Andacht zum Wochenspruch am 3. Sonntag nach Epiphanias

Und es werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Süden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes.
Lk 13,29

Welch ein schönes Bild!

Eine große Tafel, festlich gedeckt, und viele Menschen kommen, von überall her, um an diesem Tisch Platz zu nehmen. Ich stelle mir vor, wie sie miteinander ins Gespräch kommen, Fremde und Freunde begegnen sich, neue Kontakte entstehen. Allen gemeinsam ist die Freude über die Einladung Gottes zu dieser bunten, fröhlichen Tischgemeinschaft. 

Es werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Süden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes.

Dieser Satz steht in einem Kontext, der so ganz anders gefärbt ist. Und weil beides zusammen gehört, möchte ich Ihnen zunächst den ganzen Text vorlesen.

22 Und er (Jesus) ging durch Städte und Dörfer und lehrte und nahm seinen Weg nach Jerusalem. 23 Es sprach aber einer zu ihm: Herr, meinst du, dass nur wenige selig werden? Er aber sprach zu ihnen: 24 Ringt darum, dass ihr durch die enge Pforte hineingeht; denn viele, das sage ich euch, werden danach trachten, dass sie hineinkommen, und werden‘s nicht können. 25 Sobald der Hausherr aufgestanden ist und die Tür verschlossen hat und ihr anfangt, draußen zu stehen und an die Tür zu klopfen und zu sagen: Herr, tu uns auf!, dann wird er antworten und zu euch sagen: Ich weiß nicht, wo ihr her seid. 26 Dann werdet ihr anfangen zu sagen: Wir haben vor dir gegessen und getrunken, und auf unsern Straßen hast du gelehrt. 27 Und er wird zu euch sagen: Ich weiß nicht, wo ihr her seid. Weicht alle von mir, ihr Übeltäter! 28 Da wird sein Heulen und Zähneklappern, wenn ihr sehen werdet Abraham, Isaak und Jakob und alle Propheten im Reich Gottes, euch aber hinausgestoßen. 29 Und es werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Süden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes. 30 Und siehe, es sind Letzte, die werden die Ersten sein, und sind Erste, die werden die Letzten sein.

Das sind harte Worte!

Jesus macht dem Fragesteller keine große Hoffnung, dass dieser einen Platz im Reich Gottes bekommt. Wer ist dieser Mann? Seine Frage »Herr, meinst du, dass nur wenige selig werden?« lässt erkennen, dass er rechnet. Er berechnet. Was muss ich tun, um selig zu werden? Eine Frage, die im Evangelium öfter zu hören ist. Er rechnet sich seine Chancen aus. Was bekommt er für seinen Einsatz? Da geht es nicht um eine lebendige Beziehung zu Jesus, um Austausch oder gar um Nachfolge, sondern um Selbstoptimierung und Selbstdarstellung. Der Glaube als Mittel zum Zweck. Ob es das ist, was Jesus so schroff antworten lässt?

Er – Jesus – holt noch weiter aus und zitiert den Hausherrn, der seine Tür verschließt und die nicht (mehr) reinlässt, die sich vor seinem Haus eingefunden haben. Warum? Vielleicht sind es die Leute, die immer zu spät kommen, weil sie vorher noch so viel Wichtigeres zu erledigen hatten. Die eben andere Prioritäten setzen. Die Fragen stellen und gar nicht auf die Antwort warten. Die sich anmelden und dann nicht absagen, wenn ihnen etwas dazwischen kommt. Die Halbherzigen.

Wenn ich mir diese beiden Charaktereigenschaften so ansehe – berechnend und halbherzig – , merke ich, dass doch vieles davon auch in uns, in mir!, vorhanden ist. 

Zur Zeit kann man das besonders gut beobachten. Kleines Beispiel: Wann immer neue Coronaregeln bekannt werden, folgen sofort die Kommentare von allen Seiten. Wenn man sich nur noch 15 km von zuhause entfernen darf, wird geschachert um jeden Meter. Wo beginnen die 15 km? Und wie lange dürfen sie höchstens sein? Jeder legt sich die Regeln auf seine Weise zurecht. Der Blick auf den eigenen Vorteil ist klarer als der Blick auf das Gemeinwohl. Wie gesagt, ich nehme mich da nicht aus!

Halbherzig und berechnend. Das sind nicht die Eigenschaften, die Gott an uns schätzt.

Ich suche nach Eigenschaften, die das Gegenteil dazu sind:
– verbindlich sein
– offen dem Nächsten gegenüber
– selbstlos
– bereit, ohne Wenn und Aber für eine Sache einzustehen

Doch wer schafft das schon?

Da kann ich ich die Aussage, dass nur wenige durch die Pforte kommen werden, schon besser verstehen! Auch die Mahnung »wenn ihr so weitermacht, bleibt ihr irgendwann vor verschlossener Tür« wird nachvollziehbar. Auch ich fühle mich da angesprochen.

Und dann folgt der Satz, der unser Wochenspruch ist:
Es werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Süden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes.

Das soll heißen: Gott lädt uns alle ein! 
Egal, woher wir kommen. Egal, was und wieviel wir schon geleistet haben. Egal, ob wir schon seit morgens im Weinberg arbeiten oder erst gegen Abend gekommen sind. Egal, ob wir die ersten oder die letzten sind. Egal, welche Voraussetzungen wir erfüllen können. 

Die Einladung gilt uns allen.

Dorothea Lindenberg

Wir beten.

Sanftmut den Männern, Großmut den Frauen!
Liebe uns allen, weil wir sie brauchen.
Flügel den Lahmen! Lieder den Stummen!
Träume uns allen, weil wir sie brauchen.
Ehrfurcht den Starken! Mut den Gejagten!
Friede uns allen, weil wir ihn brauchen.
Amen.
(Gerhard Schöne, nach einem Lied aus Südafrika)