2. Christfest

Text: Jes 7,10-14
Thema: Gott sei mit uns
Ev. Emmausgemeinde Eppstein
Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Kaum haben wir das Festtagsessen verdaut, kaum hat das Fest seinen Zenit überschritten, sehen wir – vielleicht noch hochgestimmt – in das Land vor uns. Es ist, als kämen wir soeben vom Gipfel. Den hatten wir mit brennenden Muskeln und kurz vor der Atemlosigkeit erklommen, spürten, dass da oben die Luft dünner ist. Trotzdem wären wir gerne geblieben. Was uns sonst umtreibt, sah von dort oben geradezu possierlich aus. Verzwergte Zwänge, lächerliche Last, pandemische Pause – wenigstens im kleinen Kreis, das alles kaum der Rede wert. Gipfel des Festes. Aber dort oben war kein Bleiben. Jetzt schon, am zweiten Feiertag, lenken wir unsere Schritte zurück in den Alltag. Der wird nicht unbedingt festlich und kaum fromm sein.

Da wirft uns der Predigttext aus dem 7. Kapitel im Buch des Propheten Jesaja in eine für Außenstehende unübersichtliche Gemengelage. Deren Stichworte lassen nichts Gutes erahnen: „bekämpfen“, „Herzbeben“, „Schrecken“, „Aussein“. Wir sind in der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts vor Christus. Es geht um Krieg. Am Ende sind es die Truppen Assurs, die das Land verwüsten werden. An dessen Führung, an den König Ahab, wendet sich der Prophet. Ahab ist der König des Nordreichs. Seine prächtige Residenz hat er in Samaria. Dort lebt er mit seiner aus dem phönizischen Kulturkreis stammenden Frau, Isebel. Die kennen wir als eine glühende Anhängerin des Baals und Verfolgerin des gegen die Propheten des Baals auftretenden Elia. Ob der Pakt mit der fremden Gottheit sich bewähren wird? Jesaja fordert den König zur Umkehr auf und zum eindeutigen Bekenntnis, dass Jahwe der einzige ist und kein anderer Gott neben ihm. Drohend weissagt er: „Glaubt ihr nicht, so bleibt ihr nicht“ [Jes 7,9].

Hier setzt unser Text ein: Jes 7,10-14

10 Und der Herr redete abermals zu Ahas und sprach: 11 Fordere dir ein Zeichen vom Herrn, deinem Gott, es sei drunten in der Tiefe oder droben in der Höhe! 12 Aber Ahas sprach: Ich will’s nicht fordern, damit ich den Herrn nicht versuche. 13 Da sprach Jesaja: Wohlan, so hört, ihr vom Hause David: Ist’s euch zu wenig, dass ihr Menschen müde macht? Müsst ihr auch meinen Gott müde machen? 14 Darum wird euch der Herr selbst ein Zeichen geben: Siehe, eine Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn gebären, den wird sie nennen Immanuel.

Zeichen und ihre Beachtung spielen eine wichtige Rolle. Auch in der Politik. Denken wir nur an die römischen Auguren, die den Flug der Vögel beobachteten, um daraus Rückschlüsse zu ziehen, die in Ratschläge für die politisch Verantwortlichen mündeten. Hier nun soll Ahab ein Zeichen von Gott fordern. Und obwohl er dabei die Freiheit haben soll, dieses Zeichen „drunten in der Tiefe“ zu fordern oder „droben in der Höhe“, bedeutete das doch, sich diesem Gott zu unterstellen.

Unwillkürlich denkt man an die Verliebtheit unserer politischen Klasse in die Zeichensprache der Demoskopen. Dort wird zwar, wie der Name sagt, der Demos, also das Volk, und seine Zeichen befragt, aber deren Deutung bestimmt oft genug das politische Handeln. Und dass Zeichen, wohl überlegt gesetzt, in der Politik auch unserer Zeit ihre Rolle spielen, liegt auf der Hand. Denken wir nur an die ikonischen Bilder vom knieenden Kanzler Willy Brandt in Warschau oder Kohl und Mitterand nebeneinander in Verdun. Und etwas aktueller: Warum sonst sollte ein von Sicherheitskräften in Limousinen begleiteter Politiker zur Ministerernennung mit dem Fahrrad kommen? Und warum will eine Fraktion nicht neben der anderen platznehmen, dem politischen Gegner aber doch das unzumutbar empfundene zumuten?

