Silvester
Text: Lk 6,36
Thema: Seid barmherzig!
Ev. Emmausgemeinde Eppstein
Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Beim Rückblick auf das zurückliegende Jahr 2021 kamen wir in der kleinen Vorbereitungsgruppe für den Gottesdienst heute zu einem einhelligen Ergebnis. Wir könnten die Texte von Silvester 2020 weitgehend unverändert übernehmen. So viel hat sich nicht geändert.

Obwohl. Schon unser Vokabular hat sich erweitert. Routiniert sprechen wir von mRNA-Impfstoffen, wissen Namen wie Biontech, Moderna, Johnson & Johnson oder Astrazeneca und kennen die Vorzüge und Nachteile der von diesen Firmen angebotenen Impfstoffe. Wir haben Stunden in den telefonischen Warteschleifen der Impfzentren zugebracht und wussten bald, wie der Hase läuft. Der anfänglichen Sehnsucht nach dem Erhalt einer Erstimpfung bei gleichzeitig knapper Versorgung mit – noch so ein Wort „Vakzinen“, formierten sich, als endlich genug für alle da war, die „Impfgegner“. Sie sehen ihren Gegner vor allem in der Politik und der, so argwöhnen sie, ihr hörigen Presse. Wenn die einen lügen, wie dann vermutet wird, ist auch Lüge das Werk der Presse.

Fällt die Gesellschaft über diesen Konflikten auseinander. Die dunklen Hintermänner der Querdenker-Szene scheinen genau darauf aus zu sein. Dem miesen Vorbild derer folgend, die im Januar das Kapitol in Washington stürmen, berennt eine aufgewühlte Masse das Berliner Reichstagsgebäude. Was ist los in den Köpfen? Was lässt einen erwachsenen Mann, der gebeten wird bei Betreten der Tankstelle eine Maske zu tragen, nach Hause gehen, eine Waffe holen und den jungen Mann an der Tankstellen-Kasse erschießen? So viel Wut! So viel Entgrenzung! So viel Unbarmherzigkeit!

Andererseits sind denn meine Gedanken zu den „Impfverweigerern“, denen später im Jahr die rasche Ausbreitung der Delta Variante zugeschrieben wird, freundlicher Art? Immer wieder ertappe ich mich, wie ich mich zur Ordnung rufen muss, nicht zu verurteilen, und urteile doch, geduldig zu sein und bin doch geduldig und zu ertragen und kann’s doch kaum ertragen, dass auch nach der zweiten und dritten Welle für manche immer noch gilt: „Corona gibt’s für mich nicht!“

„Jesus Christus spricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“ [Lukas 6,36]

So hatte uns die Jahreslosung für das zu Ende gehende Jahr aufgefordert. Ich hab’s versucht. Sie vielleicht auch. So ganz glücklich bin ich damit nicht geworden. Dabei hatten wir alle Vorbilder vor Augen, über die viel geredet wird, denen aber die substanzielle Hilfe versagt blieb. An wen ich denke? An die Leute auf den Intensivstationen unserer Kliniken! Seit nunmehr fast zwei Jahren konfrontiert die Pandemie und ihre Patienten Pflegekräfte und Ärzte mit geradezu übermenschlichen Aufgaben. Erst fehlten weitgehend die therapeutischen und präventiven Möglichkeiten, dann kamen trotz Impfangebot immer wieder und oft viel zu viele Patienten – überwiegend ungeimpft – auf die Stationen. Geholfen wurde allen, ganz gleich wie sehr sie sich zu schützen bereit gewesen waren. Aber auch das gesamte Solidarsystem hat die Entscheidungen und ihre Konsequenzen mitgetragen und hat nicht gefragt, wes Geistes Kind der Patient war.

Zu allem Überfluss, das Wort trägt schon einen Teil der Problematik in sich, zu allem Überfluss formierte sich Mitte Juli ein Tief, das gewaltige Wassermengen mit sich führte, aber keine Anstalten machte, seinen Standort zu verändern und ergoss eine wahre Sintflut über Ahr, Rur und Wupper. Allein an der Ahr kostete das 134 Menschenleben. Häuser, Betriebe, Infrastruktur, alles ging unter und wurde zerstört. Eine Welle der Hilfsbereitschaft ging durch das Land. Die einen öffneten ihr Portemonnaie und spendeten, die anderen ihren Werkzeugkasten und halfen, ja, helfen bis in diese Tage.

