Gottesdienst an Silvester

Reflexion der Jahreslosung: Ps 35,14

Thema: Dem Frieden nachjagen

Ev. Emmausgemeinde Eppstein

Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

„Suche Frieden und jage ihm nach.“ | Ps 34,15 Man ist geneigt zu fragen: „Wie war’s?“

Das eine, die Suche, geht uns leicht von der Hand. Wir sind es gewöhnt zu suchen. Die Brille, den Schlüssel, den Ausgang, den Briefkasten, die andern, mit denen wir verabredet sind. Auch in der Bibel wird gesucht: Gott vor allem, aber auch Eselinnen, Rat, Weisheit, Gerechtigkeit, zuverlässige Begleiter und natürlich Frieden.

Wenn wir den Frieden gesucht haben, sind wir im zu Ende gehenden Jahr immer wieder auf sein Gegenteil gestoßen. Der Krieg in Syrien, das Elend von Idlib, das Leid der Kurden, die Gewalt in Libyen, um nur wenige Beispiele zu nennen. Aber auch der Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke, der Anschlag auf die Synagoge von Halle und der Mord an den Unbeteiligten – ja, das Aufkommen eines immer dreisteren und enthemmteren Rechtsradikalismus. Und der gesellschaftliche Dissens, der sich rund um die Klima-Debatte auftut, wo die einen die unbedingte Verpflichtung zum Handeln auch mit tiefen Einschnitten in Gewohnheiten und Wertschöpfungsketten fordern, was die andern als problematisch, womöglich sogar die eigenen wirtschaftlichen Grundlagen bedrohend ansehen. Haben wir etwa Frieden gesucht und Unfrieden gefunden?

Oder – anders gefragt: Haben wir denn überhaupt Frieden gesucht? Durchaus. Die Bemühungen der Europäer, den Konflikt zwischen Russland und der Ukraine im Normandie-Format zu bearbeiten und zu entschärfen. Aber auch die vielen jungen Leute, die mit der Aktion Friedenszeichen in Länder aufgebrochen sind, um dort mit ihrem Wirken für Versöhnung und Frieden zwischen einstigen Feinden zu sorgen. Oder das West-Eastern-Divan-Orchestra, in dem junge Israelis und Palästinenserinnen, geleitet von Daniel Barenboim, Seite an Seite musizieren. Und auch unter uns gab es die Suche nach Frieden. Mitunter haben wir schon viel erreicht, wenn wir einen Konflikt begrenzen oder entschärfen konnten. Es hat alle Beteiligten bewegt, als eine junge Frau auf dem Sterbebett ihren Wunsch an uns adressierte, wir sollten uns unbedingt für die Versöhnung der Zerstrittenen einsetzen. Und wir haben aufgeatmet, als die ersten Schritte gelungen sind.

Ja, der Friede wurde gesucht, wenn auch nicht immer und vor allem nicht genug gefunden. Woran das wohl lag? Waren wir nicht entschlossen genug? War überhaupt der Wille vorhanden, zu Frieden zu kommen? Gab es andere Interessen, die stärker waren? Denken wir an die Beziehungen zwischen Palästinensern und Israelis, so sind Zweifel angebracht. Die Mauer, die beide Bevölkerungsgruppen trennt, hat zwar einerseits die furchtbare Anschlagsserie unterbrochen aber damit einhergehend auch Wege und Verbindungen der Menschen, die ihnen seit alters her vertraut und wichtig waren.

Der zweite Teil der Jahreslosung 2019 geht noch weiter. Nach der Aufforderung, den Frieden zu suchen, heißt es noch: „und jage ihm nach“. Zu den Assoziationen gehört das flüchtende Reh, dem der Jäger nachstellt, die Hatz auf die Sau, vibrierende Nerven und das zur Strecke gebrachte Wild. Weniger deutlich, obgleich von größter Bedeutung, kommen einem Hege und Pflege in den Sinn. Dazu gehört die Sorge um den Bestand, der Kampf gegen Krankheiten und Schädlinge. Das eine, wie das andere soll von dem Ziel geleitet sein, die Balancen in der Schöpfung zu bewahren. Und was tragen solche Assoziationen im Blick auf die Jahreslosung 2019 aus?

