1. Advent
Text: Jer 23,5–8
Thema: Worauf sollen wir hoffen?
Ev. Emmausgemeinde Eppstein
Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Den Predigttext am 1. Advent lese ich bei Jeremia im 23. Kapitel, die Verse 5-8:

Jer 23,5 Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, dass ich dem David einen gerechten Spross erwecken will. Der soll ein König sein, der wohl regieren und Recht und Gerechtigkeit im Lande üben wird. 6 Zu seiner Zeit soll Juda geholfen werden und Israel sicher wohnen. Und dies wird sein Name sein, mit dem man ihn nennen wird: »Der Herr ist unsere Gerechtigkeit«. 7 Darum siehe, es wird die Zeit kommen, spricht der Herr, dass man nicht mehr sagen wird: »So wahr der Herr lebt, der die Israeliten aus Ägyptenland geführt hat!«, 8 sondern: »So wahr der Herr lebt, der die Nachkommen des Hauses Israel heraufgeführt und hergebracht hat aus dem Lande des Nordens und aus allen Landen, wohin er sie verstoßen hatte.« Und sie sollen in ihrem Lande wohnen.

„Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr“ [Jer 23,5]. Mit diesen Worten beginnt Jeremia und stellt seinem Volk vor Augen, was kommen wird. Ja, was wird kommen? Auch in unseren Köpfen hat die Frage ihren Platz. Gespannt zwischen Hoffnungen und Sorgen sehen wir auf die Zukunft.

Uns stehen schwierige Wochen bevor. Während das Virus ein Fest nach dem anderen feiert und sich täglich bei immer mehr Menschen einnistet, müssen wir uns absehbar mit neuen Einschränkungen arrangieren. Wenn das nur alles wäre – aber aus den Krankenhäusern und Intensivstationen hören wir täglich neue Hilferufe. Und dann noch Omikron, die neuste Virus-Variante aus dem Süden Afrikas.

Die daraus erwachsenden Szenarien treffen auf ein Land, das sich gleichzeitig anschickt, grundlegende Veränderungen auf den Weg zu bringen. Die problematischen Veränderungen des Klimas verlangen uns ein tiefgreifendes Umsteuern ab. Der aus den Migrationsbewegungen unserer Zeit erwachsende Druck gerade auf Gesellschaften, die sich als offen verstehen wollen, erfordert kluge und weitsichtige Lösungen. Politik und Wirtschaft sehen sich zugleich durch die Effekte der Globalisierung herausgefordert. Bei alledem haben die Kontaktbeschränkungen, die uns die Covid-19-Bekämpfung auferlegt hat, nicht nur die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen, das Leben der Alten und Einsamen beeinträchtigt, sondern auch den gesellschaftlichen Austausch negativ beeinflusst. In Echokammern gehärtete Meinungen und Überzeugungen werden mit zunehmender Härte, manchmal auch Radikalität, geäußert.

Was hat Jeremia dazu zu sagen? „Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr“ [Jer 23,5]. Und dann zeichnet der Prophet das Bild eines Volkes und einer Gesellschaft, dem eine neue Führung erwachsen ist. Er kündigt einen Spross aus dem Haus David an. Das weckt schonmal Erwartungen. So einen wie David, den könnten wir jetzt gebrauchen, sagen die Leute, mit denen Jeremia spricht. Und er kündigt so einen an: „Der soll [ein] König sein“ [Jer 23,5]. Was ihn und seine Regentschaft auszeichnet, was sozusagen sein Programm ist, findet in einem Nebensatz Platz: „der wohl regieren und Recht und Gerechtigkeit im Lande üben wird“ [Jer 23,5]. Recht und Gerechtigkeit – ein Land, in dem Menschen sicher wohnen können. Eine Gesellschaft, in der die Interessen austariert sind, alle zu ihrem Recht kommen und alle beteiligt sind. Man könnte meinen, Jeremia habe eine Regierungserklärung verfasst, aber das ist es nicht. So weit ist es noch nicht.