„Jesus Christus spricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“ [Lukas 6,36]

Daneben gab es in unseren eigenen Lebensgeschichten ganz große Freude, Kinder die Tochter und Söhne, Enkelin und Urenkel, Neffe oder Nichte sind, kamen zur Welt. Oft musste man freilich lange Monate warten, bis man die Kleinen zu Gesicht bekommen konnte. Die Eltern des Nachwuchses hatten über lange Zeit keine Pause. Denn auch Kindergarten und Schule wurden nach Hause verlagert. Für manche wurde das zur Tortur – übrigens auch für die Unterrichtenden. Die Rettung in der Misere versprach man sich vom digitalen Unterricht. Hier gibt es keine Ansteckungsgefahr, aber, das zeigte sich schließlich, so wenig das Virus dort die Schleimhäute befallen konnte, so wenig blieben die schulischen Inhalte im Hirn der Heimbeschulten hängen. Viel Oberfläche, wenig Tiefe. Studenten, die im Semester nicht eine Veranstaltung in Präsenz erlebten, Schülerinnen, die einander nur als Kacheln bei bigbluebotton erkennen konnten, Konfirmanden, die sich nicht begegnen durften, Heimbewohnerinnen, die ihre Tage in einer Art Isolationshaft verbrachten, verdeutlichten, dass die Pandemie viel mehr kostete als nur Geld.

Manchmal lagen die Nerven blank. Manchmal gab es schiere Verzweiflung, manchmal auch still ertragenes Elend. Und Wut!

Auf die Entscheider und Entscheiderinnen. Die Politiker. Dabei kamen auch die an die Grenzen ihrer Möglichkeiten, machten Fehler, selbstverständlich!, ruderten zurück, preschten vor, machten Geschäfte. Manche inszenierten sich als großer Pandemie-Cowboy oder Covid19-Kassandra – es gab alles, und wir waren davon nicht wirklich überrascht

„Jesus Christus spricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“ [Lukas 6,36]

Wie sind wir mit uns selbst umgegangen? Waren wir uns gut? Hat das Klagen geholfen? Waren es die Spaziergänge? Die Telefonate? Der geschenkte Sommer relativer Unbeschwertheit?

Menschen fehlen seit diesem Jahr in unserem Leben. Wir mussten Abschied nehmen. Immer wieder gibt es Situationen, in denen sie uns fehlen, andere, in die hinein wir sie sprechen hören oder handeln sehen. Auch bekannte Persönlichkeiten sind gegangen. Ernst Gottfried Mahrenholz, der Verfassungsrichter; Hans Küng, der eigenwillige Theologe; Christa Ludwig, die großartige Mezzosopranistin; John McAfee, der vielen Computer-Nutzern dort die Viren fernhalten half; Bill Ramsey, bei dem ohne Krimi, die Mimi nie ins Bett ging; Alfred Biolek, der plaudernde Hobbykoch; Kurt Biedenkopf, der sich nicht ungern als „König der Sachsen“ bezeichnet sah; Igor Oistrach, der große russische Violonist; Jean-Paul Belmondo, dessen französischer Charme auch Actionfilme adelte; Eberhard Jüngel, der viele prägend über Gott als Geheimnis der Welt nachgedacht hatte; Gerd Ruge, mit dem wir gerne durch die Welt gereist sind; Edita Gruberova, deren Sopran lange Zeit Spitze war; Bettina Gaus, die eine kluge Kommentatorin der Politik gewesen war; Horst Eckel, der letzte der Weltmeisterelf und des Wunders von Bern; Desmond Tutu, der gutgelaunte und entschiedene Kämpfer für Liebe, Recht und Gerechtigkeit

Denken wir an sie und an die anderen, die gegangen sind – nicht zuletzt die über 100.000 an Covid19 verstorbenen Nachbarn, Verwandten, Freunde und Kolleginnen, nehmen wir uns einmal mehr zu Herzen:

„Jesus spricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“ [Lk 6,36]

Sich selbst zitieren, geht das? Heute bitte ich um Erlaubnis, die Schlussbemerkung vom 1. Januar 2021 aufgreifen zu dürfen. Was heißt das, barmherzig sein?

„Das heißt: Lass die Tür zu deinem Herzen immer einen Spalt weit offen. Mach nicht ganz, mach nicht fest zu! Aber, das sei auch gesagt, behalte auch dich selbst im Blick. Vermeide es, Dich zu überfordern. Mach kein Gesetz aus der Gnade. Dann ist sie tot. Und du bist schneller am Ende, als es dir lieb sein kann. Ich kann mir vorstellen, dass wir der Aufforderung Jesu am nächsten kommen, wenn wir versuchen, die Welt, den Menschen vor mir mit Jesu Augen zu sehen.“ Und der spricht: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“ [Lk 6,36]

Und der Friede Gottes, der höher ist, als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.