Septuagesimae

Text: Pred. 7,15-18

Thema: Gibt’s denn keine Gerechtigkeit in der Welt?

Ev. Emmausgemeinde Eppstein

Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Jahrhundertelang hat man sich darauf verlassen: Alles hat seine Ordnung. Und in dieser Ordnung regiert Gerechtigkeit. War es nicht auch so, bei den kleinen Bauern in ihren kleinen Ortschaften? Wer Unrecht tat, hatte nichts davon, denn den bestrafte die Gemeinschaft. Alle wussten überdies, Gott sieht, was wir tun, und er sorgt dafür, dass die belohnt werden, die sich an seine Gebote halten. Die andern bestraft er. Mitte der fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts sprach der Theologe Klaus Koch vom „Tun-Ergehen-Zusammenhang“. So soll der Fromme sich eines langen Lebens, vieler Kinder und eines reichen Viehbestands erfreuen. In den Sprüchen heißt es zum Beispiel frei von jedem Zweifel: „Wer unrechtem Gewinn nachgeht, zerstört sein Haus; wer aber Bestechung hasst, der wird leben“ [Spr 15,27]. Wenn’s so wäre, man könnte sich Finanzamt und Steuerfahndung sparen.

Im vierten Jahrhundert vor Christus ist die Welt, damit meine ich die Welt rund um’s Mittelmeer, im Umbruch. Da findet, wenn man so will, ein Globalisierungsprozess statt. Der Mazedonier Alexander der Große überwindet Feinde und Kulturgrenzen in bis dahin ungekanntem Ausmaß. Und auf der Rückseite der Feldzüge dringen auf neuen Handelswegen fremde kulturelle Einflüsse in eine bis dahin geschlossen wirkende Welt. Es gibt in der ptolemäischen Provinz Syrien und Phönizien zur Seleukidenzeit eine Gleichzeitigkeit von alter Glaubenspraxis im Sprachgewand der Gesetze Moses und die Lebensart einer hellenistischen Polis mit ihren gesellschaftlichen und kulturellen Werten. Alte Monopole sind überholt. Das gilt sogar für die Götter. Sie bekommen Konkurrenz. Und auch am festen gesellschaftlichen Gerüst zeigen sich Veränderungen. Der alte Mann, der in unserem Predigttext zu Wort kommt, formuliert mit dem Blick auf das Leben, wie es sich jetzt darstellt, seine Wahrnehmungen und Überlegungen. Und die wirken nicht so glatt und selbstverständlich, wie wir es von der weisheitlichen Warte aus gewöhnt sind, sondern in ihnen sind Spannung und Widerspruch zu spüren. Im 7. Kapitel des Buches Kohelet, wir nennen es auch „Prediger“ heißt es in den Versen 15-18:

15 Dies alles hab ich gesehen in den Tagen meines eitlen Lebens: Da ist ein Gerechter, der geht zugrunde in seiner Gerechtigkeit, und da ist ein Gottloser, der lebt lange in seiner Bosheit. 16 Sei nicht allzu gerecht und nicht allzu weise, damit du dich nicht zugrunde richtest. 17 Sei nicht allzu gottlos und sei kein Tor, damit du nicht stirbst vor deiner Zeit. 18 Es ist gut, wenn du dich an das eine hältst und auch jenes nicht aus der Hand lässt; denn wer Gott fürchtet, der entgeht dem allen.

Das Leben ist vergänglich, „eitel“, nennt er es, das muss jedem klar sein. Ist es ja auch, zumindest im Prinzip. Die Jugend muss und kann darüber leicht hinweggehen. Wer weiß, vielleicht nähme es ihr sonst den Elan die Welt zu erobern und zu gestalten? Und für die andern ist diese Wahrheit nur auszuhalten, indem man sie nicht auf sich anwendet. Aber so beginnt er und nennt daraufhin ganz klassisch These und Antithese: „Da ist ein Gerechter, der geht zugrunde in seiner Gerechtigkeit, und da ist ein Gottloser, der lebt lange in seiner Bosheit“ [Pred. 7,15] Ja, so ist es, können wir beipflichten und dabei so etwas wie Missfallen verspüren. Das Gefühl sagt, das ist nicht in Ordnung, das ist nicht gerecht. „Womit habe ich das verdient?“ ist dann unsere Hiobsfrage.

Mögen wir auch die Schlichtheit des Gedankens im Tun-Ergehen-Zusammenhang belächeln, genauso denken wir und genauso funktionieren wir. Was interessierte uns sonst all die Ratgeber-Literatur, die uns nicht nur eine reinere Haut, sondern gleich ein besseres, längeres und erfolgreicheres Leben in Aussicht stellt. Da sind wir auch unseres Glückes Schmied. Und gilt das nicht auch für den Klimawandel? Da bin ich doch mit meiner persönlichen Klimabilanz in der Verantwortung. Da kommt’s drauf an, was ich wann und in welcher Menge verzehre. Dem Konsumenten, also uns, wird die Verantwortung zugeschrieben für Wassermangel, Sturmschäden, Feinstaub, genauso wie für die prekären Produktionsbedingungen in den Schwellenländern und internationale Flüchtlingsströme. Und wir sind überfordert, treiben „business as usual“, resignieren oder flüchten uns in Abgrenzungen, die in gereiztem Ton gefordert und verteidigt werden.

