott sein. Zukunft für immer. Ohne Grenze. Ewig.

Und auf die Frage des Mose nach sich selbst antwortet dieser Gott nicht: „Ich weiß es, du bist doch dieser Totschläger“, sondern:: „Ich werde mit Dir sein“ [V.12] . Und darin, in diesen beiden Antworten liegt das Evangelium, liegt die gute Wahrheit dieses Bibelwortes! In dem Gespräch zwischen Mose, der kurz angebunden ist, und Gott, der sich treu ist, flammt die Treue und die Güte Gottes auf, ohne zu verbrennen. Darin liegt das Wunderbare dieser Erzählung!

„Ich werde mit Dir sein“ [V. 12]: Das ist der Satz, der weiter hinten in der Bibel, der im Taufbefehl, wieder auftaucht: „Ich bin bei Euch alle Tage bis an der Welt Ende“ [Mt 28,20]. Ich bin bei Euch! Ob ihr es glaubt oder nicht. Ich bin bei Euch! Ob ihr um mich herumschwänzelt oder meiner spottet. Ich bin bei Euch! Ob ihr meine Kirche zugrunde wirtschaftet oder ob eine neue Kirche entsteht: Gott ist Gott! Daran kann niemand rütteln! Und darauf dürft und sollt ihr Euch verlassen! Er ist der, der da war, der da ist und der da kommt. Und er wird mit Euch sein!

Das soll auch unser junger Mann hören und auch die Mutter, die jeden Cent dreimal umdrehen muss, weil sie allein für ihre Kinder sorgen muss, und auch die Familie in Venezuela, die vor leeren Regalen steht, und die Kinder im Jemen, denen man statt Brot eine Waffe in die Hand gedrückt hat, und die Alte, die am Ende ihres Lebens ihre Kinder und Enkel entbehren muss – ach, die Reihe lässt sich fortsetzen…

Und wenn wir daran denken und es beklagen, wollen wir nicht Anstoß nehmen an diesem brennenden Dornbusch, sondern uns in Erinnerung rufen, dass unser Gott der ist, der von sich sagt: „Ich bin das A und O, […], der da ist und der da war und der da kommt“ [Offb 1,8].

Und der Friede Gottes, der höher ist, als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.