Nun, Ahas lehnt ab. Seine Begründung wirkt klug oder bauernschlau – „Ich will’s nicht fordern, damit ich den Herrn nicht versuche“ [Jes 7, 12] – die Entscheidung, ob es das eine ist oder das andere, liegt im Auge des Betrachters. Auf jeden Fall weicht er aus. Ist das der Grund, warum der Prophet jetzt vom „Du“ zum „Ihr“ wechselt? Er spricht die „vom Hause David“ [Jes 7,13] an. Es geht nicht mehr nur um Ahas, es geht um dieses ganze Königtum. Und Jesaja traut sich was, wenn er provozierend fragt: „Ist’s euch zu wenig, dass ihr Menschen müde macht? Müsst ihr auch meinen Gott müde machen?“ [Jes 7,13] Womit macht das „Haus David“ die Menschen und Gott müde? Gemeint ist wohl eine Schaukelpolitik, die auf den Wellen surft, welche die regionalen und die Großmächte erzeugen.

Wo sich der König nicht klar positioniert, tut es der Prophet, wenn er fragt: „Müsst ihr auch meinen Gott müde machen?“ „Meinen Gott“, sagt er. Von dem weiß er, er wird sich das Theater nicht lange ansehen. Denn „der König und seine Begleiter haben sich mit ihrer zur Tarnung der eigenen politischen Pläne vorgegebenen Frömmigkeit im Überhören des konkreten Aufrufs von Jahwe getrennt“, schreibt Otto Kaiser in seinem Kommentar, und fährt fort: „Man hat Gott nicht anders, als dass man sich auf ihn verlässt, dass man ihn braucht.“ [Otto Kaiser: Der Prophet Jesaja. Kapitel 1-12, in: ATD 17. Göttingen 1978, S. 79]

Wenn wir in unserer Kirche den Weg in die Zukunft diskutieren – Stichwort „EKHN 2030“ – wird es sehr darauf ankommen, worauf wir uns verlassen wollen. Wir alle wissen, dass Veränderungen anstehen und unumgänglich sind. Worauf wir zu achten haben, ist die Grundlegung der Pläne. Folgen sie nur einem klugen Kalkül oder rechnen sie auch damit, dass Gott seinen Gläubigen Wege weist? Und lassen die eigenen Kalkulationen und Konzepte dem vollmächtigen Wirken Gottes Raum? Daraus würden sich Spielräume ergeben und die werden in unserer so stark regulierten Kirche dringend gebraucht. Auch im Prozess der Veränderungen in den kommenden Jahren gilt: „Glaubt ihr nicht, so bleibt ihr nicht“ [Jes 7,9].

Wo Ahas kein Zeichen von Gott fordern wollte, wo er es vorzieht im Ungefähren zu bleiben, da lässt der Prophet wissen: „Darum wird euch der Herr selbst ein Zeichen geben: Siehe, eine Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn gebären, den wird sie nennen Immanuel“ [Jes 7,14].

Der Name – „Immanuel“, „Gott mit uns“ – hat die christlichen Ausleger der hebräischen Bibel elektrisiert. Sie kannten den Vers aus Mt 1,23, wo er im Zusammenhang der Schilderung von Jesu Geburt zitiert wird. Jesus ist unser „Gott mit uns“, gibt Matthäus uns auf unseren Weg mit. So will ich’s verstehen. Zweifelhaft ist die Annahme, dass der Vers bei Jesaja auf den kommenden Messias hinweisen will. Jesus ist unser „Gott mit uns“. Weil Gott mit uns sein will, ist er in Jesus Christus Mensch geworden. Und dass Gott mit uns sein möge, darum bitten wir von Herzen, wenn wir nun vom Gipfel der Feiertage kommend unsere Schritte in Richtung Alltag lenken. Dort warten auf uns alle die nächsten Wendun-gen der Pandemie und all der begleitenden Problemlagen von der Wirtschaft bis zu unser aller Seelenleben. Dort warten auf uns auch die ersten Schritte im Reformprozess „EKHN 2030“. Auch hier wollen wir hoffen und uns immer wieder vergewissern, dass Gott mit uns ist.

Benjamin Schmolck (1672-1737), fleißiger Lieddichter von unglaublichen über 1000 Kirchenliedern, widmet Immanuel ein Lied zum Jahreswechsel. Ich trage zum Schluss die ersten drei der sechs Strophen vor:

Gott mit uns – Immanuel!
Öffne mit dem neuen Jahre
Deinen reichen Gnadenquell,
dass man überall erfahre,
wie Du seist das höchste Gut,
welches allen Gutes tut.

Segne uns an Seel‘ und Leib,
o Du Segen aller Segen!
Was betrübet, das vertreib!
Führ uns stets auf solchen Wegen,
da vor Deinem Gnadenschutz
weicht des argen Feindes Trutz!

Aus- und Eingang sei beglückt,
Tun und Lassen lass gelingen!
Wenn auf uns Dein Auge blickt,
muss uns lauter Heil umringen;
schau uns, Herr, in Gnaden an,
dann ist alles wohlgetan.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.