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06.01.2019

Epiphanias

Text: Mt 2,1–12

Thema: Auf dem Weg

Ev. Emmausgemeinde Eppstein

Pfarrer Moritz Mittag

 

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

„Mit 50 € um die Welt“ – das ist nicht nur ein frommer Wunsch, das ist keine Utopie, sondern ein Buchtitel. In „Mit 50 € um die Welt“ beschreibt Christopher Schacht seine mehrere Jahre dauernde Reise in die Welt. Der Verzicht auf die finanzielle Absicherung sollte die direkte Begegnung mit den Menschen der bereisten Länder zu einem unverstellten und unmittelbaren Erlebnis machen. „Ich wollte nicht die so häufig geschönten Touristen-Fassaden sehen, sondern das echte Land und Feeling kennen lernen“, sagt er in einem Interview [Focus 4.10.2015].

Was treibt einen Abiturienten, sich auf ein solches Abenteuer mit sicher großen und gewiss auch mit verzichtbaren Erlebnissen einzulassen? „Ich hatte schon seit meinem 17. Lebensjahr den starken Drang, die Welt zu sehen“ [ebd.]. Wieso?

Was sucht einer, der den Atlantik auf der 12m Segelyacht einer Zufallsbekanntschaft überquert? Was sucht einer, der sich diverse Male durch den Urwald schlägt und Wüsten durchwandert? Das Abenteuer? Irgendwann hat man davon doch genug? Sonnenaufgänge, grandiose Naturschauspiele, die Vielfalt der Kulturen, Menschenbegegnungen? Erklärt es das?

Die Männer, die sich eines Tages vom Morgenland aus auf den Weg machen, haben einen Stern, vielleicht auch einen Kometen beobachtet. Für die Himmelsdinge haben sie ein tieferes Verständnis. Und da, wo sie herkommen, aus Babel vermutlich, hat das Tradition. Wir stellen uns vor, die drei beobachten den nächtlichen Himmel und erkennen mit einem Mal einen Himmelskörper, den sie zuvor noch nie gesehen hatten. Es gehört zu den menschlichen Eigenschaften, das, was man sieht, in Beziehung zu sich selbst zu setzen und in der Folge, das Gesehene zu deuten. Dafür müssen die Männer, traditionell ist die Rede von dreien, nicht besonders kreativ werden. In ihrer Zeit erkennt man in solchen Himmelserscheinungen Hinweise auf besondere Ereignisse auf Erden. Beispielsweise die Geburt eines göttlichen Kindes. Bei Augustus sah man das so. Nun also brechen die drei auf und folgen dem Stern, der sie zu dem „neugeborenen König“ [Mt 2,2] führen soll. Es ist aus unserer Sicht ein Aufbruch ins Ungewisse. Nur der Stern weist den Weg.

Nicht immer, wenn wir aufbrechen, leitet uns ein Stern, obwohl wir uns wünschen, dass unser Vorhaben „unter einem guten Stern“ stehen möge. Aber was die drei Magier, den jungen Schacht und uns, uns vermutlich mit weitaus geringerem Einsatz, verbindet, ist, dass auch wir eigentlich schon mit unserer Geburt aufbrechen und uns in ein unbekanntes Land begeben, wir nennen es „Zukunft“.

Da wollen wir hin. Da suchen wir unser Glück. Irgendwann liegt diese Zukunft hinter uns. Und rückblickend, wenn die Erinnerung manches milder zeichnet, anderes größer macht oder dramatischer darstellt, rückblickend sehen wir uns auch Wüsten durchqueren, den Dickicht eines Dschungels überwinden, Baden gehen in jeder Hinsicht, Hinfallen und wieder Aufstehen und vieles andere mehr…

Und, wer weiß, womöglich sind wir selbst dann noch immer nicht angekommen, sind wir noch immer auf der Suche.

Was leitet uns dabei? Und was ist unser Ziel?

Die drei Magier folgen dem Stern. Der führt sie nach Jerusalem. Dort vermuten sie den Geburtsort des Kindes, von dem der Stern ihnen kündet. Aber da ist es nicht.

Verlaufen gehört wohl dazu, wenn man sucht und sich in unbekannte Gebiete wagt. Und zu viel Gepäck kann man bei der Suche auch nicht brauchen. Der junge Schacht kommt mit einem nicht allzu schweren Rucksack aus – für drei Jahre! Bei den drei Männern ist überhaupt keine Rede vom Gepäck, sieht man einmal von den Geschenken ab, die sie dem gesuchten Kind überreichen wollen. Die sind edel und kompakt: Gold, Weihrauch und Myrrhe.

