Laetare
Text: 2. Kor 1,3–7
Thema: Trost
Ev. Emmausgemeinde Eppstein
Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Es gibt diese Momente, in denen sich von einer Sekunde zur anderen alles ändert. Daran können wir uns oft gut erinnern. Der Moment einer ersten Begegnung. Erst recht den, in dem ein Mensch dem anderen seine Liebe erklärt. Es sind dann vielleicht drei Worte. Nicht mehr. Und doch bleibt die Zeit stehen.

Aber das gibt es auch anders. Schmerzlich. Ein Satz voller Bosheit. Eine Geste der Verachtung. Eine Nachricht oder Auskunft, die dafür sorgt, dass uns der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Danach ist alles anders. Was wichtig ist und was nicht. Was sein soll und was nicht. Was möglich ist und was nicht. Am frühen Morgen des 24. Februar, als man friedlich in den Betten lag, waren es Detonationen, die die Leute in Kiew aufweckten und mit ihnen, wenn auch in ganz anderer Form, uns alle. Seitdem sind Kontakte unterbunden, Familien entzweit, das Leben vorher und nachher ist nicht mehr zu vergleichen.

Einen solchen Schlüsselmoment erlebt Paulus, als er sich 33 n.Chr. auf einem Pferd reitend Damaskus nähert. Kurz vor der Stadt fällt er vom Pferd. Unten sieht er in einer Vision Jesus Christus, den, dessen Anhänger er bis dato mit Eifer verfolgt hat. Von einem Moment auf den anderen verändert sich Paulus und seine Mission. Aus dem Verfolger wird ein Verfechter. Für ihn steht fest: Sein Leben gehört jetzt Jesus.

Das ist auch der Grund für seine Reisen, die man sich nicht beschwerlich genug vorstellen kann. Er ist unterwegs, um möglichst vielen die Botschaft von Jesus Christus zu überbringen. Dabei ist ihm nichts zu viel. Immer wieder wird er angefeindet, geschlagen, verhaftet, eingesperrt oder aus der Stadt gejagt. In Korinth waren es seine eigenen Leute, Leute aus der Gemeinde, die ihn sind. Der Konflikt war so hart, dass er abreisen musste. Von weitem verfolgt er nun, was aus der Gemeinde wird. Er will sie nicht aufgeben. Er schreibt einen zweiten Brief an die Korinther.

Gleich an die Worte unseres Kanzelgrußes, wir lesen sie im 2. Brief an die Korinther, ganz zu Beginn im zweiten Vers, schließt sich der Predigttext heute an. Es sind die Verse 3-7. Paulus schreibt:

3 Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes, 4 der uns tröstet in aller unserer Bedrängnis, damit wir auch trösten können, die in allerlei Bedrängnis sind, mit dem Trost, mit dem wir selber getröstet werden von Gott. 5 Denn wie die Leiden Christi reichlich über uns kommen, so werden wir auch reichlich getröstet durch Christus. 6 Werden wir aber bedrängt, so geschieht es euch zu Trost und Heil; werden wir getröstet, so geschieht es euch zum Trost, der sich wirksam erweist, wenn ihr mit Geduld dieselben Leiden ertragt, die auch wir leiden. 7 Und unsre Hoffnung steht fest für euch, weil wir wissen: Wie ihr an den Leiden teilhabt, so habt ihr auch am Trost teil.

Leiden und Trost sind die Schlüsselworte in diesem Text. Wie gesagt, von Leiden könnte der Apostel viel erzählen. Er erträgt sie immer wieder. Später im Brief schreibt er zusätzlich von einem „Pfahl im Fleisch“, der ihn plagt [2. Kor 12,7]. Vermutlich handelt es sich um eine Krankheit. Wir wissen nicht, an welche er denkt. Ihren Sinn sieht er darin, dass sie ihn zwingt auf dem Teppich zu bleiben, er, der ausgezeichnet ist durch eine Visions-Begegnung mit dem Auferstandenen, er soll nicht abheben.

Uns allen ist die Erfahrung des Leids nicht fremd. Haben wir es nicht selbst erfahren, so waren wir jemandem zur Seite, den Leid ereilt hat. Zumal das Leid so variantenreich auftritt. Jetzt haben wir es täglich vor Augen, und wir lesen es in den Augen derer, die es erlebt haben. Am Krankenbett begegnet uns Leid. Bei dem alten Ehepaar, dessen Kinder weit weg sich selten blicken lassen. In der Familie, die unversöhnlicher Zwist entzweit. In der Einsamkeit nistet es häufig. Die Erfahrungen in der Notfallseelsorge sprechen Bände.