Das hier verwendete Bild der Jagd zielt auf eine gerichtete, mit vollem Einsatz betriebene Aktivität. So sollen wir das Ziel, das da heißt „Frieden“, verfolgen. Nicht nur in kluger Betrachtung, nicht nur in unbeteiligter Wahrnehmung der Anstrengungen anderer, sondern indem wir selbst in Bewegung kommen.

Warum ist das wichtig? Ganz gleich in welchem Maßstab, ob bei uns zuhause oder in der Welt, wenn wir in den Konflikten bewegungslos auf unserem Standpunkt verharren, kann kein Friede werden. Denn, um den zu erreichen, müssten wir die Barrieren aufbrechen, die uns daran hindern aufeinander zuzugehen, müssten wir selbst unseren eigenen Standpunkt hinterfragen und sogar versuchen, den Konflikt mit den Augen des anderen zu sehen.

Die Beobachtungen in Israel haben uns darüber hinaus gelehrt, wie wichtig es ist, den anderen überhaupt und grundsätzlich in seinem Recht er selbst zu sein anzuerkennen, seine Daseinsberechtigung und seine Verschiedenheit gelten zu lassen.

Wenn wir auf unsere Geschichte sehen, so ist sie gesäumt von oft jahrhundertelang gepflegten Konflikten: Der mit Frankreich. Der mit Polen. Der der Konfessionen. Welche Kämpfe hat es gebraucht, bis die Beteiligten es zulassen konnten zu glauben, was sie für richtig hielten, und anderen ihren Glauben zu lassen.

Auf vielen Feldern mussten wir lernen, dass niemand immer recht oder die Wahrheit für sich gepachtet hat. Wenn ich das verstanden und verinnerlicht habe, bin ich gut gerüstet für „die Jagd nach dem Frieden“. Die braucht meine Leidenschaft, den Willen und die Energie. Und wo in unseren Verhältnissen Konflikte schwelen oder Streit lodert, sind wir auf der Schwelle zum neuen Jahr gefordert, unsere Bemühungen für den Frieden aufrechtzuerhalten.

Wie ernst das ist unter bestimmten geschichtlichen Umständen zeigt das Beispiel des Schriftstellers Lion Feuchtwanger. Dieser, 1933 schon im Exil, schreibt in seinem gleichnamigen Roman, kurz vor dem Überfall auf die Niederlande 1940: „Um mit Erfolg für den Frieden zu kämpfen, muss man bewiesen haben, dass man es nicht aus Feigheit tut, aus Drückebergerei, sondern dass man gewillt ist, wenn es nottut, für die Sache des Friedens zu sterben.“

Frieden schaffen und erhalten hat nichts, aber auch gar nichts mit der Vermeidung von Konflikten zu tun oder mit der Unfähigkeit, sich ihnen zu stellen. Frieden – das ist Arbeit. Frieden braucht Kraft, Liebe und Besonnenheit.

Schaut man auf den Zusammenhang des Verses, der unsere Jahreslosung war, so liest man einleitend: „Lass ab vom Bösen und tue Gutes“ und dann geht’s weiter „suche Frieden und jage ihm nach“. Unsere Suche und auch unser angestrengtes und zielgerichtetes Bemühen um den Frieden hat zur Voraussetzung, dass wir uns unserer Grenzen bewusst sind. Sie liegen in der conditio humana, im Wesen des Menschen. Der ist, das lehrt uns schon der zweite Schöpfungsbericht, das lehrt uns vor allem in dessen Folge die Geschichte von Kain und Abel, der ist offen für das Böse. Kein Mensch aus Adams Geschlecht ist nur gut und tut nur Gutes. Wir können auch böse. Das wirft ein helles Licht auf die eine oder andere Wahrnehmung im zu Ende gehenden Jahr.

Auf unserer Suche und bei unserem steten Mühen um den Frieden sind wir auf Hilfe angewiesen. Das wird auch so bleiben, solange die Erde steht. Aber es gut zu wissen, dass Gott an unserer Seite ist, wenn wir den Frieden suchen oder gar ihm nachjagen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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