Nicht selten führt uns die Debatte zur Aporie, will sagen zur Unmöglichkeit eine tatsächlich befriedigende Antwort zu geben. Das jüngste Beispiel ist die Diesel-Debatte um Feinstaub-Grenzwerte und daraus folgenden Fahrverboten. Wer hat recht?

Unser alter Weisheitslehrer zieht seinen Schluss und sagt: „Sei nicht allzu gerecht und nicht allzu weise, damit du dich nicht zugrunde richtest“ [Pred. 7,16]. Übertreib’s nicht mit dem Vertrauen auf deine Expertise, dein Wissen, deine Ansicht – es könnte sich herausstellen, dass du irrst! Und: „Sei nicht allzu gottlos und sei kein Tor, damit du nicht stirbst vor deiner Zeit“ [Pred 7,17]. Mach dich nicht von allem los, was dich und deine Vorfahren gehalten und euch bei der Orientierung geholfen hat!

In einem Sendebeitrag mit dem schönen Titel „Hässliches Hessen“ betrachtet Holger Weinert Bausünden im schönen Hessenland. Die Stadtautobahn in Marburg etwa, bei der die Planer, die „Hessen vorn“ sehen wollten, einst dem Verkehrsfluss höheren Wert beimaßen als dem Fluss (Lahn) selbst. Der wurde kurzerhand verlegt, um die vierspurige Schnellstraße mitten durchs Stadtgebiet zu treiben. Das Ergebnis wurde dann bejubelt und heute bedauert.

Wenn ich recht sehe, stellt uns der Prediger gleichsam auf ein Wackelbrett, neudeutsch „Balance Board“. Da gilt es, jede Bewegung gut auszubalancieren. Das Neue, das an mich herandringt, wohl wahrnehmen, hinsichtlich seiner Tauglichkeit befragen und angemessen nutzen, und dabei nicht das Kind mit dem Bade ausschütten, sondern das Bewährte bewahren und die alten Bindungen beachten.

Norbert Lohfink übersetzt unsere Verse: „Halte dich nicht zu streng an das Gesetz und sei nicht maßlos im Erwerb von Wissen! Warum solltest du dich selbst ruinieren? Entferne dich nicht zu weit vom Gesetz und verharre nicht im Unwissen: Warum solltest du vor der Zeit sterben? Es ist am besten, wenn du an dem einen festhältst, aber auch das andere nicht loslässt.“ [Pred. 7,16-18a]

Dieses kräftige Sowohl-als-auch zeigt die biblische Weisheitslehre von einer geradezu skeptischen Seite. Denk‘ nur ja nicht, dass das, was du denkst, alles ist! Die Einbahnstraße eines goldenen Mittelwegs versperrt der Prediger uns, genauso wie den Weg ins Extrem. Lass gelten, dass es nicht nur das eine, sondern auch das andere gibt und triff von Fall zu Fall eine kluge Wahl!

Und wie soll das zugehen? Wer hilft uns zur klugen Wahl?

Lohfink übersetzt den letzten Vers: „Wer Gott fürchtet, wird sich in jedem Fall richtig verhalten“ [Pred. 7,18b].

Man könnte im Verlauf der Gedanken, das Ganze für den Offenbarungseid eines von den Verhältnissen, den pluralen, globalen und komplexen Verhältnissen überforderten Menschen halten. Auch wenn er nicht alles oder sogar nichts versteht, und nicht mehr sagen als „Es ist, wie es ist“, so eröffnet gerade das einen neuen und unverfälschten Zugang zum Glauben. Der „weiß“ nicht, wie Menschen wissen wollen und wissen können, der „weiß“ nur, indem er sich im Vertrauen auf den lebendigen Gott drangibt. Der hat nichts in der Hand, geschweige denn in der Hinterhand, als allein diesen Glauben, dieses wankende und unumstößliche, riskante und sichere Vertrauen. Dessen einzig wahre Weisheit ist extra nos – außerhalb unserer selbst – sie ist nicht von uns, nicht hausgemacht, sondern eröffnet, offenbart und geschenkt. Ihr zu Ehren hat man einst in Konstantinopel eine prächtige Kirche gebaut – die Hagia Sophia.

Für uns heißt’s: Zurück auf’s Wackelbrett, aufs Balance Board! Unsere Weisheit reicht im besten Falle aus, ihre eigenen Grenzen zu erkennen. Schon das hilft, sich göttlicher Weisheit und göttlichem Rat zu öffnen. Darauf sind wir angewiesen.

Und der Friede Gottes, der höher ist, als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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