11. Sonntag nach Trinitatis
Text: 2. Sam 12,1–10.13–15a
Thema: Du bist der Mann oder Ich, ich und meine Sünden
Ev. Emmausgemeinde Eppstein
Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Ein Machtmensch und ein Wortmächtiger im Gespräch. Es ist keine gemütliche Situation, kein Plausch mit Prosecco und kein Klatsch am Kamin. Der Wortmächtige, übrigens kommt er zu seiner Wortmächtigkeit, weil er von Gott als Prophet dazu ausersehen ist, heißt Nathan. Der Machtmensch David. „Und der Herr sandte Nathan zu David. Als der zu ihm kam, sprach er.“ [2. Sam 12,1] Nathan erzählt eine Geschichte – genauer ein Gleichnis. Ziemlich harmlos am Anfang und bitter am Ende.

„Es waren zwei Männer in einer Stadt, der eine reich, der andere arm. 2 Der Reiche hatte sehr viele Schafe und Rinder; 3 aber der Arme hatte nichts als ein einziges kleines Schäflein, das er gekauft hatte. Und er nährte es, dass es groß wurde bei ihm zugleich mit seinen Kindern. Es aß von seinem Bissen und trank aus seinem Becher und schlief in seinem Schoß, und er hielt’s wie eine Tochter. 4 Als aber zu dem reichen Mann ein Gast kam, brachte er’s nicht über sich, von seinen Schafen und Rindern zu nehmen, um dem Gast etwas zuzurichten, der zu ihm gekommen war. Und er nahm das Schaf des armen Mannes und richtete es dem Mann zu, der zu ihm gekommen war.“ [2. Sam 12,1-4]

Wem auch immer Nathan diese Geschichte erzählen würde, Empörung wäre die Folge. „Wie kann man so etwas tun?“ „Schämt der sich nicht?“ Wir wundern uns folglich nicht, wenn wir weiter hören: „Da geriet David in großen Zorn über den Mann und sprach zu Nathan: So wahr der Herr lebt: Der Mann ist ein Kind des Todes, der das getan hat! Dazu soll er das Schaf vierfach bezahlen, weil er das getan und sein eigenes geschont hat.“ [2. Sam 12,5-6]

Recht so, David! So muss ein Gerechter zuerst empfinden und dann sprechen. So muss vor allem der König, der Garant der Ordnung, sprechen.

„Da sprach Nathan zu David: Du bist der Mann!“ [2. Sam 12,7] Wir sehen David erbleichen. Weiß er noch, worauf Nathan anspielt? Ich denke schon. Zu gravierend war das Vorgefallene, das ich mit einem Namen zitiere: Batseba, und in Klammern kurz erzähle.

Im Frühjahr 990 vor Christus belagern die Truppen Davids die Hauptstadt der Ammoniter, Rabba, das heutige Amman. Der König ist zuhause geblieben, nicht unüblich bei kleineren militärischen Operationen. Als es abends kühler wird, genießt der König das auf dem Dach seines Hauses. Von dort hat er einen guten Blick auf die darunter liegende Stadt. In einem Innenhof sieht er ine Frau baden. Jetzt wird’s David wieder heiß. Wer ist das? Wie heißt die Schöne. Er lässt nachforschen und erfährt, das ist Batseba, die Frau des Uria. Dieser gehört zu den Truppen, die vor Rabba stehen. Gelegenheit macht Diebe. David lässt Batseba zu sich holen und schläft mit ihr. Einige Zeit später lässt sie den König wissen, „schwanger bin ich“. Nun gerät der König in Bedrängnis. Er muss unbedingt vermeiden, dass das herauskommt, und er ersinnt einen perfiden Plan. Er lässt den gehörnten Uria nach Jerusalem beordern und schickt ihn zu seiner Frau mit der unverhohlenen Aufforderung, seine ehelichen Pflichten zu erfüllen. Dumm nur, dass Uria nicht spurt. Vermutlich hat der Hoftratsch ihm schon Gerücht oder Gewissheit vermittelt, dass seine Frau schwanger ist. Von ihm nicht – er war Im Feld! Auch der reichliche Einsatz von Alkohol kann den Betrogenen nicht umstimmen. Am Ende schickt der König Uria in den Tod. Batseba holt er nach Ablauf der siebentägigen Trauerzeit in sein Haus, wo sie ihm einen Sohn gebiert. [vgl. 2. Sam 11]

War das eine noch eine Affekthandlung, muss das andere als Mord aus niedrigen Beweggründen gewertet werden.

Das alles dürfte David durch den Kopf gehen, kommt hinzu, dass er es vermutlich gar nicht mehr gewöhnt ist, dass jemand so unverblümt mit ihm spricht. Macht macht einsam. Und sie kann die Maßstäbe verrücken. Nicht nur beim RBB (Radio Berlin Brandenburg) oder den großen Playern der Geschichte.

