2. Christtag
Text: Hebr 1,1-4
Thema: Was soll ich denn schreiben?
Ev. Emmausgemeinde Eppstein
Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

„Was soll ich denn schreiben?“ Sie nagt an ihrem Stift, dreht ihn langsam zwischen Daumen und Zeigefinger, als käme so endlich die Botschaft zum Vorschein, die darauf wartet von ihr niedergeschrieben zu werden. Er sitzt in der Küche. Da ist wenigstens Leben. Soll morgen einen Aufsatz abgeben. „Freie Themenwahl“. „Was soll ich denn schreiben?“ Die Enkelin hat die Großmutter in diesem Jahr nicht einmal gesehen. Ging immer nicht, kam was dazwischen, sollte oder durfte nicht sein. Großmutter ist weit weg. Fast fremd, außer alle sind beieinander, dann nicht. „Was soll ich schreiben“, fragt sich? Was wird die Großmutter wissen wollen? Und was ist so wichtig, dass es jetzt geschrieben werden muss?

Ob das leichter wird, wenn Weihnachten vorbei ist? Da kann man sich wenigstens artig für die Geschenke bedanken, fragen, wie’s bei den anderen war. Dieses Jahr war’s ja wirklich ganz anders als sonst. Irgendwie ruhiger. Das war’s schon vorher. Selbst wer nicht rechtzeitig darüber nachgedacht, was den Lieben Freude bereiten könnte, war fein raus. „Lockdown“ oder „Shutdown“ – alles zu. Keine Chance noch das ultimative Weihnachtsgeschenk heimzutragen. Dafür war der Baum wichtiger. Dass einer da ist und mit seinen Lichtern im Grün verteilt Hoffnung macht. Es wird auch wieder anders. Heller, wärmer, freier. Corona-frei vor allem.

Man kann das Wort kaum noch hören. Immer und immerzu drängt es sich als Thema auf. Das wär‘ doch was für den Aufsatz, würde auch für den Brief an die Großmutter taugen. Nebenbei könnte man dadurch festhalten, was einem so alles durch den Kopf geht auch über sich selbst, über das Leben und den Alltag. Durch die Corona-Brille sieht man manche Dinge klarer, andere kommen gar nicht mehr zum Vorschein.

Was wir klarer sehen, sind unsere Abhängigkeiten. Es ist nicht wahr, dass wir alles im Griff hätten. Unterbrochene Lieferketten, Schließungen, ausbleibende Käufer, wegbrechender Bedarf und andererseits volle Krankenhäuser und überlastete Pfleger und Ärztinnen. Umgekehrt bekommt die Gesellschaft jeden Tag die Quittung für ihren Umgang mit der Pandemie. Nicht jeder, den es trifft, hat selbst Schuld daran. Das ältere Ehepaar, das seit Monaten darauf verzichtet, am öffentlichen Leben teilzuhaben, spürt den Verlust der Lebensqualität ganz deutlich. Der Teenager von nebenan, dessen Bässe jetzt oft auch zu ungewohnten Zeiten Wänden und Ohren einhämmern: „Ich bin da“, er wäre gerne woanders. Bei den Freunden oder noch lieber bei Melanie, der Fernen. „Du bleibst zuhause“, haben sie ihm gesagt. Andere nehmen’s nicht so genau, ist ja auch anstrengend und irgendwie gegen die Natur. Manche schaffen es zu übersehen, dass ihre Missachtung der Regeln Leben kostet. Nicht nur final, sondern auch im Vollzug.

Dabei haben es viele von uns, gerade hier im Taunus, noch gut. In der Wohnung genug Raum, den Wald vor der Tür und frische Luft, wann immer du möchtest. Einige leisten Unglaubliches, um uns allen zu helfen, durch diese Zeit zu kommen. Auch an Weihnachten, an Heilig Abend, an den Feiertagen fahren sie Einsätze bei der Feuerwehr, der Polizei oder im Sanitätsdienst, ersetzen die häufiger auftretenden Ausfälle auf den Dienstplänen der Krankenstationen. Ein ausgefallenes Weihnachten, nicht wahr?

