Trinitatis
Text: Joh 3,1–8
Thema: Verwandlung
Ev. Emmausgemeinde Eppstein
Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Heute feiert die Kirche das Trinitatisfest. Die Kirche schon, aber auch ihre Gemeinden? Dabei gibt dieses Fest vielen folgenden Sonntagen den Namen. Bis zu 23 Sonntage nach Trinitatis werden gezählt. Fragen wir auf der Straße, was der Name Trinitatis bezeichnet, werden wir wohl häufig einem Achselzucken der Ahnungslosigkeit begegnen. Haben wir Glück und treffen auf ein besser informiertes Gegenüber, könnte die Erklärung lauten: „Trinitatis, das ist das Fest der Dreieinigkeit Gottes.“ Vater, Sohn und Heiliger Geist, unterschieden und doch eins. Die dahinterstehenden Gedanken sind für Theologen hochspannend, viele andere werden sie aber überwiegend als anstrengend empfinden. Bei meinem Münchner Professor für Systematische Theologie, Wolfhart Pannenberg, habe ich einst gehört, dass gerade die Selbstunterscheidung dieser drei Personen Gottes die Einheit der Drei ermöglicht. Wenn bis zu 23 Sonntage nach Trinitatis gezählt werden, dann bedeutet das auch, dass das festlose Jahr der Kirche, der Alltag der Gemeinde, das Leben der Christen im Dialog mit dem dreieinigen Gott und aus seinem lebendig machenden Wort gelebt werden. Es ist Gott, der Schöpfer, der Erlöser und der Geist, der lebendig macht, mit dem wir durch die Tage, Wochen und Monate gehen.

Im für heute vorgesehenen Predigttext aus Johannes 3, Vers 1-8 steht der Geist im Mittelpunkt. Wir lesen bei Johannes:

3,1 Es war aber ein Mensch unter den Pharisäern mit Na-men Nikodemus, ein Oberster der Juden. 2 Der kam zu Jesus bei Nacht und sprach zu ihm: Rabbi, wir wissen, dass du ein Lehrer bist, von Gott gekommen; denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust, es sei denn Gott mit ihm. 3 Jesus antwortete und sprach zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht von Neuem geboren wird, so kann er das Reich Gottes nicht sehen. 4 Nikodemus spricht zu ihm: Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Kann er denn wieder in seiner Mutter Leib gehen und geboren werden? 5 Jesus antwortete: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht geboren wird aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen. 6 Was aus dem Fleisch geboren ist, das ist Fleisch; und was aus dem Geist geboren ist, das ist Geist.  7 Wundere dich nicht, dass ich dir gesagt habe: Ihr müsst von Neuem geboren werden. 8 Der Wind bläst, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wo-hin er fährt. So ist ein jeder, der aus dem Geist geboren ist.

Es ist ein seltsames Gespräch. Die beiden Beteiligten reden, so sieht es aus, aneinander vorbei. Nicht, dass das eine Seltenheit wäre. Ein solches Gespräch hinterlässt einen unbefriedigenden Eindruck. Man hat nicht aufeinander gehört. Oder die Positionen lagen so weit auseinander, dass es zu keiner Übereinstimmung kam. Nun fragen wir uns, was ist los zu dieser nächtlichen Stunde, von der Johannes im dritten Kapitel seines Evangeliums erzählt.

Ungewöhnlich sind schon die äußeren Umstände. Nachts ist man, damals eine Selbstverständlichkeit, zu Hause. Und weil das so ist, bietet die Nacht auf der anderen Seite auch konspirative Möglichkeiten. Ob es das ist, was Nikodemus veranlasst, nächtens Jesus aufzusuchen? Denn Nikodemus ist, wie es hier heißt, „einer von den Oberen der Juden“. Oder kommt er zu dieser nächtlichen Stunde, weil, so sieht es die rabbinische Tradition, für die Schriftgelehrten gerade die Nacht die Zeit der Beschäftigung mit der Thora ist? Oder malt Johannes hier mit den kräftigen Farben des Gegensatzes und lässt den einen für das Dunkel der Nacht und den andern für das Licht des Tages stehen?

Wie auch immer. Nikodemus sucht den Mann auf, der ihn fasziniert in dem, was er sagt und tut. Man möchte meinen, er verehrte diesen Rabbi mit Namen Jesus: „Meister, wir wissen, du bist ein Lehrer, von Gott gekommen; denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust, es sei denn Gott mit ihm“ [Joh 3,2]. Nikodemus ist, das ist zu hören, kein Gegner Jesu. Im Gegenteil, er fühlt sich von ihm angezogen und das, obwohl im Leitungsgremium der Juden sitzt, in dem dann auch er größte Widerstand gegen Jesus wohnt. Erstaunlicherweise wird Nikodemus seine Überzeugung beibehalten und wird auch gegenüber seinen Kollegen für ihn eintreten [Joh 7,50-52]. Am Ende, als Josef von Arimathäa den Leichnam Jesu ins Grab legt, kommt er und bringt „Myrrhe gemischt mit Aloe, etwa hundert Pfund“ [Joh 19,39] – also eine große Menge, um den Toten zu salben.

Die Bewunderung, die er für den andern äußert, „niemand kann die Zeichen tun, die du tust, es sei denn Gott mit ihm“ [Joh 3,2], erfährt nicht gerade die freundliche Reaktion, die wir erwarten würden. Jesus antwortet: „Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Es sei denn, dass jemand von neuem geboren werde, so kann er das Reich Gottes nicht sehen“ [Joh 3,3].

