1. Sonntag nach dem Christfest
Text: Lk 2,25-38
Thema: Fenster in eine andere Wirklichkeit
Gemeindezentrum EMMAUS, Bremthal
Pfarrer Moritz Mittag.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Der Evangelist Lukas nimmt uns, die weihnachtliche Gemeinde, an die Hand und lässt uns ein Stückchen tiefer in die Geschichte von Jesus eingehen. Wo Matthäus von den drei Magiern erzählt, die von Ferne kommend, dem Messias huldigen, führt uns Lukas eine Szene im Tempel vor Augen.

Wir sehen einen alten Mann. Wenn die Jungen ihn sehen, wenn sie überhaupt ein Auge für ihn haben, fragen sie sich: Was soll da noch kommen. Er hat sein Leben gelebt. Game over, sozusagen. Was sie nicht wissen, ist, dass er mehr weiß. – Lukas schreibt:

25) Und siehe, ein Mann war in Jerusalem, mit Namen Simeon; und dieser Mann war fromm und gottesfürchtig und wartete auf den Trost Israels, und der heilige Geist war mit ihm.

Der alte Mann heißt Simeon. Schon sein Name ist Programm. Man könnte ihn mit “Erhörung” wiedergeben. Wieso aber Programm? Simeon wird von Lukas als “gerecht und gottesfürchtig” charakterisiert. Johannes Weiß macht darauf aufmerksam, dass die Bezeichnung “gottesfürchtig” eigentlich im Sinne von “vorsichtig”, “sich vor Verschuldung sorgfältig hütend” bedeutet. Sein ganzes Leben hat der alte Mann an Gottes Willen orientiert. Er hat, wie jeder fromme Jude, die Schriften studiert und an ihnen die Hoffnung auf den kommenden Messias genährt.

Das mag vielen fremd anmuten, dass ein Mensch sein ganzes Leben dem Glauben widmet und tagaus tagein die Schrift studiert – die Erwartung des Messias nicht außer Acht lassend. Aber so einer ist Simeon.

(26) Und ihm war ein Wort zuteil geworden von dem heiligen Geist, er solle den Tod nicht sehen, er habe denn zuvor den Christus des Herrn gesehen. (27) Und er kam auf Anregen des Geistes in den Tempel.

Sein Besuch dort geht also nicht auf seine Entschlusskraft zurück oder auf besseres Wissen. Er kommt auf Anregen des Geistes in den Tempel.

Dorthin gehen die Eltern eines Neugeborenen. Man macht das so. Er soll gesegnet werden. Wir kennen das ähnlich von der Taufe. Nun kommt es hier zu einer wunderbaren Begegnung. Wir können uns die Szene gut vorstellen. Der alte Mann trifft das neugeborene Kind. Von diesem geht eine Anziehung aus, der Simeon folgt.

Und als die Eltern das Kind Jesus in den Tempel brachten, um mit ihm zu tun, wie es Brauch ist nach dem Gesetz, (28) da nahm er ihn auf seine Arme.

Das Kind fasziniert den Alten. In ihm liegt so viel Zukunft und auf diesem Kind noch mehr. Wörtlich übersetzt “nimmt” Simeon das Kind nicht, er “empfängt” es. Da ist nichts von “Nehmen”. Da ist allerdings Bereitsein und darum Empfangen.

Und da ist Hanna. Hochbetagt. Eine Asketin. Ihr Name, es lohnt sich auf diese Dinge zu achten, kann bedeuten “Die Begnadigte” oder “Die Gebeugte”. Beides könnte hier zutreffen. Sie hat ihr Leben gelebt. Das verbindet sie mit Simeon. In den letzten Jahren ist sie dem Heiligen immer näher gerückt. Lukas schreibt von ihr: “(36) Und es war eine Prophetin, Hanna, eine Tochter Phanuëls, aus dem Stamm Asser; die war hochbetagt. Sie hatte sieben Jahre mit ihrem Mann gelebt, nachdem sie geheiratet hatte, (37) und war nun eine Witwe an die vierundachtzig Jahre; die wich nicht vom Tempel und diente Gott mit Fasten und Beten Tag und Nacht.

Was bringt die beiden Alten dazu, so viel Zeit und Energie auf ihren Gottesdienst zu verwenden. Haben sie nichts Besseres zu tun. Ja, sie haben nichts Besseres zu tun. Denn in der Hierarchie der Bedeutung sind die Dinge, die die Jungen umtreiben, nach unten gerutscht. Vielleicht kann das gar nicht anders sein, wenn man das Ende des Lebens vor Augen hat und dennoch Ausschau hält nach einer Zukunft.

Bei Simeon und Hannah geht vom Heiligen, nichts steht im jüdischen Leben so sehr dafür wie der Tempel, eine Faszination aus. Selbst die abertausend Touristen, die in normalen Jahren über den Tempelberg schlurfen, sind von dessen religiösen Geheimnis fasziniert. Genau besehen ist nichts da, was in aller Eindeutigkeit für das Ganz-Andere spräche. Nur Steine und Himmel.

