6. Sonntag nach Trinitatis

PR Geschichte der Kirche

Thema: Unter dem Einfluss der Französischen Revolution

Was hat es mit den „gereinigten Religionsbegriffen“ auf sich?

Ev. Emmausgemeinde Eppstein

Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Am 14. Juli 1789 schreibt der französische König, Ludwig XVI. in sein Tagebuch: „Rien“ – „nichts“. Es ist der Tag, an dem die Bastille gestürmt und die „Herrschaft des Volkes“ ausgerufen wird. Als man das spät nachts dem schon schlafenden König meldet, bemerkt er: „Aber, mein Gott, das ist ja eine Revolte!“, woraufhin der Herzog von Laincourt erwi-dert: „Nein, Sire, das ist die Revolution.“

Für die Kirche in Frankreich scheint selbst diese Umwälzung einen erträglichen Verlauf zu nehmen. Der Sturm auf die Bastille wird noch mit Messen begangen. Im August verzichtet der Klerus zur Abwendung eines Staatsbankrotts auf den Grundbesitz der Kirche. Das reicht nicht. Mirabeau fordert: „Il faut décatholiser la France!“ Wir müssen Frankreich entkatholisieren. Das „Gesetz zur Gleichstellung der Pfarrerschaft mit den übrigen Staatsbürgern“ (Constitution civile du clergé) sieht vor, den Klerus dem Staat zu unterstellen und ihn damit aus dem Zusammenhang mit dem Papst und der Weltkirche herauszulösen. Viele Geistliche verweigern den Eid auf dieses Gesetzeswerk.

Vor allem in Paris büßen das viele von ihnen in den Septembermorden 1792 mit dem Gang zur Guillotine. Im Jahr darauf folgt das Verbot der katholischen Religionsausübung. Die Anführer der Revolution huldigen dem Kult der Vernunft. Damit standen sie in der Tradition eines Voltaire. Der, einer der einflussreichsten Köpfe des 18. Jahrhunderts, meint aus der Gesetzmäßigkeit des Kosmos auf eine höchste Intelligenz schließen zu können, die hinter all dem stehe. Alles aber, was dem Urteil der Vernunft nicht standzuhalten vermochte, sollte abgeschafft werden. Seinen Schlachtruf „écrasez l’infâme!“ – zerschlagt die Abscheuliche – konnte man leicht auf die Kirche beziehen.

Ende 1793 ist es soweit: Die Kirchen werden geschlossen und öffnen allenfalls wieder als „Tempel der Vernunft“ ihre Pforten. Bilderstürmer verwüsten und zerstören, was sich ihrer Vernunft entzieht. Eine einheitliche Bewegung entsteht allerdings nicht. Unter den radikalsten der radikalen Jakobiner gibt es solche, die schon in der Behauptung des Gottes-gedankens eine konterrevolutionäre Position ausmachten (Hébertisten), während etwa Maximilian Robespierre für einen „Kult des höchsten Wesens“ steht, darin ganz auf den Spuren des großen Voltaire.

Das erste Fest zu Ehren der Vernunft wird am 10. November 1793 in der Kathedrale Notre-Dame abgehalten. Man hat sie in einen „Tempel der Vernunft und der Freiheit“ um-gewidmet. Und die Woche der Revolution zählt zehn Tage, statt sieben. Der Sonntag ist erstmal Geschichte.

Trotzdem, eine Volksbewegung wird daraus nicht. Der Konvent und dann auch Robespierre selbst mahnen eine freie Religionsausübung an, ja, letzterer erkennt sogar Gefahren der Entchristianisierung. Man rudert zurück.

Am Ende frisst die Revolution ihre Kinder. Der Terror zeigt, was er ist: Willkür. Viele Köpfe rollen – auch die der vormaligen Anführer. [vgl. Pierre Vergniaud, Girondist] Während die Revolution sich innenpolitisch in zehrende Konflikte verwickelt, feiert sie auf den Schlachtfeldern Erfolge.

