Palmsonntag

Text: Jes 50,4–9

Thema: Gottesknecht

Ev. Emmausgemeinde Eppstein

Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Der Palmsonntag eröffnet die Woche, die wir Karwoche nennen. Ein seltsames Wort, wie auch der „Karfreitag“. Der Wortbestandteil „Kar“ kommt aus der mittelhochdeutschen Zeit (1050-1350) und bedeutet so viel wie Klage und Trauer. Davon ist nichts zu merken, als Jesus in Jerusalem einzieht. Da sind vielmehr Freude und Jubel zu vernehmen. Heutige Zeitgenossen würden vielleicht von „Party“ reden – da ist was los und die Leute sind in guter Stimmung. „So ein Tag, so wunderschön wie heute, der dürfte nie vergehn!“ Sehen wir auf das Ende der Woche, ist die Freude verflogen. Was da geschieht, das fühlt sich alles andere als  lustvoll an. Hass und Häme, Gewalt, Schmerz und Tod stehen an. Erfahrungen, die wir in die allabendlichen Krimi-Folgen verbannt haben. Dort jagen sie uns allenfalls einen wohligen Schauer über den Rücken, können uns aber nicht existentiell beeindrucken. Wie anders, wenn wir all dem unmittelbar begegnen, wenn es sozusagen ein Gesicht bekommt.

Genau das passiert uns heute. Im Buch des Propheten Jesaja begegnen wir einem, der seine Erfahrungen schildert. Er macht sie als einer, dem Gott zu reden aufgegeben hat, dessen Ohr, wie wir’s im Lied von Jochen Klepper heute gesungen haben, von Gott geweckt wurde. Im 50. Kapitel lesen wir nach und nach die Verse 4-9.

Jesaja 50,4 Gott der HERR hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, dass ich wisse, mit den Müden zu rechter Zeit zu reden. Er weckt mich alle Morgen; er weckt mir das Ohr, dass ich höre, wie Jünger hören. 5 Gott der HERR hat mir das Ohr geöffnet.

Mir gegenüber – in der S-Bahn – sitzt eine ältere Frau. Mit müden Augen blickt sie auf das Display ihres Handys, während sie fast gedankenlos mit den Fingern darüberwischt. Nicht weit von ihr quasselt ein junges Mädchen ungebremst in ihr Smartphone, während bei dem Herrn im Anzug die dezent ins Ohr gesteckten Kopfhörer gelegentlich aufblinken. „Jeder für sich, Gott für uns alle“, hatte unser Lateinlehrer in den Klausuren als Devise ausgegeben. Hier ist die etwas andere Klausur eine alltägliche Veranstaltung.

Die Person, die in Jesaja 50 zu Wort kommt, lebt einen Gegenentwurf. Ihr hat Gott das Ohr geweckt und sie zum Reden begabt, dass es den Müden wohltue. Müde sind sie, weil all ihre schönen Gärten und Häuser, alles, was sie zusammengetragen, erarbeitet und erworben hatten, weil das alles nichts mehr ist. Es liegt in Trümmern, so wie ihr ganzes Leben. Denn sie sind politische Geißeln. Gefangene Nebukadnezars II. in Babylon.

Was den einen Babylon ist, ist den andern der Zusammenbruch ihres Lebensentwurfes. Kein Stein bleibt auf dem andern, was war und was ist, fühlt sich sinnlos an. Seit die so hoffnungsfroh begonnene Beziehung in Brüche gegangen ist. Seit die großen Pläne für Karriere und Erfolg auf dem Boden der Tatsachen zerschellt sind. Seit die Krankheit alle Sicherheiten in Frage gestellt hat.

Es ist ein Kreuz! Wir tragen die ersten hinaus und pflanzen sie in unseren Garten.

Dazu singen wir anderen Lied 88, die ersten beiden Strophen:

1) Jesu, deine Passion will ich jetzt bedenken; / wollest mir vom Himmelsthron Geist und Andacht schenken. / In dem Bilde jetzt erschein, Jesu, meinem Herzen, wie du, unser Heil zu sein, littest alle Schmerzen.

2) Meine Seele sehen mach deine Angst und Bande, / deine Schläge, deine Schmach, deine Kreuzesschande, / deine Geißel, Dornenkron, Speer- und Nägelwunden, /deinen Tod, o Gottessohn, der mich dir verbunden.

Dass da einer ist, der Schmerzen und Schmach mit mir teilt, ist das gut? Ist das wichtig?

Die Nachfrage geht in eine andere Richtung. In einer großen Wiesbadener Buchhandlung suche ich nach der Rubrik „Christliche Literatur“ und lande vor etlichen Regalmetern Beratungsliteratur und Cool-down-Anleitungen aus der buddhistischen Welt.

