17. Sonntag nach Trinitatis

Text: Röm 10,9
Thema: Bekennen – glauben – gerettet sein
Ev. Emmausgemeinde Eppstein
Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Röm 10,9 Denn wenn du mit deinem Munde bekennst, dass Jesus der Herr ist, und glaubst in deinem Herzen, dass ihn Gott von den Toten auferweckt hat, so wirst du gerettet.

Drei Verben sind es, die er den Römern, uns und mir ins Stammbuch schreibt. Zwei davon benennen die Voraussetzungen, das dritte die Konsequenz. Erstens: „Wenn du mit deinem Munde bekennst“, zweitens: „und glaubst in deinem Herzen“, drittens: „So wirst du gerettet“.

Und ja, das gehört zum Wesen des christlichen Glaubens:

Mit dem Munde bekennen, dass Jesus der Herr ist, und in seinem Herzen glauben, dass Gott diesen Jesus von den Toten auferweckt hat.

Mit dem Munde bekennen, das kann ich nur, wenn ich zu dem stehe, zu dem ich mich bekenne. Nur dann wage ich es, das auszusprechen, vielleicht um den Preis in Widerspruch zu jenen zu geraten, die dagegenstehen, die solches Bekenntnis verspotten oder bekämpfen. Im Glauben halte ich das aus und bleibe Jesus, meinem Herrn, treu. Darum ist das, was mich hier im Innersten bewegt, von größter Bedeutung. Eine Stimmung, wäre es das, könnte wohl rasch verfliegen, hätte das ganze nur einen Wohlfühl-Charakter, es verhielte sich nicht anders. Wäre mein Glaube die Frucht meines Wohlverhaltens, meiner nachweisbaren Übereinstimmung mit allen Geboten und Gesetzen unserer religiösen Tradition, wäre er zum Scheitern verurteilt. Kein Geringerer als Martin Luther hat den Nachweis in dieser Sache geführt. Ja, wäre es nicht geradezu vermessen, kraft eigener Anstrengung, mittels religiöser Klimmzüge auf Augenhöhe mit Gott kommen zu wollen? Zum Scheitern verurteilt, ist dieser Versuch auf alle Fälle. Beim Glauben geht nicht um irgendetwas. Es geht nicht um etwas Äußerliches und um viel mehr als ein „good-to-have“. Er ist mehr als ein Accessoire meines Wesens, mehr als eine Ergänzung meiner bürgerlichen Existenz. Der Glaube selbst hat vielmehr eine existentielle Dimension. Ja, er erschließt seinerseits ganz neue Dimensionen. Der Glaube, dass Gott diesen Jesus von den Toten auferweckt hat. Darum ist das von Paulus gewählt dritte Verb keineswegs zu groß gegriffen. Mit dem Glauben wirst du „gerettet“.

Bin ich denn bedroht? Existentiell womöglich? Es läuft doch gut. Und wenn’s mal hakt oder rumpelt, ich weiß mir doch zu helfen und finde mancherlei Hilfe. Lange kann man so denken. Sehr lange. Die Kanaaniterin aus unserer Geschichte dürfte auch so gedacht haben, aber sie ist damit schließlich ins Leere gelaufen. Da war niemand, der ihr bzw. ihrer Tochter helfen konnte. Das Leid ihrer Tochter hat sie ratlos gemacht. Wer weiß, welche Adressen sie schon aufgesucht und wie viele Koryphäen sie schon abgeklappert hat? Was lässt sich diesem Leid, was lässt sich am Ende dem Tod entgegensetzen? Wer kann ihm Einhalt gebieten? Wer ihn überwinden? Wer kann mich retten?

Nicht nur vor dem Tod. Vielleicht auch vor einem Zuviel des Anspruchs an mich selbst. Dem Versuch, mich selbst so ins Werk zu setzen, dass ich allen gefalle, am Ende doch wohl auch und hoffentlich Gott. Vor all den Versuchungen mit den Falschen zu paktieren, mit solchen, die meine Seele kaufen wollen, nur um sie gewinnbringend zu verscherbeln. Vor Angst nicht zu genügen, am Ende nicht wohlgelitten oder besser angenommen zu sein. Vor der Aussichtslosigkeit zu erfahren, wo ich zuhause bin, wenn sie die Tür hinter mir zugemacht haben. Wer kann mich retten?

Die Frau aus Kanaan setzt hier alles auf eine Karte. Und obwohl sie in all ihrer Hilflosigkeit jedes Vertrauen verloren haben müsste, vertraut sie sich Jesus an. Warum? Weiß sie, spürt sie, dass es bei Heilung um Vertrauen geht? Ist sie sich darüber im Klaren, dass sie, und jetzt steht sie da für alle Menschenkinder, das in sie gesetzte Vertrauen immer wieder enttäuscht. So wie es die Paradiesgeschichte erzählt, wo Adam und Eva offenbar aus diesem wunderbaren Schwebezustand des Vertrauens ausbrechen und vom Baum der Erkenntnis naschen. Sie wollen wissen und nicht glauben. Unstillbar ist der Drang des Menschen wissen zu wollen. Sogar in der Beziehung zu Gott ist das so.

Aber damit ist die verzweifelte Mutter durch. Sie weiß, dass sie nichts weiß und jemals wissen wird, was sie retten kann. Die Kanaaniterin hat nichts mehr zu bieten. „So liegt es nun nicht an jemandes Wollen oder Laufen, sondern an Gottes Erbarmen“ [Röm 9,16]. Er macht den entscheidenden Schritt, damit wir mit der Frau aus Kanaan, mit Paulus und Luther einen gnädigen Gott kriegen. Reines Entgegenkommen! Buchstäblich! Gott kommt in die Welt, wird Mensch, so, dass wir uns auf Augenhöhe begegnen können. Entgegenkommen und Nähe.

Wo? Wie? In Christus, sagt Paulus, in dem lebendigen Wort Gottes. Das ist der Glaube, den er verkündigt. Kein Für-wahr-Halten, nichts Ungefähres, wo das Wissen aufgehört hat aber auch kein Dogma, kein Lehrsatz, sondern Erfahrung. Und diese Erfahrung ist nicht in sich abgeschlossen, sondern offen, ist Prozess, spielt sich ab als Begegnung des lebendigen Wortes (Christus) mit dem Menschen.

Es steht im Mittelpunkt unserer Gottesdienste. Hier hören wir es im Evangelium und, wenn es gut geht auch in der Predigt. „So kommt der Glaube aus der Predigt, das Predigen aber durch das Wort Christi“ [Röm 10,17], schreibt Paulus.

Der Glaube kommt aus der Predigt? Kein Wunder, dass es mit dem Glauben so schlecht bestellt ist! Manchmal ist die Predigt schwach. Oft genug ist es aber auch der Besuch der Predigtstätten. Ist es nicht darum umso wünschenswerter und dringlicher, dass wir alle, jede und jeder „mit dem Munde bekennen, dass Jesus der Herr ist“ [Röm 10,9]?

Vielleicht fallen uns Geschichten ein vom Glauben, von der Nähe Gottes. Dann ist es an der Zeit, davon zu reden. Beim Kirchencafé nachher, am nächsten Sonntag im Gottesdienst, aber auch am Bahnsteig morgen oder am Tisch nachher zu Hause oder im Auto auf dem Weg oder in den Andachten, die Ende Oktober hier wieder donnerstags gefeiert werden. Gott ist nah. Er ist unsere Rettung. Das ist unser Glaube.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.