7. Sonntag nach Trinitatis

Text: Hebr 13,1–3

Thema: Vergiss die Gastfreundschaft nicht

Ev. Emmausgemeinde Eppstein

Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Sich mit dem Fremden vertraut zu machen, wehrt der Ablehnung und der Feindschaft. Alle, die den Kleinen Prinz gelesen haben, wissen das. Kein Wunder, dass nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges bei allen Bemühungen um Verständnis und Versöhnung der bis dato Verfeindeten Begegnungen eine zentrale Rolle spielten. Ich nenne nur das Deutsch-Französische Jugendwerk und die vielen Gelegenheiten, die der internationale Schüleraustausch bot. Da kam man mit Menschen einer anderen Sprache und Kultur zusammen. Manchmal konnte man staunen über die hingebungsvolle Freundlichkeit der Gastgeber, bei denen man sich rasch angenommen und geschätzt fühlte. Dann blieb es nicht dabei. Ein Funke war übergesprungen und hatte das Interesse füreinander geweckt. So sind Freundschaften entstanden, wie sie hier vor Ort unter dem Dach von Europart gepflegt werden.

Ich erinnere aber auch erstaunliche Schilderungen von Jugendlichen, die sich in einer dann noch teuer bezahlten Abstellkammer wiederfanden und mit knurrendem Magen das Ende der Auslandswoche herbeisehnten. Zurück blieben Enttäuschung und eingewurzelte Vorbehalte. „Chance verpasst“, konnte man da nur bedauernd feststellen.

Versetzen wir uns ins erste Jahrhundert nach Christus und sehen dabei auf eine kleine christliche Gemeinde. Es geht ihr nicht gut. Sie kämpft mit einer Enttäuschung. Das so nahe Reich Gottes steht immer noch aus. Wann wird es endlich soweit sein, dass Gott seine Hütte bei den Menschen errichtet und alle Tränen abwischt [vgl. Off. 21]? Davon gibt’s genug, wenn einmal mehr Feindseligkeit und Verfolgung der Gemeinde zu schaffen machen. Dann möchte man sich am liebsten verkriechen, Türen und Fenster geschlossen halten und unter sich bleiben. Jeder, der von außen kommt, kann ein Verräter sein. Weiß ich, was der andere im Schilde führt?

Als der Brief verlesen wird, es ist der „An die Hebräer“ genannte, hören sie in Anbetracht ihrer Lage erstaunliche Sätze: „1 Bleibt fest in der brüderlichen Liebe. 2 Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt. 3 Denkt an die Gefangenen, als wärt ihr Mitgefangene, und an die Misshandelten, weil auch ihr noch im Leibe lebt.“ [Hebr. 13,1-3]

Wo Luther „gastfrei“ übersetzt, ist im griechischen Text von xenophilia die Rede. Das ist die Freundlichkeit und Liebe gegenüber dem Fremden. Darauf war man in früheren Zeiten angewiesen. Ob man wie Paulus unterwegs war von Stadt zu Stadt und Ort zu Ort oder wie Johann Gottfried Seume (1763-1810) einen Spaziergang nach Syrakus unternahm, immer wieder musste man sehen, wo man unterkam, übernachten, essen und trinken konnte. Aber während Seumes Mission darin bestand, auf dem Weg nach Sizilien die Weite des Raumes und der Zeit zu durchmessen, hatten Paulus und seine Nachfolger die Verkündigung des Christus als Mitte der Zeit vor. Ihre Mission war die Mission.

Worte allein genügten nicht. Wollten sie wirken, musste sich die Verkündigung lebendig bewähren. Wer also mit ernsthaftem Interesse und etwas Aufgeschlossenheit fragte: Was sind das für Leute, diese Anhänger des Christus? der sollte sie erleben als wahre Zeugen ihres Herrn. Und ER hatte gesagt: „Denn ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen” [Mt 25,35].

Dagegen würde es Einwände geben, die Gefahr, das Risiko, der Undank… Das wusste auch der Verfasser des Briefes, der diese Gemeinde getaufter Juden vor Augen hatte. Und er konnte voraussetzen, dass sie verstehen, was er meint, wenn er im Blick auf die freundlichen Gastgeber anmerkt, „dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt“ [Hebr 13,2]. Stimmt, da gibt es doch diese Geschichte mit Abram und Sara im Hain Mamre. In der glühenden Hitze des Tages stehen auf einmal drei Männer vor Abram, die er umgehend einlädt und wohltuende Gastfreundschaft spüren lässt. Sara kocht, was das Zeug hält, und lauscht dann dem Gespräch der Männer. Die verheißen Abram und Sara das Glück ihres Lebens, den lang ersehnten Sohn. [1. Mos 18] Und wenig später wird diese Ankündigung wahr. Gespräche, die mehr sind, als das, was sie auf dem ersten Blick waren. Weil sich in dieser Begegnung mit dem Fremden neue Horizonte eröffnet haben. Ist das nicht die wunderbare Bereicherung eines Abends oder eines Tages mit Gästen? Neue Sichten, vielleicht sogar irritierende, das eigene Koordinatensystem zur Überprüfung fordernde Auffassungen. Einblicke in andere Lebenswelten und -verständnisse. Hin und her. Manchmal hat das etwas Ansteckendes.

Wenn ich das heute sage, weiß ich schon, dass gleich das „Riegele“ vorgeschoben wird. Das bloß nicht! Social distancing und Gastfreundschaft werden kaum gute Freunde. Aber wir hoffen doch und wollen da wieder hin, dass wir Gäste und Gastfreundschaft als Bereicherung erleben und als kleinen Teil der großen messianischen Geschichte, in der sie kommen von Osten und Westen, Norden und Süden [vgl. Lk 13,29] 

„Vergesst die Gastfreundschaft nicht“ [Hebr 13,2] – wenn wir sie erlebt haben, wird uns das nicht schwerfallen. Da waren wir nämlich berührt von der Selbstverständlichkeit, mit der Leute, die’s nicht Dicke hatten, aufgetischt und mit uns geteilt haben. Oder wie der Gastgeber einen guten Tropfen aus dem Keller geholt hat. Wie die besten Nachtlager geräumt und für die Gäste freigemacht wurden, als seien diese die Boten des Himmels.

Wenn wir das vergessen würden, das wäre nicht nur schade, dass wäre uns zum Schaden.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.