Nicht nur Verlaufen gehört dazu, manchmal geht einem auch der Orientierungspunkt verloren. Man verweilt länger, man kommt vom Hauptweg ab, oder sogar der Antrieb ist weg, so geht’s den Dreien, wenn der Stern nicht zu sehen ist. Bei Tag sowieso, aber wenn Wolken den Nachthimmel bedecken, fehlt den Magiern die Führung. Geht uns das nicht auch so? Dass vieles sich vor unser Leitbild – das muss kein Stern sein – stellt. Für die Jungen sind es die schier unbegrenzten Möglichkeiten, die es ihnen schwer machen, sich über das eine oder das Wesentliche klar zu werden. Man könnte ja auch noch dies und auch noch das… Und wir, wir haben Mühe Ängste und Sorgen nicht zu unseren wichtigsten Beratern werden zu lassen. Einwände verstellen uns oft den Weg, nicht zu reden von Beschwerden und Gebrechen. Und unser Ziel? Kennen wir es überhaupt noch?

Aber die Drei bleiben dran an ihrem Vorhaben und sobald der Stern wieder leuchtend am Himmel steht, wissen sie, wohin und was sie wollen.

Sie wollen zu dem Kind, das uns Matthäus hier als einen Großen darstellt, als den Sohn, den Gott in die Welt gesandt hat. Damit beleuchtet er die andere Seite, die wir an der Krippe der Weihnacht des Lukas weniger deutlich wahrgenommen haben. Da waren wir im Stall, hatten sozusagen den Geruch in der Nase, der zu uns und unserer Welt gehört. In die ist der menschgewordene Gott gekommen.

Und nun Matthäus. Er lenkt das Augenmerk auf die andere Seite, darauf dass in diesem Kind, in diesem Jesus, der Christus, der Gesalbte, der König der Welt, in unsere Mitte gekommen ist. Wer ihm begegnet, wer ihn aufsucht, dem öffnet sich ein ums andere Mal der Himmel. Gott tritt in Erscheinung. Epiphanias.

Die Gemeinde des Matthäus, die sein Evangelium liest, wird die Anspielung verstanden haben. Sie sind Christen, die aus dem Judentum kommen. Die drei aus dem Morgenland aber wissen, wem sie zu folgen und zu huldigen haben. Für das eigene Volk, in das das Kind hineingeboren wird, scheint immer noch Jesajas Feststellung zu gelten, „ein Ochse kennt seinen Herrn und ein Esel die Krippe seines Herrn; aber Israel kennt’s nicht, und mein Volk versteht’s nicht“ [Jes 1,3].

Dass uns das bloß nicht so geht, während wir unserem Stern folgen! Dass wir bloß nicht irgendwelchen Stars und Sternchen hinterherlaufen, dass wir nicht bei all unserem Suchen und Laufen an dem vorbeisehen, der zu uns gekommen ist, um uns seine Liebe und aus ihr das Leben, das auch den Tod überwindet, zu schenken!

Der junge Mann, der mit 50 € um die Welt gereist ist, 45 Länder besucht, 100.000 km zurückgelegt hat, berichtet von der alten, indischen Witwe Lakshmi, die er in Fiji traf, und ihrem schweren Leben. Sie hat ihn tief beeindruckt, als sie von ihrer spirituellen Erleuchtung erzählte, nachdem eine Gruppe von Australiern für sie gebetet hatte. „Sie brachte mir einen Brief der Australier, den sie ja nicht lesen konnte, damit ich ihn ihr vorlas. Es ging zunächst um einige persönlichen Dinge und endete mit: „Jesus loves you!“ Hunderte Male vorher hatte ich diesen Satz schon gelesen, aber nie traf es mich innerlich so, wie in diesem Moment!“ [Focus 4.10.2015]

Offenbar ist das dem jungen Mann zum Stern geworden, zum Leitbild, das ihn seither bewegt. Wenn er jetzt, wieder zuhause, angefangen hat, Theologie zu studieren, hat er sich jedenfalls auf einen spannenden Suchweg begeben, diesem Jesus und seiner Liebe zu begegnen. Dieser Weg hört ein Leben lang nicht auf, er kennt keine Kilometer-Begrenzung, er hört nicht auf, auch dann nicht, wenn es tatsächlich zu solcher Begegnung gekommen sein wird. Er findet sein Ziel erst in der vollkommenen Gemeinschaft mit dem, der zwischen Ochs und Esel und damit auch unter uns zur Welt gekommen ist.

Und der Friede Gottes, der höher ist, als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.