Wer leidet kann Trost gebrauchen. Was aber bedeutet es zu trösten? Wer leidet, macht eine Erfahrung der Infragestellung. Das verunsichert. Unbeantwortete Fragen kommen auf: Wird das mal wieder anders? Wann ist es vorbei? Wie komme ich hier raus? Und viele andere mehr. Im äußersten Fall möchte man vergehen, möchte man nicht mehr sein, möchte man erlöst werden. Irgendwie. Das Leben ohne Leid ist in weite Ferne gerückt. Das Leben mit dem Leid ist ein anderes, als ich es einmal hatte. Was bedeutet es da zu trösten? Die Sprachwurzel von „trösten“ und die von „treu“ sind miteinander verwandt. Das eine hat mit dem anderen zu tun. Beide meinen etwas Festes, Sicheres, womöglich sogar einen Bund oder ein Bündnis. Trost begegnet dem Leid durch Verlässlichkeit. Der, von dem der Trost kommt, muss verlässlich sein. Ein Verbündeter sozusagen. Er weiß, wie mir ist. Er weiß, was mir hilft.

So einen hat Paulus für sich entdeckt. Das war damals bei Damaskus. Es ist Jesus. Auf ihn sieht er und auf sein Leiden. Im Leiden Jesu, sieht Paulus sein Leiden aufgehoben. Aus der Leidensgemeinschaft wird eine Trostgemeinschaft. Wer eben litt und Trost erfuhr, kann jetzt andere trösten, die gerade selbst Leid erfahren. Gott sei Dank!

„Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes, 4 der uns tröstet in aller unserer Bedrängnis, damit wir auch trösten können, die in allerlei Bedrängnis sind, mit dem Trost, mit dem wir selber getröstet werden von Gott. [2. Kor 1,3-4]

Trösten, das heißt auch zusammenstehen im Leid. Sich in den Arm nehmen. Halt geben. Da sein.

Paulus weiß das. Er weiß es auch zu schätzen, selbst Trost zu empfangen. „Denn wie die Leiden Christi reichlich über uns kommen, so werden wir auch reichlich getröstet durch Christus.“ [2. Kor 1,5]

Es ist ihm ein Trost, im Leid mit Jesus verbunden zu sein. Nicht verlassen. Nicht aufgegeben. Nicht unbeachtet. Im Leid sieht er Jesus an seiner Seite. So wie er auf Jesus sieht, wenn es ihn hart ankommt, so fordert er die Gemeinde in Korinth auf, auf ihn zu sehen. „Werden wir aber bedrängt, so geschieht es euch zu Trost und Heil; werden wir getröstet, so geschieht es euch zum Trost, der sich wirksam erweist, wenn ihr mit Geduld dieselben Leiden ertragt, die auch wir leiden.“ [2. Kor 1,6]

Aus der Leidensgemeinschaft wird eine Trostgemeinschaft. Wer weiß, wofür er leidet, mag sich damit leichter tun. Ich denke das, wenn ich die Berichte von Leuten wie Du und Ich verfolge, die aus einem ganz normalen bürgerlichen Leben kommend jetzt eine kleine militärische Ausbildung absolvieren, damit sie ihre Heimat, ihr Land und ihre Überzeugungen verteidigen können. Da stehen die junge IT-Spezialistin und der modisch gekleidete Friseur Seite an Seite. Der Student und der Bauarbeiter. Und was halten sie alles aus! Und was nehmen sie alles auf sich! Sie machen leidvolle Erfahrungen und sie wissen wozu. Das stärkt sie. Das tröstet sie auch.

Und wir? Wir versuchen mit unseren Möglichkeiten dem Leid mit Trost zu begegnen. Treu und verlässlich – darauf kommt es jetzt an. Es ist beeindruckend, dass so viele mittun und wie! So scheint angesichts all des Leids doch auch ein geradezu österliches Licht auf – heute am Sonntag Laetare – „sich freuen“ – können wir es gut gebrauchen auf dem Weg durch die Passion bis Emmaus.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.