Gilt nicht! würde der Prophet einwenden, sollte der letzte Hinweis als Versuch einer Entschuldigung gemeint sein. Denn:

„So spricht der Herr, der Gott Israels: Ich habe dich zum König gesalbt über Israel und habe dich errettet aus der Hand Sauls 8 und habe dir deines Herrn Haus gegeben, dazu seine Frauen in deinen Schoß, und habe dir das Haus Israel und Juda gegeben; und ist das zu wenig, will ich noch dies und das dazutun.“ [2. Sam 12,7-8]

„Der Herr, der Gott Israels“ spricht, die fraglos höchste Autorität. Und sie lässt den König durch den Propheten wissen, alles, was Du bist und hast, hast Du von IHM. Und jetzt das!

„Warum hast du denn das Wort des Herrn verachtet, dass du getan hast, was ihm missfiel? Uria, den Hetiter, hast du erschlagen mit dem Schwert, seine Frau hast du dir zur Frau genommen, ihn aber hast du umgebracht durch das Schwert der Ammoniter.“ [2. Sam 12,9]

Aus dieser Schuld wird David nicht mehr herauskommen. Auch der Hinweis, dass er selbst Uria nicht getötet habe, würde nichts nützen. Ein früher Kommentar merkt an: „Der Auftraggeber ist schuldig“ [Schamai b. Kiuschín, 43a] und das talmudische Prinzip formuliert: „Es gibt keinen Beauftragten bei einer Sünde“ [b. Kiduschín, 42b]: Strafe muss sein! Wozu? Kann sie das Unrecht ungeschehen machen. Nein, aber sie kann und muss die Ordnung wieder herstellen. 

„Nun, so soll von deinem Hause das Schwert nimmermehr lassen, weil du mich verachtet und die Frau Urias, des Hetiters, genommen hast, dass sie deine Frau sei. [2. Sam 12,10 …]

Die Tat fällt auf dich zurück. „So soll von deinem Hause das Schwert nimmermehr lassen“ [ebd.] Und so wird es geschehen. Alle Kinder Davids werden durch das Schwert umkommen.

Zwei Worte (im Hebräischen) hatten Batseba genügt, die Folge des königlichen Seitensprungs zu benennen. Zwei Worte reichen Nathan, den Schuldigen zu identifizieren: „Du bist der Mann“. Und mit zwei Worten reagiert David, wie gesagt im Hebräischen: „Ich habe gesündigt gegen den Herrn.“ [2. Sam 12,13]

In Psalm 51 hören wir den König seine Reue besingen:

„Gott, sei mir gnädig nach deiner Güte, und tilge meine Sünden nach deiner großen Barmherzigkeit.Wasche mich rein von meiner Missetat, und reinige mich von meiner Sünde; denn ich erkenne meine Missetat, und meine Sünde ist immer vor mir. An dir allein habe ich gesündigt und übel vor dir getan,“ [Ps 51,3-6]

Tiefe Reue: Das Eingeständnis ist der Anfang der Umkehr. Es ist der erste und entscheidende Schritt in die neue Richtung: Die Richtung auf Gott und den Mitmenschen hin. Wie es in der Weisheit heißt: „Wer seine Frevel bedeckt, hat kein Glück, wer jedoch eingesteht und (sie) verlässt, findet Erbarmen.“ [Sprüche 28,13]

Getilgt ist die Schuld damit nicht. Deren Folgen sind unausweichlich. Freilich entgeht David hier der Höchststrafe: „Nathan sprach zu David: So hat auch der Herr deine Sünde weggenommen; du wirst nicht sterben. Aber weil du die Feinde des Herrn durch diese Sache zum Lästern gebracht hast, wird der Sohn, der dir geboren ist, des Todes sterben. Und Nathan ging heim. Und der Herr schlug das Kind, das Urias Frau David geboren hatte, dass es todkrank wurde.“ [2. Sam 12,13-15]

Nicht einer von uns ist König. Und reich sind ohnehin nur die andern. Aber geht die Geschichte so einfach spurlos an uns vorbei? Oder fühlen wir uns doch da oder dort ertappt, weil wir selbst dem, der nichts oder nur wenig hat, auch das noch nehmen, weil wir es können? Weil wir denken: „Ich kann mir das leisten.“ Weil wir immer mehr haben müssen, als wir schon besitzen? Weil es uns nicht reichen will, was wir haben? Wo? Und Wie?

Zwischen ganz unscheinbar und ganz offensichtlich gibt es unendlich viele Varianten. Unsere eigene wird auch dabei sein. Aber wir sollten bedenken: Am Ende essen wir alle aus einer Schüssel. Was wir uns genommen haben, ist für keinen andern mehr da. Und was wir dem andern nehmen oder vorenthalten, fehlt ihm.

Wir sehen noch einmal zurück zu David. Der Mächtige unterwirft sich dem, der Macht hat über Himmel und Erde, Leben und Tod. Damit ist das Verfahren abgeschlossen. Und wir sehen auf das Ende: Der des Todes sein müsste, darf weiter leben. Wenig Aufhebens macht der Erzähler von Davids unrechtmäßigem Sprössling. Das Kind muss sterben. Für das Unrecht ist ein Preis zu zahlen. Die Geschichte hinterlässt Narben, die lebenslang schmerzen werden.

Wir verstehen, theologisch gesprochen, die Vergebung der Sünden hinterlässt keine heile Welt [Uwe Weise]. die wird der Auferstandene selbst ins Werk setzen..

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.