In dieser späten Phase der Revolution macht ein junger Korse von sich reden: Napoleon Bonaparte. Erfolgreich in Italien und in Ägypten – die so genannte „Expedition“ dorthin hat das Ziel einer Schwächung Großbritanniens – gibt Napoleon im November 1799 einem Staatsstreich die militärische Rückendeckung. Als Erster Konsul übernimmt er faktisch die Macht. 1801 einigt er sich in einem Konkordat mit der Römischen Kirche. Der Katholizismus wird als mehrheitliche Religion der Franzosen anerkannt und die freie Religionsausübung an Sonntagen und kirchlichen Feiertagen wieder offiziell gestattet. Bei der Trennung zwischen Kirche und Staat und bei der in der Revolution erfolgten Enteignung des Kirchenbesitzes bleibt es.

1804 krönt er sich selbst in Anwesenheit des Papstes – Pius II. – in Notre Dame zum Kaiser und installiert, wenn auch wenig erfolgreich, eine neue Dynastie. Wie sehr die alte Zeit zurückgekommen ist, illustriert eine zeitgenössische Beobachtung: Damit die aufwendigen Frisuren der Damen keinen Schaden nehmen, schlafen die Hofdamen in den Tuilerien die Nacht über im Sitzen.

Wie im Sturm fegt der neue Kaiser über das alte Europa hinweg. In seinem Gefolge finden sich auch manche Ge-danken der Revolution, die im restlichen Europa von vielen herbeigesehnt werden. Die größte Wirkung zeigt am Ende der Code Civil, das französische Gesetzbuch zum Zivilrecht, das in den besetzten Gebieten eingeführt wird und als „Rheinisches Recht“ beispielsweise in der preußischen Rheinprovinz oder auch in Rheinhessen bis zur Einführung des Bürgerlichen Gesetzbuches 1900 Bestand hat. Das bedeutet: Neben der Freiheit für jeden und der Gleichheit vor dem Gesetz erwähne ich nur noch die Trennung von Staat und Kirche (Laizismus) und die Einführung eines Personenstandsre-gisters.

So entschlossen die Allianz seiner Gegner sich der Restauration des vornapoleonischen, ja vorrevolutionären Europas annahmen, so beherzt hatten sie 1803 zugegriffen, als der Reichsdeputationshauptschluss ihnen den vormals kirchlichen Grund- und Territorialbesitz der Kirchen als Entschädigung für territoriale Verluste zusprach. Bis zur Aufhebung dieser Regelung reichte die Restaurationsenergie der beim Wiener Kongress versammelten Fürsten 1815 allerdings nicht. Das wirkt bis heute nach – jetzt zu Lasten des Steuer-zahlers. Jährlich sind das etwa 460 Millionen Euro. (Anmerkung: Bislang ist der Staat, der vom GG dazu verpflichtet ist, seinem Auftrag, eine Ablösung mit den Kirchen zu ver-handeln, nicht nachgekommen. „Nur weil jemand 100 Jahre lang Miete zahlt, heißt das noch lange nicht, dass die Wohnung danach ihm gehört“, sagt auch der Leiter der EKD-Finanzabteilung, Thomas Begrich. Zitat: FAZ vom 3.9.2013)

Das europäische Publikum hat in diesen bewegten Jahren erleben können, dass Gesellschaft und Staat auch ganz anders verstanden und organisiert werden können, als es bis dahin üblich gewesen war. Und es hat, und sei es in der besagten Selbstkrönung Napoleons, eine neue Rollenverteilung wahrgenommen. Eines ist klar: Die Kirche muss jetzt versuchen, sich auf ihre Grundlagen zu besinnen und ein neues Selbstbewusstsein zu finden.

Ein Impuls kommt von Preußens König Friedrich Wilhelm III.. Er spricht von einem „gereinigten Religionsbegriff“, der erlauben soll, unterschiedliche Konfessionen – hier sind Re-formierte und Lutheraner gemeint – einander näher zu bringen, und dadurch selbst den unaufgeklärten Teil der kirchlichen Gemeinden immer mehr und mehr zu überzeugen, dass Friede, Liebe und Duldung die einzigen nötigsten Mittel in Religion Sachen sind.“ [Jahrbücher der preußischen Monarchie unter der Regierung Friedrich Wilhelms III., Jahrgang 1801, 2. Band. Berlin 1801, S. 73]

Ja, das Gefühl antwortet auf den Primat der Vernunft. Wie beides zusammengeht, wird Friedrich Daniel Schleiermacher uns zeigen. Als ein Grundzug der Religion bezeichnet er „das Gefühl schlechthinniger Abhängigkeit“. 

Und der Friede Gottes, der höher ist, als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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