16. Sonntag nach Trinitatis
Text: 2. Tim 1,7-10
Thema: Auf der rechten Spur
Ev. Emmausgemeinde Eppstein
Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Wir lesen im 1. Kapitel des 2. Briefes an Timotheus: (7) Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. (8) Darum schäme dich nicht des Zeugnisses von unserm Herrn noch meiner, der ich sein Gefangener bin, sondern leide mit mir für das Evangelium in der Kraft Gottes. (9) Er hat uns selig gemacht und berufen mit einem heiligen Ruf, nicht nach unsern Werken, sondern nach seinem Ratschluss und nach der Gnade, die uns gegeben ist in Christus Jesus vor der Zeit der Welt, (10) jetzt aber offenbart ist durch die Erscheinung unseres Heilands Christus Jesus, der dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht hat durch das Evangelium.

Das Evangelium. Das müssten wir doch kennen, wir Evangelischen! Das Evangelium von Jesus Christus, das ist die Geschichte, in die unsere eigene eingeschrieben worden ist. Durch die Taufe. Da wirkt Gottes Geist, da wird er uns gegeben, mitgegeben auf unseren Weg.

Wir wissen alle, dass Geist auf vielen Packungen steht. Was da drin ist, weiß man oft erst, wenn man ausgepackt hat. Und oft kommt dabei die Furcht, wie Luther übersetzt hat, zum Vorschein. Ängstlichkeit ist damit gemeint, auch Verzagtheit, also ganz weit verbreitete Hemmschuhe für ein glückliches und gelingendes Leben. Die paulinische Sichtweise, auf die hier zurückgegriffen wird, schreibt das eine wie das andere dem jeweiligen Geist zu, der die Menschen erfüllt und bewegt.

Der Geist der Furcht etwa. Er sagt mir: Du hast’s in der Hand. Du musst dir nehmen, was dich glücklich macht. Wenn es Erfolg und Aufstieg sind, dann sieh zu, dass du nach oben kommst! Wenn es Geld und Güter sind, dann achte darauf, dass sich das, was du tust, rentiert und dass du nichts hergibst, was du noch gebrauchen kannst! Wenn es um Ansehen und Geltung geht, dann bediene die Öffentlichkeit! Sag nichts, was dir negative Schlagzeilen bringt. Surfe auf den Wortblasen der Zeit. Achte darauf, dass du dich sehen lassen kannst – und mit wem. Und wenn du Spaß haben willst, nichts leichter als das, hole ihn dir! Und wenn du mit deinem Selbstdesign nicht weiterkommst, lass den Personal-Trainer nur machen!

Wo bitte ist da die Furcht? Vielleicht die, etwas zu verpassen, nicht en vogue zu sein, anzuecken, nicht geliebt zu werden. Jede dieser Spielarten kann uns zur Geißel werden. Weil wir immer auf Empfang sein müssen, um nur ja nichts zu verpassen und dabei womöglich nicht mitbekommen, was vor uns und neben uns dran ist. Weil wir uns selbst verlieren in dem Drang gefallen zu wollen.

Demgegenüber der Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit. Der sagt mir, ich bin da. Ich bin bei dir. Wie es Jesaja schreibt: „Fürchte dich nicht, ich bin mit dir; weiche nicht, denn ich bin dein Gott. ich stärke dich, ich helfe dir auch, ich halte dich durch die rechte Hand meiner Gerechtigkeit.“ [Jes 41,10] Das alles hast du nicht in der Hand, aber es kommt dir zugute, füllt dich aus, bringt dich zurecht. Dahin bringt einen freilich kein geistiger und keine fromme Selbstermächtigung! Das ist Gabe, Geschenk, Gnade. Sie steht uns in Jesu Person und Geschichte vor Augen. So sieht sie menschgeworden aus. Und so wirkt der Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit. Er wird lebendig im Zwiegespräch zwischen dem Christus, seiner Geschichte und mir und meiner Geschichte. Und er kommt, was nicht heißt, dass er bleiben muss! Aber wenn er da ist, empfinde ich ihn als Bereicherung, weil ich mich gehalten fühle und deshalb frei und stark, unabhängig, weil ich an ihm hänge und an nichts anderem.

Aus dieser Erfahrung heraus buchstabiere ich nach, was Paulus an die Römer schrieb: “Ich schäme mich des Evangeliums nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die daran glauben…” [Rm 1,16] Das ist Paulus original. Im Brief an Timotheus ist daraus eine Aufforderung geworden: “Darum schäme dich nicht des Zeugnisses von unserm Herrn…” [1,8] Ich schäme mich nicht, sondern ich lebe daraus.

Ich meine, jetzt käme es darauf an, die Geschichte Jesu mit der eigenen Geschichte zu verbinden, in ein Zwiegespräch mit ihm einzutreten, bereit, alles stehen- und alles liegenzulassen, nicht das eigene Leben aufzugeben, aber sich darin doch weisen und führen zu lassen. Ich meine, die gute Botschaft von Jesus Christus ist allen Ernstes lebenstauglich, alltagstauglich. Sie muss dazu freilich von außen nach innen wandern, muss gehört, aufgenommen, angenommen werden, muss ihren Weg machen in mir, eindringen, mich durchdringen, meine Botschaft werden. Dem Tod ist die Macht genommen durch Jesus Christus. Er ist besiegt, entscheidend und ein für alle Mal. Daran ändert nichts, dass ich sterben muss und andere neben mir, vor und nach mir. Jesus Christus hat „ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht“ [2. Tim 1,10]. Ja, das ist das Licht des Ostermorgens. Davon sprechen sie alle, die Ostergeschichten. Das Licht und das leere Grab. Starke Zeichen der frohen Kunde: “Christ ist erstanden!”

Was fange ich mit der Botschaft an? Ich lasse sie von außen nach innen wandern, höre sie, nehme sie auf, nehme sie an, lasse sie ihren Weg machen in mir, eindringen, mich durchdringen, lasse sie zu meiner Botschaft werden. Immer wieder. Immer wieder auf’s Neue. Das verändert mich. Weniger, immer weniger fixiere ich das Datum des Todes, sehe vielmehr auf die Vorboten und Boten des Lebens. Weiß, dass noch viel mehr auf uns wartet, viel mehr Leben und Fülle des Lebens, einst unangefochten und unvergänglich. Und so entdecke, ja ich entdecke meine Taufe neu! Den Anfang, an dem sich Seine und meine Geschichte verbinden. Wie ein Leitstrahl weist seine Botschaft in die Zukunft. Und da, wo ich das Ende sah, meinen ungehaltenen Sturz ins Nichts, von wo aus Angst und Ängstlichkeit in mein Leben ausschwärmten, da wird Licht und Leben. Und ich lobe meinen Gott, der aus der Tiefe mich ruft!

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.