2. Christtag

Text: Hebr 10,32-34.39

Thema: Gedenkt aber der früheren Tage

Ev. Emmausgemeinde Eppstein

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Die Höhepunkte des Festes liegen hinter uns. Die Niederungen des Alltags wollen wir zwar noch nicht so recht sehen, haben wir doch jene wunderbare Zeit „zwischen den Jahren“ noch vor uns. Der Predigttext aus dem Hebräerbrief allerdings lässt mich eher an Alltagserfahrungen denken. Es sind zunächst die einer Gemeinde getaufter Juden im 1. Jahrhundert nach Christi Geburt. Hier denkt man noch stark in den Traditionen und Formen der jüdischen Herkunft. Noch ist der schmerzliche Schnitt, der sich in den Briefen des Paulus schon abzeichnet, nicht vollzogen. Das prägt den gesamten Hebräerbrief. Er zeigt weniger die Merkmale eines Briefes als vielmehr eines gelehrten Vortrags, wie man ihn in der Synagoge zu hören bekam. Ich lese Hebr 10,32-34.39:

(32) Gedenkt aber der früheren Tage, an denen ihr, nachdem ihr erleuchtet wart, erduldet habt einen großen Kampf des Leidens, (33) indem ihr zum Teil selbst durch Schmähungen und Bedrängnisse zum Schauspiel geworden seid, zum Teil Gemeinschaft hattet mit denen, welchen es so erging. (34) Denn ihr habt mit den Gefangenen gelitten und den Raub eurer Güter mit Freuden erduldet, weil ihr wisst, dass ihr eine bessere und bleibende Habe besitzt. (35) Darum werft euer Vertrauen nicht weg, welches eine große Belohnung hat. (36)Geduld aber habt ihr nötig, damit ihr den Willen Gottes tut und das Verheißene empfangt. (37) Denn »nur noch eine kleine Weile, so wird kommen, der da kommen soll, und wird nicht lange ausbleiben. (38) Mein Gerechter aber wird aus Glauben leben. Wenn er aber zurückweicht, hat meine Seele kein Gefallen an ihm« (Habakuk 2,3-4). (39) Wir aber sind nicht von denen, die zurückweichen und verdammt werden, sondern von denen, die glauben und die Seele erretten.

„Gedenkt aber der früheren Tage.“ Kurz nach ihrer Taufe haben die Mitglieder der Gemeinde eine erste Verfolgung überstanden. Offenbar hat man sie öffentlich beschimpft, festgesetzt und ihnen den Besitz genommen. Sie haben das erduldet in einem „großen Kampf des Leidens“. Ein Spaziergang war das nicht. Aber sie haben das überstanden, nicht zuletzt, „weil“, wie es im Text heißt, „ihr wisst, dass ihr eine bessere und bleibende Habe besitzt.“ [34]

Die Aufforderung „gedenkt aber der früheren Tage“ mache ich mir zu eigen und trage sie Ihnen an. „Gedenkt der früheren Tage!“ Mir fallen, die Erinnerung ist milde und freundlich, zunächst viele wunderbare Erlebnisse ein. Sie ranken sich auch um das Weihnachtsfest. Aber auch ein Anteil „am großen Kampf des Leidens“ kommt mir in den Sinn. Wo Leben genommen und die selbstverständlich gedachte Nähe geraubt worden war. Denke ich daran, spüre ich den Schmerz. Und ich weiß, im Rückblick, dass dieser Schmerz und die, die daran litten, ich selbst, getragen waren. Ja, das sage ich mir immer wieder, durch die Taufe und den Glauben gehören wir zu Gott – Paulus sagt, wir sind seine Kinder und Erben –; das ist für mich die „bessere und bleibende Habe“, von der unser Text spricht. Wir dürfen Anteil haben an der Menschlichkeit Gottes. „Und“, so heißt es im Hebräerbrief wenige Verse vor unserem Text, „wie den Menschen bestimmt ist, einmal zu sterben, danach aber das Gericht: (28) so ist auch Christus einmal geopfert worden, die Sünden vieler wegzunehmen; zum zweiten Mal wird er nicht der Sünde wegen erscheinen, sondern denen, die auf ihn warten, zum Heil.“ [9,27f.]

Darauf wartet die Gemeinde der Hebräer, darauf lässt das Zitat aus dem Buch des Propheten Habakuk schließen: „Nur noch eine kleine Weile, so wird kommen, der da kommen soll, und wird nicht lange ausbleiben.“ (Habakuk 2,3).

Warten will gelernt sein. Die meisten von uns sind darin nicht eben geübt. Ungeduldig wandert der Blick von der Armbanduhr zur Stationsuhr und in die Richtung, aus der der Zug erwartet wird. Im Wartezimmer fällt mir schnell ein, was ich, statt zu warten, alles machen könnte. Kann sein, dass das hinterher schnell vergessen ist. Warten will nicht nur gelernt sein, es muss sich auch lohnen. Aber woher soll ich das vorher wissen? Wer weiß, vielleicht kommt bei aller Warterei nichts anderes raus als vertane Zeit?

