4. Sonntag nach Trinitatis

Predigttext: 1. Mos 50,15-21
Predigtthema: Vergebung
Ev. Emmausgemeinde Eppstein
Prädikantin Brigitte Wehr

Der Predigttext für den heutigen Sonntag steht in 1.Mose Kap.50. Es sind die letzten Verse der Josefsgeschichte.

Sie erinnern sich sicher? Die spannende Geschichte von Josef dem Träumer. Er wird vom Vater bevorzugt, von den Brüdern beneidet. Mordgedanken… Dann wird der Bruder an eine Karawane verkauft, der Vater belogen (ein wildes Tier hat ihn gefressen) und Josef landet in Ägypten. Mal geht es ihm gut, mal weniger gut. Aber er macht Karriere und steigt zum 2.Mann im Staat auf, direkt nach dem Pharao.

Dann kommt die vorhergesagte Hungersnot. Josefs Brüder wollen in Ägypten Getreide kaufen. Sie erkennen den Bruder nicht. Er spricht nur durch einen Dolmetscher mit ihnen. Letztlich begegnet er ihnen aber nicht mit der verdienten Vergeltung. Er übt keine Rache, sondern begegnet ihnen mit Großmut und der Bereitschaft zur Vergebung und Versöhnung.

So geht das Leben seinen Gang bis zu dem Tag als das Familienoberhaupt, Vater Jakob, in hohem Alter stirbt.

Und da beginnt die Angst und Sorge der Brüder. Wie wird sich Josef jetzt verhalten, wenn der Vater nicht mehr da ist? Kommt nun die späte Rache? Wie geht es jetzt weiter? Eine Frage, die bis heute über mancher Familiengeschichte steht. Wie geht es weiter, wenn die Eltern gestorben sind? Wer kümmert sich darum, dass die Familie in Verbindung bleibt, dass die Geschwister miteinander reden, sich besuchen, fragen wie es den einzelnen geht?

In Jakobs Familie war es so:

15. Die Brüder Josefs aber fürchteten sich, als ihr Vater gestorben war, und sprachen: Josef könnte uns gram sein und uns alle Bosheit vergelten, die wir an ihm getan haben. 16. Darum ließen sie ihm sagen: Dein Vater befahl vor seinem Tode und sprach:

17. So sollt ihr zu Josef sagen: Vergib doch deinen Brüdern die Missetat und ihre Sünde, dass sie so übel an dir getan haben.

Nun vergib doch diese Missetat uns, den Dienern des Gottes deines Vaters! Aber Josef weinte, als sie solches zu ihm sagten. 18. Und seine Brüder gingen hin und fielen vor ihm nieder und sprachen: Siehe, wir sind deine Knechte.

Josefs Brüder haben Angst, Angst um ihr Leben. Sie schieben die Autorität des Vaters vor und den gemeinsamen Glauben. Ja, sie trauen sich nicht einmal selbst zu gehen, sondern schicken einen Unterhändler (V.16).

Und Josef? Er weint. Es wird nicht genau gesagt warum, ob wegen mangelnden Vertrauens, aus Rührung, Schmerz oder Erleichterung. Auf jeden Fall bewegt das Weinen die Brüder. Sie kommen zu einem ehrlichen, eigenen Schuldgeständnis. Sie wollen wieder gut machen. Sie unterwerfen sich und bieten sich selbst als Sklaven an. Sie bitten um Vergebung.

Um was bitten sie da eigentlich genau? Freilich wollen sie zunächst ihre Angst, ihr schlechtes Gewissen, die Sorge um ihre Familien loswerden. Noch mehr?

Wenn man früher für einen Begriff eine Erklärung suchte, schlug man in einem schlauen Buch nach. Heute – so habe auch ich inzwischen gelernt – guckt man bei Wikipedia. Und da lese ich zu Vergebung:

“eine Person, die sich als Opfer empfindet, verzichtet auf den Schuldvorwurf.” Soll Josef auf den Schuldvorwurf verzichten?

Vergebung betrifft wohl die Beziehung von Personen. Die eine Seite fühlt sich als Opfer, die andere verursacht Verletzungen und wird schuldig. (Keiner von uns gehört immer nur auf die eine Seite). Auch die ‘Schwere’ der Schuld spielt keine Rolle. Das können ‘Kleinigkeiten’ sein, etwa ein ganz verächtlicher Blick, das können böse Worte sein (Mobbing in den sozialen Medien hat Hochkonjunktur), bis hin zu Betrug, Gewalt, Mord, Krieg … Und da soll ich immer auf den Schuldvorwurf verzichten?

Und was ist eigentlich, wenn eine der beiden Seiten nicht mitspielt, wenn einer kein Interesse an einer Versöhnung hat? Oder vielleicht schon gestorben ist? Ein Mensch sieht sein Verschulden ein. Er überwindet sich, geht zu dem Geschädigten und bittet um Vergebung. Die Antwort: Du kannst dir deine Worte sparen… das vergesse ich dir nie… Muss der Schuldige auch dann weiterhin unter seiner Schuld leiden?

