Andacht zum Wochenspruch am 2. Sonntag nach Epiphanias

Von seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade.
Joh. 1,16

Kennen Sie das auch: Ein Kind hat mal eine Dummheit begangen, wird erwischt und steht dann da vor den Eltern wie ein begossener Pudel und muss sich eine Strafpredigt anhören, und zum Schluss kommt dann noch der Satz: wenn du das noch einmal machst, dann gnade dir Gott.

Ooh ooh, ganz schön bedrohlich, Angst machend, kein schönes Gefühl. So ein Satz war durchaus als Drohung gedacht, aber auch missverständlich: nicht vor der Gnade Gottes hat man sich zu fürchten, sondern vor dem, was davor als Strafe kommt, denn die ist so schlimm, dass einem nur noch die Gnade Gottes davor retten kann. Diese Drohung war wohl öfters auch einer gewissen Hilflosigkeit gegenüber einem ungehorsamen Kind geschuldet und stand sicher in keinem Erziehungsratgeber.

Von seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade.

Die Fülle, das hört sich nach unendlich viel an. Herr Mittag hatte am Sonntag das Füllhorn vor Augen, aus dem die Gnade unaufhörlich fließt. Ich denke an das Meer und seinen immerwährenden Kreislauf, in dem kein Tropfen verloren geht. Diese Fülle ist, wie das Meer, unendlich, niemals zu Ende, Gnade um Gnade, immer mehr Gnade, und wir können sie empfangen, immerzu. Sie ist  ein Geschenk, umsonst, wir müssen Gott dafür nichts vorweisen, um von ihm geliebt zu werden, wir müssen es uns nur gefallen lassen.

Diese Erkenntnis haben wir Martin Luther zu verdanken, der sich mit der Frage »wie  bekomme ich einen gnädigen und gerechten Gott?« derart gequält hat, ja in schlimmste Gewissensnöte dadurch gebracht hat, bis er beim Bibelstudium die erlösende Stelle im Römerbrief erkannte: Zitat: Römer 3. 21-26   »Nun aber ist ohne Zutun des Gesetzes die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, offenbart, bezeugt durch das Gesetz und die Propheten. Ich rede aber von der Gerechtigkeit vor Gott, die da kommt durch den Glauben an Jesus Christus zu allen, die glauben. Denn es ist hier kein Unterschied: Sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhms, den sie vor Gott haben sollen, und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist. Den hat Gott für den Glauben hingestellt zur Sühne in seinem Blut zum Erweis seiner Gerechtigkeit, indem er die Sünden vergibt, die früher begangen wurden in der Zeit der Geduld Gottes, um nun, in dieser Zeit, seine Gerechtigkeit zu erweisen, auf das er allein gerecht sei und gerecht mache den, der da ist aus dem Glauben an Jesus.«

Kurz zusammengefasst: allein durch den Glauben werden wir durch Gottes Gnadengeschenk gerecht gemacht, das geschieht durch Jesus Christus der all unsere Schuld, die schon Begangene und die Zukünftige auf sich genommen hat und dafür am Kreuz gestorben ist.

Jetzt könnte man denken, wenn das so ist, dann kann man ja munter drauf los leben, sozusagen ohne Verstand, in Saus und Braus, egoistisch, ohne die Folgen eines solchen ausschweifenden Lebensstils zu bedenken.

Nein, so nicht! Wir können doch nicht Gott, der seinen Sohn für uns geopfert hat und der uns immer wieder seine Gnade erweist, so vor den Kopf stoßen, da muss man doch vor Scham im Boden versinken. Die so reich geschenkte Gnade, sie muss doch in uns etwas bewirken. Luther sagt das so: »Indem sie wissen (die Menschen), dass sie selbst bedingungslos von Gott angenommen sind, können sie sich selbst an andere verschenken, sozusagen aus sich „herausgehen“ und anderen Gottes Liebe weitergeben.«

Also aus Dankbarkeit für die erwiesene Gnade dürfen wir schon Gutes tun, jeder nach seinen Möglichkeiten und ohne Hintergedanken, bei Gott dafür eine Sonderstellung zu erlangen.

Ich komme nochmal auf das ungehorsame Kind vom Anfang zurück, welch ein glückliches, erlösendes Gefühl war es doch, wenn man nach ein paar Stunden der Traurigkeit und Scham von Vater oder Mutter in den Arm genommen wurde, die dicke Luft verraucht war und man zu hören bekam »komm, es ist wieder gut, wir haben uns wieder lieb.«

So wie liebende Eltern ihr Kind nicht fallen lassen, so lässt auch Gott uns nicht fallen, was immer in unserem Leben geschehen mag – auch Trauriges und Zerstörendes. Gott hält an uns fest, und seiner Gnade können wir vertrauen.      
Amen  

Inge Reif

Gebet    (von Traugott Giesen)

Herr allen Lebens, du Geheimnis der Welt!
Verborgen und dunkel handelst du mit uns in dem, was geschieht.
Du bist die Quelle aller Energie. 
In Werden und Vergehen treibst du dein Werk: Du baust das Reich deiner Liebe
Verbinden wirst du alles mit dir, und du wirst der Ganze sein.
Aber noch strömt so viel unversöhnt durcheinander. 
Jeder baut um sich herum seine kleine Welt, nimmt sich was er kann, 
bis ein Stärkerer ihn hindert.                                             
Wir halten nicht Schritt mit deiner Freundlichkeit. Wir sichern lieber, was wir haben, statt vorzubereiten was wir werden. 
In uns willst du deine Liebe leben, mit uns deine Freude teilen, aber wir sehen nur auf unseren Weg und bleiben arm an Herzlichkeit und Freude.
Doch Gott und Herr, häng uns nicht ab, gib uns nicht auf. 
Öffne von innen unsere Gedanken und Sinne.
Schließe uns an an deinen Lebensstrom, weite unser enges Weltbild, dass wir uns wieder wundern über deine Großzügigkeit und Phantasie. 
Gib uns Zeit, zu staunen und zu danken. Lehre uns, den Zusammenhang aller Dinge zu erleben. 
Alle, die sich abgesprengt und verlassen vorkommen, öffne zu neuer Freundschaft. Unsere Friedlosigkeit verwandle in Vertrauen. Unser Festhalten in Hingabe, unser Klagen in Dank.                                                  
Amen