Letzter Sonntag nach Epiphanias

Text: 2. Petr 1,16–19(20–21)
Thema: Dass es hell wird
Ev. Emmausgemeinde Eppstein
Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Es ist eine Durststrecke. Sie dauert und dauert. Dauert an. Kaum abzusehen, wann sie enden wird. Wären wir zu Fuß unterwegs, am frühen Morgen aufgebrochen, den ganze Tag gelaufen, mal erhitzt, mal frierend, das Ziel im Sinn aber nicht vor Augen – wir verstünden sehr unmittelbar, was eine Durststrecke ist.

In gewisser Weise machen wir eine vergleichbare Erfahrung. Die allerdings ist über uns gekommen. Und sie will nicht weichen. Verständlich die Forderung nach Absehbarkeit, nach verlässlichen Planungen, ja, nach Fahrplänen mit Fahrtziel „Raus aus der Krise“. „Noch zehn harte Wochen“, heißt es. Aber wer kann schon sagen, ob es damit sein Bewenden haben wird?

Wir suchen den Ausgang, aber die Tür, durch die wir die Bedrängnis der Gegenwart verlassen könnten, ist nicht in Sicht. Wir sehnen uns nach einer Lösung, wenn wir es etwas überhöhen, wir sehnen uns nach Erlösung. Aber wird sie denn kommen? Für viele, die den öffentlichen Erwägungen Aufmerksamkeit schenken, ist es der Impfstoff. Da sind wir auf der sicheren Seite, dachten wir. Aber jetzt, wo er eigentlich da ist, steht er nicht, zumindest nicht in der notwendigen Menge zur Verfügung. Wir warten. Wir hoffen. Wir fragen: Kommt er? Wann kommt er? Kommt er überhaupt?

So zu fragen, das ist nicht neu. Vielleicht können wir mit dem Blick auf den Umgang mit solchen Fragen, den andere vor uns gefunden haben, etwas anfangen. Den Blick sehnsuchtsvoll in die Zukunft gerichtet, fragen viele in den Gemeinden des 1. und 2. Jahrhunderts nach Christus nach dem, der später einmal den Kalender bestimmen wird, diesen Christus nämlich. „Ich will euch wiedersehen“, hatte er gesagt [Joh 16,22], „und euer Herz soll sich freuen“. Statt des Wiedersehens und der Freude daran musste man sich inzwischen manchen Spott gefallen lassen. Gut, ER hatte nicht gesagt, wann genau ER wiederkommen wird, aber man hatte schon die Erwartung, dass das sehr bald geschehen würde. So wie wir im Juni vielleicht dachten, jetzt ist’s vorbei, jetzt sind wir durch…

Aber so war es nicht. Das Warten wollte kein Ende nehmen und wurde zu einer schweren Prüfung der Gemeinden. Dort gab es Leute, die dafür plädierten, man möge doch lieber von der nahen Erwartung der Wiederkehr Christi Abschied nehmen. Besonders in heidenchristlichen Kreisen, also bei denen, die nicht Juden gewesen waren, bevor sie sich hatten taufen lassen, gab es offenbar etliche, die nun lieber in der vertrauten Gedankenwelt der griechischen Philosophen und Mythen ihr Heil suchten.

Besonders beliebt waren Auffassungen, die sofortige Freude verhießen. Warum auch warten, wenn man etwas anderes sofort kriegen kann? Jetzt gilt’s, war die Devise vieler. Statt Leid die Lust in den Mittelpunkt des Lebens rücken, so findet man das Glück. Epikur, der Philosoph des 4. Jahrhunderts vor Christus, hatte dafür die Gedanken geliefert. Da kommen einem die Erinnerungen an die Party-szene, die sich noch bis in den Herbst, als die Infektionszahlen wieder anzogen, in Parks und auf Plätzen ein distanzloses Stelldichein gegeben hatte.

Die Gemeinden der frühen Christen haben die Entwicklung bis ins Mark gespürt. Außerdem gerieten sie immer wieder unter den Druck meist regionaler Verfolgungen. Also wenig Lust und viel Leid!

Der 2. Petrusbrief, aus dem unser Predigttext heute stammt, gehört nun zu den Schreiben, die sich mit dieser Situation auseinandersetzen. Man ist sich weitgehend einig, dass nicht Petrus diesen Brief geschrieben hat, er vielmehr ungefähr 60 Jahre nach seinem Tod entstanden ist. Wir lesen im ersten Kapitel die Verse 16-19:

16 Denn wir sind nicht ausgeklügelten Fabeln gefolgt, als wir euch kundgetan haben die Kraft und das Kommen unseres Herrn Jesus Christus; sondern wir haben seine Herrlichkeit mit eigenen Augen gesehen. 17 Denn er empfing von Gott, dem Vater, Ehre und Preis durch eine Stimme, die zu ihm kam von der großen Herrlichkeit: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe. 18 Und diese Stimme haben wir gehört vom Himmel kommen, als wir mit ihm waren auf dem heiligen Berge. 19 Umso fester haben wir das prophetische Wort, und ihr tut gut daran, dass ihr darauf achtet als auf ein Licht, das da scheint an einem dunklen Ort, bis der Tag anbricht und der Morgenstern aufgeht in euren Herzen.