Oder umgekehrt: Ein Mensch wurde sehr verletzt, er ringt sich durch und bietet dem Verursacher seine Vergebung an. Antwort: Das war richtig, ich würde es wieder tun … Muss er dann weiter unter seiner Verletzung leiden?

Dabei dachte ich an Tilman Geske. In 14 Tagen wäre er 60 Jahre geworden. Er lebte mit der Familie in Anatolien. Sie unterstützten christliche Gemeinden und betrieben einen kleinen Buchverlag. 2007 wurden er und zwei türkische Mitarbeiter von fanatischen Muslimen grausam ermordet. Seine Frau Susanne kam mit den Kindern wieder nach Deutschland. Einige Zeit später ging sie zurück in die Türkei und sagte: Ich will keine Rache. Ich habe den Mördern meines Mannes vergeben. Die Täter wurden gefasst und bestraft. Ob die Angehörigen von George Floyd jemals in der Lage sind, dem Polizisten zu vergeben, der minutenlang auf seinem Hals kniete?

Bei Wikipedia kann man lesen: “Dieser primär innerseelische Vorgang der Vergebung, kann unabhängig von Einsicht und Reue des Täters vollzogen werden.” Und: “Psychologen haben beobachtet, dass Vergebung die Gesundheit, das Wohlbefinden und die Selbstwertschätzung verbessert.”

Na dann, lasst uns Vergebung üben!

Nur, wie macht man das eigentlich konkret? Ganz so einfach, wie manche Redewendungen vorgaukeln, ist es nämlich gar nicht.

Ich kann zwar sagen: ”Okay, ist vergeben und vergessen.” (Können sie etwas gezielt vergessen??)

Oder: “Gut, Schwamm drüber. Zeit heilt Wunden.” Das stimmt, aber manchmal bilden sich unter der scheinbar heilen Oberfläche Geschwüre, die später ganz unerwartet wieder aufbrechen können.

Vergeben ist also nicht einfach vergessen, oder verleugnen, oder Nachsicht üben … denn die Vergangenheit wird durch Vergebung ja überhaupt nicht verändert. Was geschehen ist, ist geschehen! —– Aber die Zukunft wird sich ändern!!

Auch in der Josefsgeschichte wird die Schuld der Brüder nicht ausgelöscht. Sie bleibt immer Teil der Familiengeschichte. Josef vergibt den Brüdern. Und wie macht er das?

Bei der Vorbereitung stieß ich in einem Kommentar auf den Hinweis, dass man Vers 17 besser anders übersetzt. Anstelle von: Vergib doch deinen Brüdern die Missetat und ihre Sünde, dass sie so übel an dir getan haben sollte es besser heißen: Nun trage du doch die Missetat und ihre Sünde, dass sie so übel an dir getan haben. Wie bitte: Josef soll die Schuld tragen??

Ich habe diesen Vers in 8 verschiedenen Übersetzungen nachgelesen. Überall hieß es: … vergib doch Leider kann ich selbst kein Hebräisch. Ich rief eine Freundin an. “Wie wird Vers 17 übersetzt? …. Vergib ihnen …. Komisch? Gibt es keine Alternative? Moment, ich schaue im großen hebräischen Wörterbuch nach. Nach kurzer Zeit kam der überraschte Rückruf: Du hast recht. Das Wort (‘nasa’), das dort steht, kann auch übersetzt werden mit: tragen, auf sich nehmen, aufheben, aufladen, annehmen, nicht nachtragen …………

Gibt das der Vergebung nicht einen viel tieferen Sinn? Josef soll die Brüder nicht allein lassen mit ihrer Schuld, sondern mittragen. Die Vergangenheit nicht vergessen, nicht verleugnen und nicht unter den Teppich kehren. Josef kann ohne Triumpf, ohne Rechthaberei, ohne Überheblichkeit mittragen. Die innere Größe und Freiheit dazu hat er, weil er seine Zuständigkeit kennt.

19. Josef aber sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes statt? 20.Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk. 21. So fürchtet euch nun nicht; ich will euch und eure Kinder versorgen. Und er tröstete sie und redete freundlich mit ihnen.

Genau das dürfen wir als Christen auch tun, weil wir wissen: Christus ist das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt wegträgt (Joh.1,29). Das ist Vergebung. Er hat unsere Schuld schon auf sich genommen. Davon leben wir. Deshalb sind wir frei, anderen die Schuld nicht nachzutragen.

Das geht freilich nicht automatisch. Wir müssen es w o l l e n. Und wir dürfen das ohne Vergeltungs- und Rachegedanken in völliger Freiheit ü b e n.

Wie anders würde unsere Welt aussehen, wenn mehr Vergebung und Versöhnung untereinander geübt würde – in den Familien, in den Gemeinden, unter Politikern, unter Geschäftspartnern, zwischen Palästinensern und Israelis, zwischen Menschen verschiedener Volksgruppen in Afrika, ……………..

Fangen wir selbst doch damit an, in unseren eigenen Beziehungen. Geben wir unseren Teil, sei es das schuldig werden oder das verletzt werden, vertrauensvoll im Gebet an Gott ab. Das macht uns frei und öffnet die Zukunft.

Dazu helfe uns Gott durch seine Kraft und seinen Heiligen Geist. Amen.