Allerdings konnten wir vielleicht deutlicher als sonst spüren, was uns Weihnachten bedeutet. Ich meine im Kern und nicht gemessen in den Lauflängen der Lichterketten oder der Anzahl schön verpackter Pakete unterm Weihnachtsbaum. Schon vorher konnten wir sagen, worauf es uns ganz besonders ankommen würde, selbst was wir vermissen würden, war uns schon klar. Die ungezwungene, mit vielen geteilte Freude. Umarmungen, Küsschen, Kuscheln. Die offene Gastfreundschaft: „Kommt rein, wir rücken zusammen.“ Nichts da. Es kommt keiner und rein schon mal gleich gar nicht. Von wegen „zusammenrücken“! Alles schön auf Abstand. Wer hätte gedacht, dass er das gemeinsame Singen der Weihnachtslieder vermissen würde, die glänzenden Augen der anderen. Sie zu sehen, mussten wir dieses Jahr genauer hinschauen. Man konnte sie dann durchaus entdecken. Selbst die Geschichte der beiden jungen Leute, die einst durch das Bergland von Palästina vom Norden in den Süden liefen, konnte uns diesmal direkter erreichen. Nicht nur, dass schon damals die Verwaltung es schaffte, das Leben der Leute zu erschweren. Warum mussten die beiden denn, obwohl sie schwanger war, sich auf einen so weiten Weg machen? Der Steuern wegen, genauer gesagt, der Steuerlisten wegen. Ein schnöder Verwaltungsakt. Obwohl, so wie Lukas das erzählt, hatte auch der seine himmlische Komponente. Musste doch Joseph seiner Vorfahren wegen nach Bethlehem. In seinem Stammbaum hatte halt der berühmte König David seinen Platz, und der stammte aus Bethlehem. Hier, so hatte es der Prophet Micha verkündet, werde einst der König geboren, der dem ganzen Elend der Welt ein Ende bereiten würde. Wie sich das anfühlt, allein und auf sich gestellt wie einst die beiden, so eine Nacht zu verbringen oder auch zu überstehen, das konnten in diesem Jahr auch viele mitempfinden. Sonst waren sie in den Kreis von Freunden oder Verwandten geflüchtet. Dem hatte diesmal das Virus einen Riegel vorgeschoben. Wann wird’s endlich hell? Wann ist die Nacht vorbei? Nicht nur die der Tageszeit, sondern auch die der Welt.

„Was soll ich schreiben?“ Ich weiß es doch auch nicht. Manche sagen mit den Impfungen, die am Sonntag beginnen, sei der Spuk bald zu Ende. Andere rechnen mit weiteren Monaten und die Wirtschaftsfachleute sprechen gar von Jahren, die es brauche die Folgen der Pandemie wieder auszubügeln. Und in uns drin?

