Reformationstag
Text: Gal 5,1-6 

Thema: Zur Freiheit hat uns Christus befreit
Ev. Emmausgemeinde Eppstein
Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

„Zur Freiheit hat uns Christus befreit!“ [Gal 5,1] so schreibt es Paulus an die Gemeinden in Galatien. Und uns kann es passieren, dass wir einfach darüber hinweglesen. Für manche von uns ist Freiheit selbstverständlich. Aber ist diese Freiheit, die sie im Sinn haben – als Freizügigkeit gegenüber gesetzten Grenzen – die Freiheit, von der Paulus schreibt?

Paulus hat nicht die Epoche der Aufklärung, nicht die Französische Revolution und nicht das Joch des Totalitarismus im 20. Jahrhundert erlebt. Wovon spricht er, wenn er von Freiheit redet?

Wir hören einmal hinein in den Text aus dem 5. Kapitel des Briefes an die Galater, die Verse 1-6:

5,1 Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen! 2 Siehe, ich, Paulus, sage euch: Wenn ihr euch beschneiden lasst, so wird euch Christus nichts nützen. 3 Ich bezeuge abermals einem jeden, der sich beschneiden lässt, dass er das ganze Gesetz zu tun schuldig ist. 4 Ihr habt Christus verloren, die ihr durch das Gesetz gerecht werden wollt, aus der Gnade seid ihr herausgefallen. 5 Denn wir warten im Geist durch den Glauben auf die Gerechtigkeit, auf die wir hoffen. 6 Denn in Christus Jesus gilt weder Beschneidung noch Unbeschnittensein etwas, sondern der Glaube, der durch die Liebe tätig ist.

Im Hintergrund steht ein Konflikt. In diesem sagen einige, wie man „richtig“ Christ wird. Sie sind der Überzeugung, wer getauft werden will, muss zuvor beschnitten worden sein. Damit vertreten sie eine grundsätzlich andere Auffassung als Paulus. Der spricht in dem Zusammenhang von einem „Joch der Knechtschaft“ und spitzt es zu: „Wenn ihr euch beschneiden lasst, so wird euch Christus nichts nützen“ [Gal 5,2]. Wieso, fragen wir? Welche Bedeutung hat die Beschneidung?

Sie bezeugt die Aufnahme und Zugehörigkeit zum Bund Gottes mit Abraham und wurde bis heute selbst bei denen, die dem Glauben selbst fernstehen, ein Zeichen jüdischer Identität.

Paulus stellt gegenüber den Galatern klar, wer sich beschneiden lässt, für den gilt, „dass er das ganze Gesetz zu tun schuldig ist“ [Gal 5,3]. Das Gesetz, das sind die Weisungen der Thora und ihre Auslegungen in der Halakhah. Worin besteht nun aber der Unterschied zwischen der Befolgung des Gesetzes auf der einen Seite und dem Glauben an Jesus Christus?

Wenn Paulus darüber schreibt, schaut er zurück auf seine eigenen Bemühungen, den Weisungen gerecht zu werden. Er war dabei mit Eifer unterwegs, keineswegs bequem und nachlässig. Und doch stellt er für sich fest, wir lesen das im Brief an die Römer, dass es ihm nicht gelungen ist, alle 613 Ge- und Verbote zu beachten und einzuhalten. „Denn das Gute, das ich tun will, das tue ich nicht, sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich“ [Röm 7,19].

Wir denken unwillkürlich an den Mönch Martinus, der sich frühmorgens sommers wie winters langausgestreckt vor den Altar der Erfurter Augustinerkirche legt, um seinen Gott seine Bußfertigkeit zu zeigen. Aber, den Eindruck wird er nicht los, er könnte dort den ganzen Tag liegenbleiben, und nichts würde sich ändern. Immer lauter wird Luthers Frage: „Wie kriege ich einen gnädigen Gott?“

Dem Mönch wird klar, Gott lässt sich nicht manipulieren und das, was ein Mensch Gott gegenüber zu bieten hat, reicht niemals aus, gut vor Höchsten dazustehen.

