1. Advent

Text: Sach 9,9.10
Thema: Wir halten Ausschau
Ev. Emmausgemeinde Eppstein
Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Etliche Polizeiwagen fahren vorweg. Blaulicht fordert freie Bahn. Es folgen schwere schwarze Limousinen, eine Reihe Vans schließt sich an, alle mit verdunkelten Scheiben. Die Kolonne rauscht vorbei, abgeschlossen wiederum durch zivile und Polizeifahrzeuge und Streifenwagen. Ein mächtiger Mensch kommt. So pflegt das zu sein heutzutage.

Macht greift gerne auf Mittel zurück, die sie sichtbar und wirksam werden lässt. Das Kommen der Mächtigen ist ein Beleg dafür. Ob der Prophet Sacharja von diesem uralten und immer noch üblichen Schema abweicht, weil er Zeitzeuge einer Entwicklung gewesen ist, in der die Ohnmacht der Mächtigen offenbar wurde? Ich weiß es nicht. Sacharja schreibt nach dem Ende des babylonischen Exils. Wenn wir ihn heute hören, bemerken wir schnell einen hochgestimmten Ton. Friedrich Heinrich Ranke hat im 19. Jh. versucht ihn aufzunehmen. Zusammen mit der Melodie von Georg Friedrich Händel gehört „Tochter Zion, freue dich!“ [EG 13] zu den erwartungsfrohen Liedern des Advents.

Im 9. Kapitel lesen wir die Verse 9-10:

9 Du, Tochter Zion, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalem, jauchze! Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin. 10 Denn ich will die Wagen vernichten in Ephraim und die Rosse in Jerusalem, und der Kriegsbogen soll zerbrochen werden. Denn er wird Frieden gebieten den Völkern, und seine Herrschaft wird sein von einem Meer bis zum andern und vom Strom bis an die Enden der Erde.

Wer soll sich freuen? Und wer kommt? Und wann? Der Prophet öffnet das Fenster in eine weite Zukunft. Hinter denen, die ihn hören, liegen Wüste und Verwüstung. Was war, ist weitgehend zerstört, ja, das gesellschaftliche Leben, das es hier einmal gab, gibt es nicht mehr. Und jetzt, wie soll es weitergehen?

Fragen, die wir, weit entfernt von solcher Dramatik, auch stellen. Wie soll es weitergehen? So wie vorher, bevor dem Gewohnten ein Ende gesetzt wurde, oder anders, vielleicht sogar ganz anders? Sacharja sät Zuversicht.

„Freue dich und sei fröhlich, du Tochter Zion!“ [Sach 2,14] Gemeint ist Jerusalem, aber nicht jenes, das die Menschen im 6. Jahrhundert vor Christus unter die Füße nehmen, nicht das, aus dem Jesus das Kreuz heraustrug und auch nicht das, das wir kennen. Viel weiter schaut der Prophet. Und das Jerusalem, das er sieht, zeichnet sich nicht mehr aus durch seine dicken Mauern mit den zwölf Toren darin. In der dritten Vision Sacharjas heißt es: „Jerusalem soll ohne Mauern bleiben wegen der Menge der Menschen und des Viehs, die darin sein werden.“ [Sach 2,8] – Übrigens das Leitbild für unsere Gemeinde und ihr Haus. Seinen Zeitgenossen bietet sich vor Ort das Bild einer ausgemergelten und entvölkerten Stadt.

Wer in der politischen Arena etwas gewinnen will, braucht Macht. Das heißt bewaffnete Heerscharen, Streitwagen und gerüstete Reiter. Als Druckmittel oder Vollstrecker leisten sie ganze Arbeit. Wer da nicht mitkann, hat verloren.

Jetzt ruft der Prophet das Volk – die Tochter Zion und die Tochter Jerusalem – zum Jubel auf, weil ihr König kommt. Wer dächte da nicht an die eindrucksvollen Thronbesteigungen der Vergangenheit? Wer hätte jetzt nicht die beeindruckenden Prozessionen der Würdenträger vor Augen? Wer hätte nicht David und Salomo im Sinn, mächtige Männer ihrer Zeit, die sich durchzusetzen wussten?

Was Sacharja sieht und ankündigt, ist erstaunlich. Einerseits setzt es die Tradition des Königtums in Israel fort und verändert es andererseits radikal: „Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin“ [Sach 9,9]. Ein König, der arm daherkommt, nicht auf hohem Ross, sondern auf dem Füllen einer Eselin. Ist das nicht eine Lachnummer, ein Papiertiger, der als Spielball der Mächtigen enden muss?

Seine Macht hat dieser König nicht aus sich heraus, nicht weil ganze Heerscharen auf ihn hören. Seine Macht hat er, weil seine Mission Gottes Wille ausführt. Dieser spricht: „Denn ich will die Wagen vernichten in Ephraim und die Rosse in Jerusalem, und der Kriegsbogen soll zerbrochen werden“ [Sach 9,10].

Gott macht dem Krieg und seiner Maschinerie ein Ende.

Das ist mehr als Abrüstung. Panzer, Flugzeugträger, Drohnen und Raketen haben ausgedient und mit ihnen die Waffenschmieden der Welt.

Ist das nicht Zukunftsmusik, ersonnen im Hirn eines realitätsfernen Spinners? Mit der Realität unserer Welt hat das nichts zu tun. Die gestalten wir anders, tun wir’s nicht, sind wir leichte Beute. Wir ahnen es, da die Zeiten eines pax americana zunehmend der Vergangenheit angehören.

Wie halten wir die Spannung zwischen beiden Sichten aus? Können wir sie denn auflösen, indem wir Schwerter zu Pflugscharen machen? Die Auffassungen darüber gehen auseinander – wir erinnern uns vielleicht noch an die Nachrüstungsdebatte der 80er Jahre, die in aller Schärfe geführt wurde.

Sacharja aber sieht den kommenden König, den Messias, als Garanten einer neuen Weltordnung. „Denn er wird Frieden gebieten den Völkern, und seine Herrschaft wird sein von einem Meer bis zum andern und vom Strom bis an die Enden der Erde“ [Sach 9,10].

Dann kommt der, den wir als Christen Messias nennen, auf einem Esel geritten, wir haben’s eben in der Lesung aus Matthäus 21 gehört. Erfüllt sich jetzt die Ankündigung des Sacharja? Sicher nicht für die gläubigen Juden. Wohl für Christen, die der Engel Ruf über Bethlehem „Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens“ [Lk 2,14] hören. Sie erkennen in der radikalen Liebesforderung Jesu – „Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen!“ [Mt 5,44] den, mit dem das Reich Gottes seinen Anfang nimmt. Genau das lebt Jesus. „Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe“ [Joh 10,11]. Jesus stirbt am Kreuz und überwindet die Macht des Todes.  

Nun warten wir darauf, dass der Herr wiederkommt und mit ihm die Vollendung des Reiches Gottes, darauf, dass Gott eine neue Erde und einen neuen Himmel schafft, wie es Johannes der Seher ankündigt. Dann wird „das neue Jerusalem von Gott aus dem Himmel herabkommen“ [Offb 21,2].

Auch wir halten Ausschau, wie einst der Prophet Sacharja. Und wir sehnen den kommenden Messias herbei. Wir sind dabei nicht tatenlos. Denn wir suchen unser Leben im Lichte der Botschaft Jesu Christi zu gestalten, Gott zu ehren, dem Frieden zu dienen und die Liebe zum Beweggrund unseres Handelns zu machen. Es ist Advent. Möge der Herr bei uns einziehen!

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.