1. Advent

Text: Offb 3,14–22
Thema: dass du weder kalt noch warm bist
Ev. Emmausgemeinde Eppstein
Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Advent! „Endlich“, sagen die einen, „schon wieder“ die anderen. Woran denken sie dabei? An Weihnachtsmärkte, an geschmückte Räume – innen und außen? An besondere Süßigkeiten – Lebkuchen, Plätzchen, gebrannte Mandeln, an Glühwein und Punsch. Vielleicht auch ans Geschenke besorgen für die Lieben beim nahen Fest. Lieder auch. Die traditionellen und die neuen. So viele verschiedene Seiten hat dieser Advent. Der andere folgt zunächst einmal der Bedeutung des Wortes: Advent – ausführlicher „adventus Domini“ – die „Ankunft des Herrn“. Von diesem Motiv leiten sich andere ab: Die Ankunft des kommenden Herrn will vorbereitet sein. Das bedeutet nicht, dass Kanaldeckel zugeschweißt, Straßen gesperrt und Umleitungen eingerichtet werden müssten. Es lärmen auch keine Hubschrauber über der Szenerie. Der Advent ist nicht Elmau.

Und trotzdem verlangt die Ankunft des Herrn ihre Vorbereitung. Und wie können wir die uns vorstellen? Zunächst muss man ja wohl wissen, wen man erwartet. Eltern, die der Geburt ihres Kindes entgegensehen, werden gewiss andere Vorbereitungen treffen als sie das später für die Wiederkehr eines ihrer Kinder nach dessen langer Abwesenheit tun werden.

In den vorherrschenden Traditionen, die bei uns noch ansatzweise lebendig sind, spielt die Geburt des Kindes die entscheidende Rolle. Die frohe Erwartung hebt die Stimmung auch derer, die mit diesem einen Kind nichts am Hut haben. Sie ist das Licht der Hoffnung, das gerade in dunkler Zeit besonders zur Geltung kommt, so wie der Herrnhuter Stern, der gestern beim Auftakt zum Advent über unseren Köpfen strahlte. Und, seien wir ehrlich, angemessene Beachtung fand er erst, als es hinreichend dunkel geworden war. Fazit: Hoffnungsbotschaften gewinnen in dunklen Zeiten an Strahlkraft und Bedeutung. Oder: Die Sehnsucht wächst mit der Entbehrung.

Die andere Tradition zur Vorbereitung auf die Ankunft des Herrn, fordert gleichsam die geistliche und seelische Variante des Hausputzes. Dass man in Erwartung hohen Besuchs – und sei es die Schwiegermutter – aufräumt und reine macht, versteht sich. Jetzt aber, das ist die Grundannahme dieser Tradition, kommt der, der am Kreuz gestorben und auferstanden ist. Er kommt wieder. Er kommt, um die Seinen in die Zukunft mit Gott zu führen. So sind Gewissenserforschung – lebe ich, ja, bin ich richtig? – und die Übung der Umkehr Aufgaben der Adventszeit als Bußzeit. Gehöre ich zu den Seinen oder auch nicht. Bedarf es der zielgerechten Veränderung, damit ich dem kommenden Herrn entgegengehen und unter die Augen treten kann?

Das letzte der sieben Sendschreiben des Sehers Johannes ist an die Christen in Laodicea gerichtet. Der Stadt in Kleinasien geht es gut. Sie ist reich. Die Produktion begehrter und qualitätvoller Stoffe und einer stark nachgefragten Augensalbe hat viel Geld in die Kassen gespült. Es gab dort medizinische Einrichtungen, die sich sehen lassen konnten und Patienten von nah und fern anzogen.

In den Anspielungen des Johannes spiegelt sich das Selbstverständnis der Christen von Laodicea. Johannes schreibt: „Das sagt, der Amen heißt, der treue und wahrhaftige Zeuge, der Anfang der Schöpfung Gottes.“ „Der Amen heißt“ [Offb. 3,14], das ist der Absender. Aber wer heißt denn „Amen“?

Wir kennen Samuel, Felix, Nele oder Mira. Aber „Amen“? Er ist, so lesen wir, „der treue und wahrhaftige Zeuge, der Anfang der Schöpfung Gottes.“  Das ist wohl derselbe, von dem wir an Weihnachten im Johannesevangelium lesen: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Dasselbe war im Anfang bei Gott. Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht…“ [Joh 1,1-3]

Der „Amen“, die Bestätigung, der Schwur Gottes, er sagt:

Ich kenne deine Werke, dass du weder kalt noch warm bist. Ach, dass du kalt oder warm wärest! [Offb 3,15]

Sonntags stehen sie in der Gemeinde und bekennen ihren Glauben. Die Worte gehen ihnen leicht über die Lippen, man sollte annehmen, sie sind ihnen vertraut und was sie sagen, meinen sie auch. Zwischen dem Bekenntnis und seiner alltäglichen Anwendung klaffen Lücken oder gar Abgründe.