Das Heilige ist ein Faszinosum, weil man es nie hat, auch nicht haben kann, sondern weil man in der Begegnung mit dem Heiligen spürt und versteht, dass es hinter allem Vorfindlichen noch mehr geben muss – ja, wie das der Vorhang im Tempel zum Ausdruck bringt, der das Sichtbare vom Unsichtbaren unterscheiden hilft.

Jetzt hebt Simeon an zu singen – “und lobte Gott und sprach: (29) Herr, nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren, wie du gesagt hast; (30) denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen, (31) den du bereitet hast vor allen Völkern, (32) ein Licht, zu erleuchten die Heiden und zum Preis deines Volkes Israel.” 

Sein Gesang offenbart eine Wahrheit, die den anderen noch verborgen ist. Das geht weit über die sonst üblichen Vorhersagen stolzer Großeltern oder urteilsfester Tanten hinaus: “Das wird mal ein Großer” oder “Wie der Vater, schau, die Hände, der wird Zimmermann”.

Tatsächlich wird dieses Kind einmal als Zimmermann arbeiten, kräftig anpacken und abends wissen, wie das ist, wenn man den ganzen Tag körperlich schwer gearbeitet hat.

Aber das ist es nicht, was Simeon besingt. Der Alte erkennt in diesem Jeshua, diesem Kindchen, den verheißenen Messias. “Ein Licht, zu erleuchten die Heiden und zum Preis deines Volkes Israel.“ [Lk 2,32]

Nun, da die Hoffnung erfüllt und die Sehnsucht gestillt ist, ist der Lebenslauf ans Ziel gekommen. An sein vorläufiges Ziel, das, das wir sehen können. Hannah ergeht es ähnlich: “(38) Die trat auch hinzu zu derselben Stunde und pries Gott und redete von ihm zu allen, die auf die Erlösung Jerusalems warteten.”

Ich kann mir vorstellen, dass die Eltern überwältigt, vielleicht überfordert sind. Sie haben ganz andere Dinge im Kopf, mit denen sies ich abgeben müssen: Das Kindchen füttern, seine Windeln wechseln, aufpassen, dass ihm nichts zustößt. Und im Tempel bleiben können sie auch nicht. Wohin also?

“(33) Und sein Vater und seine Mutter wunderten sich über das, was von ihm gesagt wurde.”

Sprachlos haben sie verfolgt, was da vor sich ging. Was soll man auch dazu sagen?

(34) Und Simeon segnete sie und sprach zu Maria, seiner Mutter: Siehe, dieser ist gesetzt zum Fall und zum Aufstehen für viele in Israel und zu einem Zeichen, dem widersprochen wird (35) – und auch durch deine Seele wird ein Schwert dringen -, damit vieler Herzen Gedanken offenbar werden.

Ob Maria das alles auffassen und verstehen kann. Wäre dem so, dann wäre sie mit einem Sorgenkind nach Hause gegangen. Soviel muss klar sein: Die Mächtigen aller Zeiten werden nicht zulassen wollen, dass sie fallen und andere das Sagen haben. Derlei Dramen stehen uns heute ganz aktuell vor Augen. Männer, die nicht verstehen, dass ihre Zeit abgelaufen ist. Und andere, die alle Vorsorge treffen und tun, was in ihrer Macht steht, um am Ende ungeschoren davon zu kommen.

Wenn ich Maria wäre, dann hätte ich mir bei der letzten Ankündigung ans Herz gegriffen, weil es höher schlägt als sonst, nicht vor Freude, eher vor Angst. Sie wird auf eigene Weise den vielen nah sein, durch deren Seele, aus welchen Gründen auch immer, sich ein Schwert bohrt. Sie wird, darin ihrem Sohn ähnlich, das ertragen. Wie schwer das ist, zeigen die vielen und einst populären Darstellungen der Pietà, der trauernden Mutter Jesu. Viele kennen Michelangelos Pietà im Petersdom, einige haben hier Stefan Budians Gemeindebild im Sinn und dessen letztes Bild. Maria und andere betrauern den toten Jesus.

Von Simeon wissen wir, er hat sich darum gekümmert, was Gott von ihm will. Die Schriften der Bibel haben ihm Durchblick verschafft. Hier hatten sich die Fenster in eine andere Wirklichkeit geöffnet. Er und Hanna haben sich dabei nicht in eine Klause zurückgezogen, sondern sie haben die Gemeinschaft der Gemeinde gesucht. Zusammen wartet und erwartet es sich besser. Von beiden haben wir gehört, dass sie mit Gott im Gespräch waren. Das führt zu einer Vertrautheit der Partner. Auch die Zeichen des anderen weiß man nach einiger Zeit zu lesen. Auch das sind Fenster, die Simeon und Hanna uns zeigen. Mit ihrer Hilfe haben sie, so könnte man sagen, auch immer wieder ihr Lebenshaus gelüftet. Das hat ihnen gutgetan. Warum sollte es uns nicht auch guttun?

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.