Er sitzt ja noch in babylonischer Gefangenschaft. Aber er hat eine Vorstellung, wie es sein sollte, dann, wenn dieser König gekommen ist. Dann werden wir nicht mehr von „denen“ reden oder „die da oben“ kritisieren, sondern „wir“ sagen und wissen, dass es auf jeden ankommt auch auf uns.

Seit Menschen in Gemeinschaften zusammenleben sehnen sie sich danach. Nach einem König, „der wohl regiert, Recht und Gerechtigkeit“ übt und der sie von den Leiden erlöst, die sie einander zufügen. Nach einer gerechten Regierung, die jedem zukommen lässt, was er braucht. Viel denen, die viel brauchen, weniger denen, die weniger brauchen. Nach einem sozial gerechten Staat, der Menschen vor Notlagen bewahrt und ihnen im Falle der Not Hilfe anbietet. Die Herstellung gerechter Zustände, das ist etwas, wofür Menschen sich immer schon eingesetzt und gekämpft haben. Diese Vision verfehlt bis heute nicht ihre Wirkung.

„Ein Staat ohne Gerechtigkeit“, sagte der Kirchenvater Augustin, „gleicht einer großen Räuberbande.“ In einem Staat ohne Gerechtigkeit herrscht Willkür. Jeder nimmt, was er bekommen kann. Die Schlechten werden belohnt, die Ehrlichen bestraft. Die Starken setzen sich durch und bekommen Recht, die Schwachen bleiben auf der Strecke. An vielen Orten dieser Welt geschieht genau das, und uns beschleicht mitunter die Sorge, es könnte auch bei uns so kommen.

„Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr“ [Jer 23,5]. Und dann ist die Rede von seiner Zeit und seinem Handeln, die alles verwandelt. Alles. Das sind die äußeren Umstände – hier das Ende der Gefangenschaft und der Unterjochung durch fremde Mächte. Das sind aber auch die Seelen und das Leben der einzelnen. Wenn der Herr „dem David einen gerechten Spross erwecken“ [Jer 23,5] wird, wird er ganz der Herr sein – innen und außen, im Staat und im Einzelnen. Dann regieren Recht und Gerechtigkeit – man könnte auch sagen, dann stimmen Regierung und Regierte sowie Gottes Regiment überein.

Dann. Also doch wieder warten. Soll das alles sein: Der Advent ein Wartesaal? Mitnichten. Warten, ja. Aber ein eben doch aktives Warten, das schon bestimmt ist, durch das, was kommt. Das zeichnet den Advent aus. Aktives Warten. Gerichtet, ausgerichtet auf den, der kommt. So haben es bereits die Propheten verstanden: „Bereitet dem Herrn den Weg“ [Jes 40,3]. Das meint durchaus nicht Untätigkeit, erst recht nicht Langeweile. Vorbereitungen wollen getroffen sein, um den, der da kommt, auch aufnehmen zu können – sehr persönlich ins eigene Leben aber darüber hinaus in die Gemeinschaft der Menschen, in der wir leben. Langweilig ist das nicht, den Weg des Herrn zu bereiten. Wer es tut, muss damit rechnen, dass das bemerkt wird und nicht jedem gefällt. Die adventlichen Botschaften zielen nicht auf Kuschelrunden am knisternden Kaminfeuer. Sie enthalten Sprengkraft. Immerhin artikulieren die Hoffnungstexte eben auch die Defizite der Menschen und der Gesellschaft, in der sie leben. Sie sind kritisch, und wir tun gut daran, diesen Aspekt wahrzunehmen. Dann können wir an der Hoffnung wachsen und die Erwartung schon ändert die Gegenwart. Das ist wie mit dem Adventskalender. Heute sind es noch 23 Türchen, hinter denen sich etwas Schönes verbirgt. 23mal frohe Erwartung. Das tut gut und trainiert. Auch die ganz große Erwartung wird in Erfüllung gehen. Es kommt die Zeit, von der der Herr spricht!

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.