Man bringt es fertig, wie wir wissen, Krieg und Zerstörung und all das Elend, das mit ihnen einhergeht, sich von kirchlichen Autoritäten segnen zu lassen, wie jüngst in Moskau. Welch Hohn! Welch Spott angesichts des Gekreuzigten und seiner Botschaft!  Ich schäme mich. Für die, die sich dafür hergeben, aber auch für mich und uns, dass wir nicht laut aufschreien im Protest dagegen, dass hier das Evangelium mit Füßen getreten wird! Ach, dass du kalt oder warm wärest! [Offb. 3,15]

„Weil du aber lau bist und weder warm noch kalt, werde ich dich ausspeien aus meinem Munde.“ [Offb. 3,16] Die, die Christen sein wollen, sind dies und das und nichts Bestimmtes. Wenn’s drauf ankommt, fallen sie um. Ist’s Bequemlichkeit, Feigheit oder der eigene Vorteil? Bei den Christen in Laodicea herrscht die Meinung vor, „wir brauchen das nicht“. Irgendwie kommt mir das bekannt vor. Könnte sein, dass ich so was auch hier schon gehört habe. Johannes schreibt: „Du sprichst: Ich bin reich und habe mehr als genug und brauche nichts!“ [Offb. 3,17] – Zumindest was den Bezug von Erdgas und -öl anbelangt, hat unsere Lernkurve in diesem Jahr einen steilen Verlauf genommen. Wenn’s nur das wäre! Johannes fährt fort: „und [Du] weißt nicht, dass du elend und jämmerlich bist, arm, blind und

bloß“ [ebd.].

Das, worauf du dich verlässt, hält nicht, was es verspricht. Worauf verlasse ich mich? Worauf verlassen wir uns? Wer hält uns, wenn wir fallen? Wer richtet uns auf, wenn wir gestürzt sind? Wer nimmt uns in den Arm, wenn wir an unserem Scheitern verzweifeln? Johannes schreibt: „Ich rate dir, dass du Gold von mir kaufst, das im Feuer geläutert ist, damit du reich werdest, und weiße Kleider, damit du sie anziehst und die Schande deiner Blöße nicht offenbar werde, und Augensalbe, deine Augen zu salben, damit du sehen mögest“ [Offb. 3,18].

Die Anspielungen sitzen. Den Reichen fehlt beständiger, kursunabhängiger Reichtum. Die Stoffhersteller und -händler vermögen sich nicht zu kleiden. Die Produzenten der bekannten Augensalbe scheinen „blind“ zu sein. Was sie brauchen, haben sie nicht im Angebot. Eine Blamage.

So viel Kritik schmerzt. Hätte man das nicht auch feiner rüberbringen können? Johannes antwortet: „Welche ich lieb habe, die weise ich zurecht und züchtige ich“ [Offb. 3,19]. Mit welchem Ziel? „So sei nun eifrig und tue Buße!“ [ebd.] Und wozu die eifrige Umkehr? Wozu die Kursänderung? Wozu die Bereitschaft zur Entscheidung für „warm“ oder „kalt“ – also gegen lau?

„Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an“ [Offb. 3,20]. Will heißen, jeden Moment kann er da sein. Übrigens auch jenseits der gewohnten Erwartungshorizonte. An Termine hält der Ewige sich nicht. Er klopft an. Er wartet, erwartet die Entscheidung: „Wenn jemand meine Stimme hören wird und die Tür auftun, zu dem werde ich hineingehen und das Abendmahl mit ihm halten und er mit mir“ [Offb. 3,20]. Wer mich bei sich aufnimmt und mit mir das Brot bricht, wer sich so zu mir bekennt, den nehme ich auch an. „Wer überwindet, dem will ich geben, mit mir auf meinem Thron zu sitzen, wie auch ich überwunden habe und mich gesetzt habe mit meinem Vater auf seinen Thron“ [Offb. 3,21].

Überwindung gehört dazu. Falsche Abhängigkeiten, falsche Zugehörigkeiten, falsche Prioritäten. Wer sie überwindet, wird frei dem wiederkommenden Herrn zu folgen. Wir haben viel zu tun. „Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt!“ [Offb. 3,22]

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.