Die überall zu spürende, und allzu oft verlangte Beschleunigung der Abläufe unseres Lebens macht es uns nicht leichter zu warten oder warten zu lernen. Da sind wir selbst gefordert, Phasen der Entschleunigung zu finden oder ganz absichtlich einzubauen – wie beispielsweise diese Tage „zwischen den Jahren“ oder die Sonn- und Festtage im Jahreslauf, damit wir wieder „auf Empfang gehen“ und voller Erwartung sein können.

Von meiner Katze konnte ich einst lernen, wie man wartet. Sie konnte warten – mit unerschütterlicher Geduld, konnte in einem anderen Fall aber auch rasch aufgeben und sich davon trollen. Wovon hing es also ab, wie sie sich verhielt. Es waren ihre Erfahrungen, die sie gelehrt hatten, worauf – auch lange – zu warten sich lohnt. Und es war ein aus diesen Erfahrungen gewonnenes Vertrauen. Wieder und wieder ist es bestätigt worden – „gedenkt der früheren Tage“!

„Werft euer Vertrauen nicht weg!“ [35] fordert unser Text seine Leser oder Hörer auf! „Werft euer Vertrauen nicht weg!“ Vertrauen ist nichts, was man leichtfertig wegwerfen sollte. Es ist – alles in allem – ein knappes Gut. Überlegen Sie mal, worauf Sie – letztlich – vertrauen? Oder überlegen Sie mal, wem Sie in vollem Umfang vertrauen? Ist da Überfluss?

Aus den früheren Erfahrungen gewonnenes Vertrauen ist wie ein festes Fundament. Darauf lässt sich bauen. Von da aus lässt sich auch etwas riskieren. Hier sind es nun sehr prägnante und existentielle Erfahrungen. Die Mitglieder der kleinen Christengemeinde sind durch schwere Zeiten gegangen. Sie haben gelitten und manche Wunde aus damaliger Erfahrung schmerzt auch heute noch. Aber sie haben das geschafft. Zunächst nur, weil sie es erduldet haben. In aussichtsloser Situation haben sie nicht gegen ihr Schicksal aufbegehrt, das ihnen solche Last auferlegt hatte, sondern sie haben getragen – eben geduldet. Sie konnten’s, weil sie mehr erwarteten als das, was sie jetzt hatten, weil sie sich – ich denke wieder an die Taufe – mit einem verbündet hatten, der größer ist als es jeder Urheber des Übels sein kann.

„Darum werft euer Vertrauen nicht weg, welches eine große Belohnung hat.“ [35] Was wird das sein? Eine Prämie? Das große Los? Der Glücksgewinn? Nein, da gibt es nichts bar auf die Hand. Keine Gewinnausschüttung, die unser Konto erreichte. Die Belohnung dieses Vertrauens geht unendlich tiefer. Paulus schrieb den Römern, und daran denke ich beim Stichwort „Belohnung“: „Oder wisst ihr nicht, dass alle, die wir auf Christus Jesus getauft sind, die sind in seinen Tod getauft? So sind wir ja mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod, damit, wie Christus auferweckt ist von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, auch wir in einem neuen Leben wandeln. Denn wenn wir mit ihm verbunden und ihm gleichgeworden sind in seinem Tod, so werden wir ihm auch in der Auferstehung gleich sein.“ [Rm 6,3-5]

Davon merke ich aber nichts, mag ein skeptischer Einwand lauten. Mag sein. Wie auch? Wir sehen den Tod – jetzt – nur von unserer Seite. Alles andere ist Erwartung, Vertrauen auf die Erfüllung der Verheißungen und – Geduld. „Geduld aber habt ihr nötig“ [36] heißt es in unserem Text. Geduld zu warten und Geduld, das zu tun, was uns Erwartungsvollen aufgetragen ist. Das ist das Leben, das wir jetzt führen und zu gestalten haben. Es wäre falsch, es angesichts der Erwartung kommender Veränderungen gering zu achten. Morgen vor Augen haben wir eben auch das Heute zu bestehen. Und das nicht irgendwie, sondern „damit ihr den Willen Gottes tut“ [36].

Was sagt mir das an Weihnachten? Zunächst irritiert es mich. Ich hatte Jubel erwartet und schiere Freude. Davon hatte ich, Sie hoffentlich auch, eine Menge. Wie einen guten Vorrat bewahre ich sie auf. Das Schatzkästlein der Erfahrungen hat Nachschub bekommen. Der Text erinnert mich aber auch an eine lange Geschichte. Wir stehen am heutigen Ende dieser Geschichte. An den Anfang haben uns die Sätze aus dem Hebräerbrief geführt. Diese Geschichte bereichert und ergänzt unsere persönlichen Erfahrungen, aber sie und auch zu verstehen, woher wir kommen und wie wir wurden. Zu den gemeinschaftlichen Erfahrungen der frühen Zeit gehört die Freude, von Jesus gehört zu haben, seiner Botschaft zu folgen und sich taufen zu lassen. Es bleibt nicht bei der reinen Freude. Eine Zeit der Bewährung folgt. Die junge Gemeinde lernt, den Grund ihrer tiefen Gewissheit neu und klar zu sehen: „Jesus ist kommen, Grund ewiger Freude“, wie es in dem Lied von Johann Ludwig Konrad Allendorf heißt. Der Glaube daran lässt sie festhalten an ihrer Überzeugung. Ihn darf sie nicht verlieren, er trägt und bewahrt sie.

Und der Friede Gottes, der höher ist, als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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