Der Schreiber lässt uns wissen, dass er nicht aus trüben Quellen schöpfe, wenn er von Jesus Christus spricht. „Sondern wir haben seine Herrlichkeit mit eigenen Augen gesehen“, sagt er. Auch auf dem Berg sei er gewesen und Zeuge der Verklärung Jesu. Selber habe er die Stimme gehört, die gesagt habe: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“ Er kennt also die Überlieferung des Matthäus [17,1-9]

Nun, was sollen wir sagen? Der Verfasser ist nicht Petrus. Wir wissen nicht den Namen dessen, der sich hier mit dem Apostel in Verbindung bringt. Was der Unbekannte schreibt, sind das nicht „ausgeklügelte Fabeln“? Wie steht’s um die Glaubwürdigkeit des Ganzen, wenn schon die Verfasserschaft im Zweifel steht? Wir wollen sehen.

Wie dieser falsche Petrus begegnen wir bis zum heutigen Tag dem Zweifel. Was ist denn wahr von all den Geschichten? Wofür gibt es glaubhafte Zeugen, hatten die antiken Zweifler gefragt. Und wir: Was hält wissenschaftlicher Prüfung stand? Was gehört ins Reich der Fabel? Natürlich wissen wir nach Jahrhunderten historisch-kritischer Betrachtung, dass schon von der Fragestellung die zu erwartende Antwort abhängt. Und die meisten von uns haben auch begriffen, dass nicht nur das wahr ist, was man wiegen und messen kann.

Aber der Zweifel bleibt. Wieweit kann man dem Ganzen trauen, wenn diese und diese und noch jene Einzelheit bezweifelt werden muss? Und was ist nach 2000 Jahren zu der Erwartung des auferstandenen Herrn zu sagen? Kommt er oder kommt er nicht?

Viele haben sich deshalb abgewandt. Ist doch alles Menschenerfindung, sagen sie und zweifeln nicht nur an der Überlieferung, sondern auch ob es Gott denn überhaupt gebe. Gleichzeitig wächst eine (für mich) unfassbare Bereitschaft, sich Fetischen, obskuren Praktiken und kruden Versprechungen zu überlassen. Für viele sind die Götzen attraktiver als Gott – zugegeben ich habe eine Brille auf, wenn ich das sage. Meine Brille.

Andererseits bricht die Frage nach Gott immer wieder neu auf. Nachdem das Thema der politischen und hier vor allem ideologischen Selbstbeglückung links und rechts in den Graben gefahren ist, sind wir in einer Phase eines durchgreifenden ethischen Anspruchs angekommen. Strenge Wächter und auch hier darf ich unbedingt die Wächterinnen nicht vergessen, blicken auf nahezu alle Lebensvollzüge. Wie wir reden, was wir lesen, was wir essen, wie wir uns bewegen, was wir denken, sagen, ja, wie wir leben. Der Anspruch wirkt radikal und umfassend. Viel hilft viel, sagt man. Wenn alle das Richtige tun, muss es doch endlich gut werden. Andererseits ist es anstrengend im dauernden Rechtfertigungsmodus zu leben. Hinzu kommen die Ungereimtheiten und die Widersprüche zwischen Anspruch und Wirklichkeit, Theorie und Praxis.

Ja, wir skeptisch geworden, was die Fähigkeit des Menschen, sich selbst zu erlösen angeht. Viele sind nach dem Zweifel an Gott und der Überlieferung des Glaubens in geläuterter Weise auf neuerlicher Suche nach Gott und dem Glauben. Neu begreifen wir, dass alles mehr ist, als wir zu schultern vermögen, und verstehen, dass es mehr als alles gibt. Darum ist auch die Rede von einer Zukunft, die sich unserem Zugriff entzieht, weil sie verborgen ist, doch sinnvoll und hilft, uns und unsere Gegenwart zu verstehen und auszuhalten. Wir sind nicht Endgültige, wir sind Erwartende.

Und der falsche Petrus? Er hat etwas in der Antike sehr Übliches getan, indem er unter anderem Namen geschrieben hat. Offenbar hat er das aber so überzeugend getan, dass man ihn zu Recht als Zeuge betrachten kann. Man kann eine Glaubensbotschaft nicht glaubhaft vermitteln, wenn man sie selbst nicht glaubt. Und er glaubt, dass Jesus Christus wiederkommt. Dafür steht er. Gott macht seine Verheißungen wahr. Vielleicht geschieht das anders, als wir es uns vorstellen. Vielleicht verstehen wir das eine oder andere auch erst im Nachhinein. Vielleicht müssen wir uns wirklich erst verlassen, um Gott neu und wirklich zu begegnen.

Manche sind da weiter als wir selber. Wir sollten das dann nicht abtun, sondern uns freuen an dem Licht, „das da scheint an einem dunklen Ort“ und dem aufgeschlossen begegnen und Ausschau halten, „bis der Tag anbreche und der Morgenstern aufgehe“ in unseren Herzen. Am letzten Sonntag nach Epiphanias nehmen wir diese Botschaft auf: Das Licht ist in die Welt gekommen. „Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat’s nicht ergriffen.“ [Joh 1,5] Nun aber ist es Zeit, die Riegel des Zweifels und des Unglaubens zu brechen, damit der Morgenstern aufgehe in unseren Herzen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.