Dabei greift er auf Paulus zurück. Der stellt gegenüber den Bemühten fest: „Sie sind allzumal Sünder und mangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten“ [Röm 3,23].

Gibt es daraus denn kein Entrinnen? Sind wir dazu verdammt, von Gott geschieden zu sterben, dem Tode preisgegeben?

Bei Paulus fällt nun ein Stichwort, das die Reformatoren aufgreifen: „Gnade“. Hier in unserem Text, der in den Konflikt hineinspricht, der die Gemeinden in Galatien entzweit, zieht er die Scheidelinie: „Ihr habt Christus verloren, die ihr durch das Gesetz gerecht werden wollt, aus der Gnade seid ihr herausgefallen“ [Gal 5,4].


Denn wer sich an Christus hält und glaubt, vertraut fest darauf, dass er uns mit Gott vereint, den macht ER, Christus, gerecht. Wir haben’s nicht in der Hand. Es ist Gottes Entgegenkommen, er reicht uns in Christus die Hand, und wir können sie ergreifen.

Nicht die Erfüllung anderer Erwartungen, die uns weiß machen wollen, wenn wir sie nur beachteten, dann wären wir richtig, bringt uns das Heil, nein, es ist gerade der Verzicht auf die eigene Inszenierung, sich ins rechte Licht setzen, sich groß oder klein machen, und stattdessen die Bereitschaft sich im Vertrauen hinzugeben.

„Denn wir warten im Geist durch den Glauben auf die Gerechtigkeit, auf die wir hoffen“ [Gal 5,5].

Nichts haben wir in der Hand. Da ist nur, um die Stichworte des letzten Verses noch einmal klingen zu lassen: Warten, Geist, Glaube und Hoffen.

Um Gott zu gefallen, um richtig zu sein, müssen wir über kein Stöckchen springen, es heiße nun Beschneidung oder Speisevorschrift [vgl. 1. Kor 8] – wie aktuell die alten Texte doch sein können. „Zur Freiheit hat uns Christus befreit!“ [Gal 5,1]

Jetzt sind wir gefordert. Welche Freiheit meine ich? Das muss ich für mich klären. Meine ich die Autonomie oder meine ich die Freiheit, zu der uns Christus befreit? Das ist dann keine unbedingte und schon gar keine ungebundene Freiheit. Vielmehr lebt, ja, entsteht sie in der Bindung, in der Zughörigkeit zu Christus, im Glauben an IHN.

Der Ausdruck dieses Glaubens ist die Liebe. Sie ist die nach außen wirkende Kraft des Glaubens und vermittelt etwas von dem, was innen geschehen ist: Ein Mensch ist mit Gott einig geworden.

Wenn das der Grund der Freiheit ist, Freiheit, die aus der Bindung, dem Bund mit Gott kommt, so ist die Liebe ihre Lebensform, und Unabhängigkeit gegenüber allen anderen Herren und Herrinnen die Konsequenz.

Das ist die Freiheit eines Christenmenschen, von der Martin Luther spricht. „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“ [Martin Luther: Von der Freiheit eines Christenmenschen, 1520] Aus diesem Stoff ist das gemacht, was helfen kann, ein demokratisches Gemeinwesen bei aller Pluralität und individueller Freiheit zusammenhalten kann.

Niemand wird behaupten können, das sei gesellschaftlich und politisch irrelevant. Es ist für uns alle eine große Herausforderung, in dieser Liebe zu bleiben und es ist ein wundervolles Geschenk zu spüren, wie sie da ist auch in uns und für uns und wie diese Liebe selbst Freiheit ermöglicht.

Für den Konflikt zwischen Glauben und Werken formuliert Paulus das Fazit:

„…In Christus Jesus gilt […] der Glaube, der durch die Liebe tätig ist“ [Gal 5,6].

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.