Gottesdienst an Silvester
Predigttext: Jahreslosung 2020 – Mk 9,24
Predigtthema: Christ ist erstanden
Evangelische Emmausgemeinde Eppstein
Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Wir haben ein ausgefallenes Jahr hinter uns. Ja, so etwas hatten wir noch nie erlebt. Die Verdrängungsmechanismen funktionierten gut, als sich das Virus heranschlich. Einzelfälle, dachte man, Sonderfälle – das betrifft uns nicht. Und dann war es da mit Macht. Entscheidungen von besonderer Reichweite waren zu treffen. Darunter die schwersten, die Menschen – und hier zeigte sich wieder: Politiker sind auch nur Menschen – treffen müssen. Bilder aus den Nachbarländern erinnerten ein wenig an die Kriegsberichterstattung, nur dass sich der Frontverlauf ohne offensichtliche Prozesse langsam oder sprunghaft über Nacht oder in Stunden verschieben konnte. Angst machte sich breit. Ein rasch und nahezu vollständig ausverkauftes „Symbol-Papier“, wir erinnern die leeren Regale, gab davon beredtes Zeugnis. Kontaktbeschränkungen wurde zur Losung der Zeit. Für Familien ergaben sich ungewohnte Phänomene. So viel Zeit und Leben hatte man wohl noch nie in dieser Nähe und in diesem Ausmaß geteilt. Es kam zu Entdeckungen. Väter entdeckten Töchter und Söhne. Diese vermissten und sorgten sich um ihre Großeltern. Wer hätte das gedacht? Diese gehörten zur Gruppe derer, die auch in den folgenden Monaten, auch dann, als die Kontaktbeschränkungen vorübergehend gelockert wurden, in großer Zurückgezogenheit lebten. Die Alleinstehenden traf es mit besonderer Wucht. Die Studentin, die ihr erstes Semester in der großen Stadt ausschließlich im Bildschirm-Geviert ihres Laptops erlebte. Nichts mit Erstsemester-Begrüßungs-Party, keine Vorlesung im übervollen Auditorium, kein gemeinsames Anstehen in der Mensa. Keine neuen Bekanntschaften, von Freundschaften nicht zu reden. Alleinstehend kann auch bedeuten allein zu stehen. Das fühlt sich auch für den alten Herrn nicht gut an, der vor einigen Jahren seine große Liebe begraben hatte. Sein Lebensradius beschränkt sich jetzt auf die paar Quadratmeter seiner Wohnung. Vom Fenster zur Tür und zurück. Einkaufen geht er nicht mehr selbst, ob er’s je wieder tun wird, er zweifelt manchmal selbst daran.

Zeitweise hatte alles zu. Fast alles. Lebensmittel konnten immer eingekauft werden. Wer hätte gedacht, dass Hefe einmal zur Mangelware würde? Alle haben zugelegt. Unzählige sah man dann in die Pedale treten oder durch den Wald spazieren. Selbst den Rehlein müsste klargeworden sein, dass die Welt der anderen – unsere Welt – sich in einem Ausnahmezustand befindet.

Ostern fiel aus. Zumindest was die in der Gemeinschaft gefeierten Gottesdienste anlangt. Wie hat sich das angefühlt? Leer. Immerhin, die Glocken wurden oft geläutet und vermittelten den Interessierten das Gefühl, sie sind noch da, wir sind noch da – auch als Gemeinde.

In gewiss oft verborgener Weise wisperte die Jahreslosung ihre Worte in unsere Wirklichkeit. Vom Glauben war da die Rede. Ja, den müsst ihr mir lassen. Der gehört zu mir. Etwas Trotz war dabei, wenn wir so dachten, aber den braucht auch der Schiffbrüchige, der sich an seine Planke klammert. Unser Glaube konnte uns sagen: Was auch geschieht, wir sind in Gottes Hand. Nicht dass das das Unerträgliche mit magischer Kraft von uns ferngehalten hätte. Aber unser Glaube glich den Kerzen, die eine Handvoll Menschen aus der Gemeinde am Ostermorgen dort anzündete, wo sonst das Osterfeuer Haut und Herz wärmte. Das war ein kleines Zeichen nach innen und nach außen, dass uns der Glaube geblieben ist. Nicht irgendein Glaube, sondern der an Christus, der von den Toten auferstanden ist. „Christ ist erstanden / von der Marter alle, / des solln wir alle froh sein, / Christ will unser Trost sein. / Kyrieleis.“

Derweil verschwanden wir hinter den Masken. Die waren uns lange ein lästiger Fremdkörper im Gesicht. Manche meinten darunter zu ersticken. Wissenschaftler veröffentlichten Untersuchungen mit beruhigenden Ergebnissen. Wir hatten schon schlechter Luft gekriegt – denken wir nur an die blauen Schwaden, die uns einst in Kneipen, Festsälen und Warteräumen einhüllten.