Das heißt so viel wie: Du verstehst gar nicht, wovon du sprichst. Das, was du siehst und für das Eigentliche hältst, ist nur die Oberfläche. Zeichen. Was darüber hinaus geht oder den Kern der Sache betrifft, das Reich Gottes, sieht der nicht, der nicht „von neuem geboren“ wurde.

Nikodemus kann offenbar mit dieser Antwort nicht viel anfangen. Das ist doch wider alle Natur. „Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Kann er denn wieder in seiner Mutter Leib gehen und geboren werden? [Joh 3,4]

Das ist offensichtlich Unsinn. Es verlangt nach einer Erwiderung durch Jesus. Der verdeutlicht jetzt, um welche Art von „Geburt“ – Hervorbringung – es sich hier handeln wird. Es ist eine „Geburt“ aus Wasser und Geist“. Hier ist von der Taufe die Rede. „Wasser und Geist“ – darin treffen sich Mensch und Gott, und der Mensch wird neu.

Das ist mehr als die üblichen Verheißungen, die in den Alltagsreden vom „frischen Wind“ stecken, wenn Erneuerung signalisiert werden soll. „Frischen Wind“ versprechen zum Beispiel die Parteien jeglicher Couleur. Das wird auch im vor uns liegenden Bundestagswahlkampf so sein. Meist kommt dieser Wind nicht über die Koalitionsverhandlungen hinaus. Hier aber wirken zwei zusammen, der Sohn und der Geist, wenn „jemand von neuem geboren“ wird.

Nun dürfte auch Nikodemus verstanden haben, dass Jesus mit seiner Formulierung „von Neuem geboren werden“ keinen biologischen Vorgang meint. Der spricht offensichtlich in Metaphern von einer neuen Wirklichkeit. „Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Es sei denn, dass jemand geboren werde aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen“ [Joh 3,5]. Hier geht es um den Zugang, das ist mehr als die reine Betrachtung. Und Zugang hat nicht, wer von außen und distanziert verstehen will. In die Wirklichkeit des Reiches Gottes muss man eintauchen wie in das Wasser der Taufe. Wem das geschieht, der wird durch diese Wirklichkeit selbst verändert und bestimmt. Aber diese Wirklichkeit ist nichts in seinen Händen, nichts, was er in eigenem Interesse instrumentalisieren könnte. Sie taugt nicht als politisches Programm. Das Reich Gottes ist nicht die machbare Alternative zum Römischen Reich oder jeglichem andern Reich dieser Welt.

Ohne dass Gott es selbst erschließt, durch Wasser und Geist, gibt es für uns keinen Zugang. Denn so geht die Argumentation weiter. „Was vom Fleisch geboren ist, das ist Fleisch; und was vom Geist geboren ist, das ist Geist“ [Joh 3,6]. Vom Fleisch geboren, das beschreibt in der biblischen Tradition uns Menschen, die wir vergänglich und hinfällig sind. „Alles Fleisch ist Gras, und alle seine Güte ist wie eine Blume auf dem Felde. Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt“ [Jes 40,6f.]. Die Sterblichkeit limitiert das menschliche Vermögen. Demgegenüber steht der Geist und mit ihm die göttliche Wirklichkeit. Ewig. Die Wirklichkeit des Ganz-Anderen.

Diese beiden Wirklichkeiten bekommen nun in der Person Jesu miteinander zu tun. Kein Wunder, dass die einen, die noch nicht eingetaucht sind in Wasser und Geist, in Jesus nur den Menschen sehen – was denn sonst? Während die andern in ihm den Sohn Gottes erkennen, den, der beide Wirklichkeiten, die des Fleisches und die des Geistes, miteinander verbindet.

Manche Schwierigkeit zu glauben, an Jesus Christus zu glauben, ist genau hier anzusiedeln. Wer bist du, Jesus? Nikodemus hatte gesagt: „Du bist ein Lehrer, von Gott gekommen; denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust, es sei denn Gott mit ihm“ [Joh 3,2]. Und die Antwort hatte Jesus gezeigt, dass sein nächtlicher Besucher ihn noch nicht wirklich erkannt hatte. Mit seiner Auffassungsgabe, mit den Mitteln seines Verstandes hatte er nur die Zeichen gesehen und gespürt oder geahnt, dass dabei Gott im Spiel sein müsste. Mehr hatte sich ihm nicht erschlossen.

Ob das noch einmal anders wird? Haben all diejenigen, die mit nikodemischer Skepsis außenvor stehen, die Möglichkeit einen Zugang zu finden? Müssen sie womöglich ihren kritischen Verstand ausschalten? Nein, denn es liegt offenbar nicht in ihrer Hand. „Der Wind bläst, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt. So ist es bei jedem, der aus dem Geist geboren ist“ [Joh 3,8].

Spüren und hören, wo der Geist Gottes wirkt. Wenn man Johannes, den Evangelisten fragen würde, wo nun genau das zu spüren sein würde, antwortete er: „Wo die Macht der Liebe mitgeteilt und ausgebreitet wird“. Und was heißt das konkret? Dass Menschen frei werden vom Zwang sich selbst zu optimieren und zu inszenieren. Dass sie einen zweiten und vielleicht sogar dritten Blick übrig haben für das Fremde und Anstößige. Dass sie Konflikte leben und aushalten, ohne andern und sich selbst die Liebe zu verweigern. Das Fest Trinitatis erinnert uns daran, dass Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist das ganze Jahr über für uns da ist, uns ruft und uns bewegen will.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.