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01.01.2019

Neujahr

Text: Ps 34,15

Thema: Jahreslosung 2019

Ev. Emmausgemeinde Eppstein

Pfarrer Moritz Mittag

 

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Nicht nur die Sektkorken haben gestern geknallt. Das neue Jahr hat in der vergangenen Nacht begonnen, und wir waren dabei. Viele haben im Laufe der Jahre ihre eigenen Rituale entwickelt, mit diesem in den Kalender gesetzten Datum umzugehen. Einige legen sich ins Bett und vertrauen darauf, dass sie am nächsten Morgen schon im richtigen Jahr aufwachen werden. Für andere steht eine fröhliche Feierrunde im Mittelpunkt. Gutes Essen, so anregende Getränke wie auch Gespräche. Worum die sich wohl drehen in diesen Zeiten?

Viele schauen zurück auf das vergangene Jahr und nehmen dabei Maß an ihren Lebenserfahrungen. Manchmal relativiert das das Schlechte im Guten und man kommt am Ende zu dem Schluss: Wir haben’s gut und wir hatten’s gut. Das Andenken an die, die nicht mehr unter uns sind, lässt manche Episode der Vergangenheit wieder lebendig werden. Dann wird gelacht und vielleicht sind danach die Augen etwas feuchter.

Vermutlich wird von Arbeitslosigkeit und Inflation keine Rede sein. Der Arbeitsmarkt zeigt sich stabil und die Inflationsrate liegt niedrig, nur von den Zinssätzen unterboten. Zukunftsprognosen, das könnte ich mir vorstellen, sind immer ein Thema. Wie wird sich der innere Zusammenhalt der Gesellschaft entwickeln? Wie können wir in einer sich verändernden Welt dieselben bleiben? Ist die Klimafalle schon zugeschnappt oder ist noch was zu retten? Und natürlich die andern Droh-Themen der Politik: Der Brexit, the bigest twitterer ever, die Migration, China und Russland.

Ob viel über den Frieden gesprochen wurde? Ich kann es mir fast nicht vorstellen. Wir haben uns daran gewöhnt, dass wir in Frieden leben, das, was man so nennt. Seit 74 Jahren – das ist fast ein Menschenalter – ist das so. Gut, aus den Augenwinkeln nehmen wir wahr, dass es viele, viel zu viele Regionen in der Welt gibt, für die das nicht gilt. Und ja, wir fühlen uns schon unangenehm berührt, wenn wir in Europa auf die Ukraine, den Donbass und die Krim sehen. Da hat sich jemand ungeniert am Territorium des Nachbarstaates bedient. Und der Appetit ist ungebrochen.

In Frankreich gibt es seit einigen Wochen viel Diskussionsstoff, weil sich eine Phalanx der Unzufriedenen gebildet hat, die in gelben Westen auf die Straßen gegangen sind. Dabei ist es nicht geblieben. Fahrzeuge und Barrikaden haben gebrannt, Geschäfte wurden geplündert, nationale Denkmale besudelt. Der Zorn der Menschen ist groß und manche leben darin ihr Vergnügen an der Randale aus. Aber vom Frieden künden solche Ereignisse, wie wir sie anlässlich des G 20-Gipfels in Hamburg ja auch erlebt haben, nicht.

Wer weiß, vielleicht gab es in der einen oder anderen Gesprächsrunde der langen Nacht auch gänzlich unversöhnliche Positionen. Oder man hatte sich zuvor schon vorgenommen, die strittigen Themen großräumig zu umschiffen.

Was sagt uns da die Jahreslosung 2019? „Suche Frieden und jage ihm nach“ [Ps 34,15]. Es ist der Teil eines Verses aus dem 34. Psalm. Sieht man auf dessen Versanfänge, so geben die Anfangsbuchstaben fast das ganze hebräische Alphabet wieder. Alles will bedacht sein aus der weisheitlichen Perspektive, die der Psalmbeter einnimmt.

Beim ersten Hören unseres Verses – „Suche Frieden und jage ihm nach“ [Ps 34,15] – fiel mir die innere Spannung der Aussage auf. „Frieden“ und „jagen“ – nun möchte niemand zu nahe treten, auch keiner Jägerin und keinem Jäger, aber Jagd und jagen sind bei mir nicht die engsten Nachbarn des Friedens. Zumindest kann ich mir in Jesajas Vision eines Friedensreiches, in dem „der Wolf beim Lamm wohnen und der Panther beim Böcklein lagern“ [Jes 11,6] wird, Jagen und Jagd nicht gut vorstellen. Einerseits.

Und andererseits liegt es auf der Hand, woran dem Psalmbeter gelegen ist, erst recht, wenn man den ganzen Vers in den Blick nimmt. Da heißt es nämlich: „Lass ab vom Bösen und tue Gutes; suche Frieden und jage ihm nach“ [Ps 34,15]. So ähnlich hören wir das auch bei den Propheten. Bei Amos beispielsweise: „Suchet das Gute und nicht das Böse, auf dass ihr lebet und der Herr, der Gott Zebaoth, mit euch sei, wie ihr rühmt“ [Am 5,14]. Im Psalm folgt auf eine Forderung zur Unterlassung des Bösen die Aufforderung zum Tun des Guten. Die weitergeführt in den Worten unserer Jahreslosung „Suche Frieden und jage ihm nach“ [Ps 34,15].

Suchen und jagen. Das gehört zusammen. Ich denke an die Jagdhunde, die, die Nase am Boden, dem Wild auf der Spur sind. Sie suchen und jagen dabei gleichzeitig die in Aussicht gestellte Beute. Hier im Psalm handelt es sich um den Frieden.

Er soll gesucht werden. Auch da, wo er nicht in Sicht zu sein scheint, wo anderes sich in den Vordergrund gerückt hat, der Konflikt, der Streit, der Kampf, der Krieg, auch da gibt es den Frieden – irgendwo – suche ihn! Wie ein Fahnder, der beim Zoll das Gepäck dem Rauschgift, der bei der Kripo einem Kapitalverbrecher auf der Spur ist. Und ein weiteres Merkmal ist dieser Suche eigen, eine Aktionsart, die durch das zweite Verb ins Spiel kommt: „Jage ihm nach“. Du musst ihn unbedingt wollen, du sollst deine Instinkte bei der Suche nach dem Frieden einsetzen, du darfst nicht nachlassen, bis du ihn hast.

Aber können wir diesen Frieden denn überhaupt „haben“ – im Sinne von besitzen? Ich kann es mir nicht vorstellen. Erst recht nicht auf dem Hintergrund der Vorstellung, die das Wort „Shalom“ wachruft. „Shalom“ meint ein umfassendes Heil-Sein, ein mit Gott im Reinen sein. Das kann ich nicht von mir aus, ganz gleich, ob ich suche oder jage, erreichen.

„Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch“ [Joh 14,27], höre ich Jesus sagen. Also da kommt er her. Aber diesen Frieden hat Jesus in die Welt gesetzt. Das Kreuz steht dafür. Dieser Friede ist uns gegeben. Er ist da. Insofern können wir ihn in der Tat suchen und das mit allem Einsatz. Ja, wir können ihm nachjagen und uns dabei nicht ablenken lassen von all dem andern, was lockt und reizt. Wie der Spürhund sollen wir bei der Sache bleiben. Und das heißt in dem Fall bei Gott bleiben und dem, was er will. Davon haben die Engel gesungen: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens“ [Lk 2,14].

Und der Friede Gottes, der höher ist, als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.