Viel ernster war der Hinweis auf das Kommunikationshemmnis, das der maskierten Welt innewohnt. Ich „höre“ schlechter, seit ich nicht mehr sehe und die Worte nicht mehr von den Lippen ablesen kann, seit die Mimik des gesamten Gesichts einen 50%-Ausfall erlebt. Unter uns gibt es Menschen, die das mit besonderer Wucht trifft. Die Gehörlosen und die Schwerhörigen.

Längst haben wir Wege und Mittel gefunden, das Unmittelbare einer Begegnung, eines Miteinanders, ja, eines Gottesdienstes in die allgemeine Verfügbarkeit des weltweiten Netzes zu vermitteln. Manche sind darüber in eine Art Goldgräber-Stimmung gekommen. Was jetzt nicht alles möglich war! Den etwas Zurückhaltenderen war schnell klar: Der digital übermittelten Wirklichkeit fehlen entscheidende Elemente des Unmittelbaren. Das eine ist ganz da, das andere muss von weit hergeholt werden.

Jetzt im Spätherbst und Winter hat uns das Virus wieder fest im Griff. Je freier es sich seine Wirte aussuchen kann, desto schneller verbreitet es sich. Wir sind wieder in den weitgehenden Kontaktbeschränkungen angekommen. Freilich erleben wir sie deutlich gefasster, eben mit dem Erfahrungshintergrund des Frühjahrs. Das hat uns abgehärtet – einerseits. Andererseits strapaziert die Wiederkehr unsere Geduld und lässt uns die Frage des Psalmisten aufgreifen: „2 Herr, wie lange willst du mich so ganz vergessen? Wie lange verbirgst du dein Antlitz vor mir? 3Wie lange soll ich sorgen in meiner Seele / und mich ängsten in meinem Herzen täglich? Wie lange soll sich mein Feind über mich erheben?“

Ist es womöglich sinnlos, dass wir Gott um Hilfe bitten, ihn anflehen, die Menschen von Angst und Tod zu erretten? Wir denken an die Menschen, die jeden Tag um das Leben der ihnen anvertrauten Patienten kämpfen. Wir denken an die Familie, die ihre Mutter in der Klinik nicht besuchen kann, an den Mann, dessen Leben an den Schläuchen der Beatmungsgeräte hängt. Wo bist Du, Gott?!

„Ich glaube; hilf meinem Unglauben“ [Markus 9,24]

Die Erfahrungen des zu Ende gehenden Jahres haben auch unseren Glauben auf den Prüfstand gestellt. Was hält mich aufrecht? Wer trägt mich? Aus welcher Geschichte, aus welcher Beziehung schöpfe ich Kraft? Der älteste erhaltene liturgische Gesang in deutscher Sprache – um 1100 n.Chr. ist er bezeugt, sieht auf Christi Kreuz und Auferstehung:

„Wär er nicht erstanden, / so wäre die Welt vergangen, / seit dass er erstanden ist, / so lobn wir den Vater Jesu Christ. / Kyrieleis.“

Sich auf Gott zu verlassen, das Kommende aus seiner Hand zu nehmen, das stärkt uns von innen, das lässt uns das Unvermeidliche, „den schweren Kelch, den bitteren des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand“ annehmen „aus deiner guten und geliebten Hand.“

Der in der Haft so starke Dietrich Bonhoeffer erfährt auch die Momente der Anfechtung. Dann wirft er alles, was er noch hat, in die Waagschale. Es ist, gemessen an dem, was uns zu Gebote steht, nicht viel. Kein funktionierender Rechtsstaat, kein fairer Prozess, kein internationaler Protest. Was er in die Waagschale wirft, ist, gemessen an dem was zählt, alles. Es ist sein Glaube. Ihn wirft er in die Waagschale: „Ich glaube; hilf meinem Unglauben“ [Markus 9,24]

Wir werden darauf noch oft zurückgreifen müssen – auf unseren Glauben. Ganz besonders, wenn es um Tod und Leben, wenn es um’s Sterben geht. Der alte Gesang ergeht sich da nicht mehr im Argumentieren. „Christ ist erstanden!“ Das ist die Botschaft, die ihn jubeln lässt, dass Gott dem Leben zum Sieg über den Tod verholfen hat. „Halleluja, / Halleluja, Halleluja! / Des solln wir alle froh sein, / Christ will unser Trost sein. / Kyrieleis.“

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.