Vor langer Zeit gab es einmal vier Weihnachtsfeiertage statt zwei, ein Mainzer Konzil hatte es so festgelegt. Wie wäre es, wenn wir 365 Weihnachtsfeiertage festsetzten?

Es liegt ganz an uns. Wir können alle Tage Weihnachten haben. Ich meine nicht alle Tage Gänsebraten, Pasteten, Mandelmakronen Portwein und knitterfreie Krawatten in Geschenkpackung. Das würde zu teuer, und es würde uns auch nicht bekommen. Auch will ich nicht dafür eintreten, der entsagungsvollen Größe des sparsamen Familienvaters nachzueifern, dessen Ruhm weithin erschallt, weil er noch am ersten Osterfeiertag von seinem Anteil am Weihnachtsgebäck zehrt.
Weihnachten lässt sich nicht hinüberretten ins lange Jahr. Aber das Weihnachtliche, das aus dem Mysterium des Christfestes hineinstrahlt in unsere Erdenexistenz und der Feier Sinn und Charakter gibt, das lässt sich hinüberretten. Seine Formel ist einfach: Liebe und Freude. Diese beiden könnten uns alle Tage einen Hauch vom Weihnachtsfest bescheren, das ganze Jahr hindurch. Sie sind ein wunderbares Kapital, das um so größer wird, je mehr man davon verschenkt, und das zu schrumpfen beginnt, sobald man sparsam damit umgeht.
Liegt es etwa auf einem Sperrkonto, und nur in der Woche zwischen Weihnachten und Neujahr kann man etwas davon abheben?
Man sollte es denken, wenn man das Schauspiel sieht, das sich alljährlich abspielt. Obwohl genau bekannt, verblüfft doch sein prägnanter Ablauf immer wieder. – Alles Böse ist schlafen gegangen, Milde entquillt dem Munde der Politiker, Sanftmut und Menschenliebe glänzen feucht im Auge des Staatsmannes, tausend Festbotschaften bieten herzerquickende Lektüre. Die Menschen machen freundliche Gesichter, sie singen, beschenken einander und sagen sich angenehme Dinge. Die Christnheit ist voll von guten Menschen, Ruhe und Frieden, Wohlwollen und Herzlichkeit. Liebe und Freude überall!

Das ist sehr schön, aber nun kommt das Betrübliche. Am zweiten Januar ist alles vergessen, die guten Vorsätze und die freundlichen Gefühle, die treuherzigen Festansprachen und die lieben Worte.
SO Weihnachten feiern heißt eine Maskerade veranstalten, ein Fest mit Kostümzwang, und das Kostüm heißt Liebe und Freude. Eine Woche lang trägt man es, bindet sich die Maske des Guten vor, und dann, ein Blick auf den Kalender, legt man es wieder zu den bunten Kugeln in die Kiste. Ist denn das Weihnachtliche kurzlebiger als das Weihnachtsgebäck? Ist der Geist des Christfestes wirklich so schwach, dass er sich in ein paar Tagen erschöpft? Liebe und Freude stehen nicht auf dem Kalender, sie stehen täglich zur Verfügung, sie warten. Du kannst nicht alle Tage Geschenkpackungen präsentieren, aber Anteilnahme und ein Wort, das aus dem Herzen kommt, kannst du täglich verschenken.
Denn dieses weihnachtliche Gefühl können wir, wie gesagt, alle Tage haben.
H. Holthaus

Ein Beitrag von Wolfgang Dreyer