„Mach‘ was aus dir“, sagt man mir. Verwirkliche dich selbst! Endlich gibt es für viele von uns die Möglichkeit, eigene Pläne, Vorhaben und Wege zu verwirklichen, ohne dass andere, seien es gesellschaftliche Normen oder alte Autoritäten, einem dreinreden könnten. Gleichzeitig erzeugen Markt und Medien Bilder davon, wie wir zu sein hätten: schlank und rank, jung und hübsch, durchsetzungsfähig und auf die Verwirklichung der eigenen Ziele konzentriert. Schwächen sind da fehl am Platz, immerhin geht’s ja um Selbstoptimierung!

Die Person, die in Jesaja 50 zu Wort kommt, lebt einen Gegenentwurf: 6 Ich bot meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel.

Ist so einer nicht selbst schuld? Lässt sich – freiwillig! – zum Gespött machen. Geht, wenn es zum Äußersten kommt, gehorsam den Weg Jesu bis ans Kreuz. Wofür soll das gut sein? Etwa für uns, wenn an uns der Putz bröckelt? Wenn Entwicklungen oder Mitbewerber uns überholen? Wenn unser Weg zur Selbstverwirklichung unsere Grenzen schonungslos offenlegt?

Es ist ein Kreuz! Für unser Scheitern, für unsere engen Grenzen, für unsere ungeschminkte Unvollkommenheit tragen wir die nächsten Kreuze hinaus und singen von Lied 88 die Strophen 3 und 4:

3 Aber lass mich nicht allein deine Marter sehen, / lass mich auch die Ursach fein und die Frucht verstehen. / Ach die Ursach war auch ich, / ich und meine Sünde: / diese hat gemartert dich, dass ich Gnade finde.

4 Jesu, lehr bedenken mich dies mit Buß und Reue; / hilf, dass ich mit Sünde dich martre nicht aufs neue. / Sollt ich dazu haben Lust / und nicht wollen meiden, / was du selber büßen musst / mit so großem Leiden?

Wie kann einer das aushalten? Die andere Wange hinhalten, nachdem er auf die eine schon geschlagen wurde. Tragen und dienen auch all das, was Undankbare ihm aufgehalst haben. Fremde Schuld. Die Gottesferne derer, die Gott losgeworden sind, um sich selbst zu ermächtigen.

Drei Antworten sehe ich bei Jesaja. Erstens: 5 Gott der HERR hat mir das Ohr geöffnet. Und ich bin nicht ungehorsam und weiche nicht zurück.

Er lauscht, er hört und er gehorcht der Stimme, mit der Gott ihn anredet. Wenn ich das auch versuchen will, brauche ich stille Zeiten – jeden Tag. Zeiten, in denen all die anderen Stimmen schweigen, und ich schweigend zum Hören komme.

Zweitens: Tiefes Zutrauen hält und hilft aushalten, denn „Gott der HERR hilft mir, darum werde ich nicht zuschanden. Darum hab ich mein Angesicht hart gemacht wie einen Kieselstein; denn ich weiß, dass ich nicht zuschanden werde“ [V. 7].

So gewiss ist er sich, dass alles, was ihn verletzen oder umbringen soll, ihn nicht zum Schweigen bringen kann. Ja, er weiß, dass er das Rechte tut und er sein Recht bekommt: „8 Er ist nahe, der mich gerecht spricht; wer will mit mir rechten?“

Und drittens: Er ist nicht allein. Andere teilen seine Erfahrungen, sie sind mit ihm. Jetzt kommt es darauf an, dass sie sich dazu bekennen. „Lasst uns zusammen vortreten!“ [V. 8]

Das Kreuz des andern, das Kreuz der andern ist auch mein, es ist auch unser Kreuz. Wie Paulus an die Korinther schreibt: „Wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit“ [1. Kor 12,26a].

Es ist ein Kreuz! Für unsere Berufung, auf Gott zu hören, nicht zurückzuweichen und unser Kreuz auf uns zu nehmen, tragen wir nun alle Kreuze heraus und pflanzen sie in den Garten. Wir singen die beiden letzten Strophen des Liedes 88:

5 Wenn mir meine Sünde will / machen heiß die Hölle, / Jesu, mein Gewissen still, / dich ins Mittel stelle. / Dich und deine Passion / lass mich gläubig fassen; / liebet mich sein lieber Sohn, / wie kann Gott mich hassen?

6 Gib auch, Jesu, dass ich gern / dir das Kreuz nachtrage, / dass ich Demut von dir lern / und Geduld in Plage, / dass ich dir geb Lieb um Lieb. / Indes lass dies Lallen – / bessern Dank ich dorten geb –, / Jesu, dir gefallen.

Jetzt künden die von Ihnen gestalteten Kreuze vom Glauben der Christen. Sie vergegenwärtigen die Botschaft vom Kreuz, die Leben und Tod, Tod und Auferstehung verbindet. Und sie erinnern uns daran, dass Gott selbst uns das Ohr weckt, damit wir an den Kreuzungen unseres Lebens, wissen, wohin er uns ruft.

Und der Friede Gottes, der höher ist, als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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