Silvester
Text: Joh 6,37
Thema: Bedingungslos
Ev. Emmausgemeinde Eppstein
Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Es ist erst ein paar Tage her, da haben die Kinder das Krippenspiel aufgeführt. Alle haben gebannt zugesehen und verfolgt, was dort geschah. Die Älteren konnten sich das sicher schon vorher vorstellen. Es war nicht das Überraschungsmoment, im Gegenteil, es war die Wiederholung des Bewährten. Man weiß, was kommt. Man weiß, wie es geht. Man weiß, wer welche Rolle spielt. Vielleicht auch, weil man selbst mal das Schaf war oder ein Engel oder ein mürrischer Wirt.

Als Kind mochten wir die Tiere gern, die Engel hatten etwas Faszinierendes an sich, Engel halt! Maria und Josef konnten auf unser Mitgefühl zählen, und das Verhalten der Wirte empörte uns. „Ja, sehen die denn nicht, in welcher Not Maria ist?“

All das liegt lange zurück. Im Krippenspiel taucht es wieder auf aus längst ins Vergessen gesunkenen Erinnerungen. Auch die Gefühle sind wieder da: „Ja, sehen die denn nicht, in welcher Not Maria ist?“ Zwischen dem Krippenspiel der Kindertage und heute können Jahrzehnte liegen. Am letzten Abend des Jahres 2022 sind es „nur“ die vergangenen 365 Tage. Am Ersten hörten wir auf die Jahreslosung 2022 aus Johannes 6,37: „Jesus spricht: Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.“

Wir waren, von einigen skeptischen Grundtönen abgesehen, optimistisch. Das vor uns liegende Jahr würde uns das Ende der Pandemie erleben lassen. Normalität wäre wieder Alltag. Nicht nur die Kurse an den Börsen gingen nach oben, auch unser aller Stimmung. Dann aber bekam die Losung eine unvorhergesehene Bedeutung. Es kamen tatsächlich viele, nein, Tausende. Nicht nur aus den bekannten Herkunftsländern auf den bekannten Routen über Balkan oder Mittelmeer. Die, die jetzt kamen, flohen vor einem Krieg, der sie buchstäblich über Nacht überfallen hatte. Tatsächlich konnten wir Wochen zuvor in den Nachrichten Satellitenaufnahmen sehen, die auf gewaltige Truppen- und Fahrzeug-Ansammlungen auf russischer Seite, entlang der ukrainischen Grenze schließen ließen. Man hätte es sehen können, was da kommt. Man hielt es für eine überdimensionierte Drohgebärde. Selbst die, die hinterher immer klüger sind, können das nur behaupten, wenn sie sich selbst belügen.

Nun war er da, der Krieg in Europa, und mit ihm die „Zeitenwende“. Der Kanzler ließ uns wissen, nichts werde mehr sein wie zuvor. Für die Menschen in der Ukraine wurde das zur grausamen Realität. Der mit Kriegsverbrechen als Mittel zum Zweck geführte Feldzug des Aggressors hat selbst uns Ortsnamen eingebrannt, die für das Grauen stehen. Ich nenne nur Butscha und Mariopol.

Flüchtlinge kamen. Viele. Etliche kamen privat unter. Privatleute hatten sich bewusst oder unbewusst die Losung Jesu zu eigen gemacht: „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.“ [Joh 6,37] Großes Engagement, hoch zu schätzen!

Andere fanden in großen Aufnahmeeinrichtungen Unterschlupf. Hier in Eppstein war die ehemalige Sparkassen-Akademie zur Flüchtlings-Unterkunft geworden, betreut von einem Heer Ehrenamtlicher, ohne die das gesamte Unterfangen zum Scheitern verurteilt gewesen wäre. Bei den zuständigen Behörden konnten Erfahrene nicht wirklich aus dem Ansturm 2015 gewonnene Erkenntnisgewinne oder gar Lernerfahrungen feststellen.

Anfangs ließen wir die Glocken läuten. Sie kündeten von der Ohnmacht, mit der wir alle zusehen mussten. Sie ließen uns aber auch wissen, dass wir uns auch jetzt an unseren Herrn wenden können, dass wir beten und spenden und aktiv helfen und wieder beten können.

Jesus stellt keine Bedingungen. „Auch wenn ich, weil ich bin, wie ich bin, weil ich lebe, wie ich lebe, mich verhalte, wie ich mir angewöhnt habe, mich zu verhalten, auch wenn ich so, wie ich bin, ganz weit weg bin von Jesus, weit weg vom Schöpfer und weit weg von seinem lebendigen Geist, so darf ich mich doch an ihn wenden – bedingungslos. So wie die Hirten der Christnacht. Die waren nicht erst beim Friseur, hatten sich nicht chic gemacht oder ihre Psychoanalyse erfolgreich abgeschlossen. Die kamen, wie sie waren: fremd, dreckig, ein wenig haltlos und ängstlich, Kreaturen der Nacht, und sie machten die Erfahrung: Hier, bei diesem Jesus, sind wir richtig.“ Die Erfahrung machen wir auch, wenn wir denn zu IHM kommen.

„Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.“ [Joh 6,37]

Aber wie kann ich diese Erfahrung machen? Vielleicht, wenn mich Not aus meiner Komfortzone drängt. „Not lehrt beten“, sagt man. Da ist was dran. Da locken nicht tausend Möglichkeiten. Es geht um die eine Rettende. Aber muss ich denn unbedingt in Not kommen, um mich an Jesus zu wenden? Ich kann’s doch auch in tiefer Dankbarkeit, weil unser Kind oder unser Enkel gesund zur Welt gekommen ist oder Schwieriges überstanden hat. Ich kann’s doch auch, wenn ich jemand brauche, mit dem ich in jederzeit teilen kann, was mich freut, ängstigt, jubeln macht, schmerzt oder zum Weinen bringt. Dann spüre ich, wie mein Atem ruhig wird, wie sich die Enge in mir weitet oder wie ich mich aufrichte. Keine Frage, das gelingt mir besser, wenn ich etwas Übung habe. Wenn ich also zu IHM komme, immer wieder oder sogar regelmäßig, und IHN in mein Leben einlade, nicht nur zum Weinen, sondern auch zum Lachen.

„Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.“ [Joh 6,37]

Nun gut, jetzt geht das Jahr zu Ende. Manche Gelegenheit haben wir vermutlich verpasst, zu IHM zu kommen. Im Rückblick sehen wir Gründe genug: Das gelungene Fest, der beglückende Abend, der Tag am Meer, aber auch unsere Sorge um Frieden, der den Namen verdient. Das Leid der Menschen, die Unrecht knechtet, die Nawalnys, die Aung San Suu Kyi’s, Maria Kolesnikowas oder Jina Aminis. Unsere Sorgen, weil die Preise inflationär gestiegen sind und wir um die Energieversorgung bangen, weil die Wetterkapriolen offenbar mehr sind als Kapriolen, weil das Alter an uns nagt und wir Fähigkeiten einbüßen, weil die Zukunft der Jungen unter dunklen Wolken zu liegen scheint. Weil manchmal mehr Zweifel da sind als Antworten, die den Weg weisen könnten.

Das Angebot Jesu steht: „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.“ [Joh 6,37]

Ich denke an den Psalm 23 und seine letzten Worte: „und ich werde bleiben im Hause des Herrn“ [Ps 23,6b]. So ist das wohl, wenn ich im Leben mit Gott unterwegs bin. Ein wundervolles Angebot.

Und der Friede Gottes, der höher ist, als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.