Werden wir, wenn es möglich sein sollte, alles wieder so machen, wie zuvor? Werden wir wieder aufbrechen, um in kilometerlangen Staus unserem Fahrtziel – den Ferien, dem Schnee oder dem Skizirkus entgegen zu harren? Werden wir uns erneut in überfüllten Fußgängerzonen und im Gedränge der Weihnachtsmärkte ergehen? Werden wir wieder aufhören, selbst zu kochen und zu backen? Was werden wir mitnehmen aus den Erfahrungen der Corona-Zeit? Und wann werden wir bemerken, was oder wen wir die ganze Zeit übersehen haben? Ohne dass wir es bemerkt hätten, haben wir vielleicht Schuld auf uns geladen, waren so unachtsam und hart, wie wir das von den Wirten im Krippenspiel kennen. Was ist denn mit den Obdachlosen? Wer denkt jetzt an die Schwerkranken, die möglichst rasch einen OP-Termin brauchten? Wen scheren die alten Leute im Heim, denen Verantwortliche, die es auch nicht besser wissen, die Anordnung erteilen: „Sie bleiben auf Ihrem Zimmer.“ Selbst von Strafandrohungen bei Zuwiderhandeln habe ich gehört. Ist das richtig? Ist das recht – Sie können nicht hören, wie ich es geschrieben habe: Groß oder klein. Auch dieser Unterschied, vor allem in sozialer Hinsicht, da spricht man dann eher von arm und reich, wird noch manch spannende Diskussion hervorrufen. Es geht nicht allen in der Pandemie gleich schlecht. Neulich, das erinnere ich noch deutlich, „grillt“ Herr Kleber im „heute journal“ den Bundesgesundheitsminister. Warum man sich an die gemeinsamen Vereinbarungen der EU halte? So lange Prüfverfahren, so später Impfbeginn, die Verteilung in den Mitgliedsstaaten nach ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung der EU?  Wieso man kein größeres Kontingent des Impfstoffs für die Bundesrepublik gesichert habe, etc.? Wenig später klagt ein Kleber-Kollege den Egoismus der reichen Staaten an, die „alles“ für sich in Anspruch nähmen und darüber die Armen vergäßen. In seltener Offenheit hatte der Minister bei anderer Gelegenheit sinniert: „Wir werden einander viel verzeihen müssen.“ Und das ist so eine Sache mit dem Verzeihen. Dagegen stehen die vielen Hätte, Sollen, Müssen, Können, Wenn‘s und Dann’s. Es fehlt nun wirklich nicht an denen, die es besser gewusst hätten – nicht im Vollzug, aber hinterher. Wenn Klagen laut werden oder gar zur Anklage werden, weiß man sich zu exculpieren: „Ich habe mir nichts vorzuwerfen.“ Man kann das so sagen, ob’s stimmt ist nicht immer sicher. Ich denke nur an 1945 und Nürnberg.


Soll ich alles das schreiben? Da ist ja gar nichts Erhebendes. Wo bleibt das Fest? Wo die Freude? Von der Hoffnung, die darin liegt, ganz zu schweigen? Ich hoffe, dass wir sie in uns tragen. Weil wir das „Fürchtet euch nicht!“ gehört haben. Weil es wohltat so ungestört in der Familie zusammen zu sein. Weil Briefe, Karten, Anrufe und Botschaften uns erreicht, wir gespürt haben, dass wir zueinander gehören. Weil das Kind die große und tiefe Hoffnung verkörpert, die uns aushalten, Wege finden, Rücksicht üben, Liebe leben, aufstehen und weitergehen lässt. Weil das Fest uns aus einem anstrengenden Alltag herausgehoben hat und uns von hier aus das Licht, das gekommen ist, und das Licht, das kommen wird, die Seele und das Gemüt aufhellt.

Der erste Satz hat oft die Bedeutung eines Korkens. Erst wenn der knallt, läuft’s. Wenn ich mich frage „Was soll ich denn schreiben?“ wird der erste Satz, der Anfang, zum Schlüssel. Für den Schreiber des Hebräerbriefs gilt das auch. Ob er lange nachgedacht hat oder es nur so aus ihm herausströmt, weiß ich nicht. Aber, dass es eine Art Konzentrat ist, das hört man in den ersten vier Versen des 1. Kapitels im Hebräerbrief:

1 Nachdem Gott vorzeiten vielfach und auf vielerlei Weise geredet hat zu den Vätern durch die Propheten, 2 hat er zuletzt in diesen Tagen zu uns geredet durch den Sohn, den er eingesetzt hat zum Erben über alles, durch den er auch die Welten gemacht hat. 3 Er ist der Abglanz seiner Herrlichkeit und das Ebenbild seines Wesens und trägt alle Dinge mit seinem kräftigen Wort und hat vollbracht die Reinigung von den Sünden und hat sich gesetzt zur Rechten der Majestät in der Höhe 4 und ist so viel höher geworden als die Engel, wie der Name, den er ererbt hat,

höher ist als ihr Name.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.