Rogate

Text: Joh 16,23b-28.33

Thema: Ins Blaue beten – oder?

Ev. Emmausgemeinde Eppstein

Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

„Lasst uns beten!“ – nein, nicht jetzt – oder doch? Nein, jetzt denken wir daran, wie wir auf diesen Aufruf reagieren. Wir kennen ihn ja, hören ihn immer wieder. Und dann nehmen wir Haltung an. Ob nur äußerlich oder auch innerlich, das hat viel mit unseren Grundannahmen zu tun. Wenn ich denke, da gibt es niemanden, den das interessiert, was ich bete, dann kann ich es auch seinlassen. Aber die Annahme allein, dass mein Gebet Erhörung findet, schützt mich nicht davor, aus meinem Gebet ein gepflegtes Selbstgespräch werden zu lassen. Ich kreise um mich selbst. Wünschen, Hoffen, Seufzen, Klagen, Jubeln – das ist noch nicht Beten.

Oder kennt Ihr das: Da gibt es jemanden, von dem ich erwarte, dass er tut, was ich will? Dann gebe ich sozusagen eine Expressbestellung auf. Aber ist das Bitten und Beten?

Richtig Beten will gelernt sein. Sonst „verwechseln wir Erde und Himmel, Mensch und Gott. Beten heißt ja nicht einfach das Herz ausschütten, sondern es heißt, mit seinem erfüllten oder auch leeren Herzen den Weg zu Gott finden und mit ihm reden. Das kann kein Mensch von sich aus, dazu braucht er Jesus Christus.“ [Dietrich Bonhoeffer] Warum jetzt das? Na, weil Beten Beziehungsarbeit ist. Ja, es verlangt eine Beziehung zwischen mir als Beter und Gott. Und diese Beziehung hat Jesus hergestellt, er hat uns den großen, den unsichtbaren, den geheimnisvollen Gott nahe gebracht. Wir beten nicht ins Blaue. Wir haben Christus vor uns und mitten unter uns. In ihm hat Gott Gestalt angenommen, durch ihn sind wir mit Gott verbunden. Im Johannesevangelium heißt es: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr den Vater um etwas bitten werdet in meinem Namen, wird er’s euch geben.“ [Joh 16,23 b]

Wie wir beten können, das hat er uns durch sein eigenes Beten gezeigt, ja, er hat uns ein Gebet hinterlassen, das wir immer wieder sprechen. Ihr Konfirmanden sollt es auswendig lernen. Ihr sollt es in jedem Moment Eures Lebens dabeihaben, wissen und leise oder laut sprechen können.

Manchmal, wenn man so etwas Auswendig-Gelerntes aufsagt, rattern wir die Worte nur so runter. Unser Sprechen klingt monoton und irgendwie leer. Ohne Seele oder anders gesagt, ohne innere Beteiligung. Ob das wohl Beten ist?

Gleich werden wir Zeuge einer Art Nachhilfestunde im Beten. Ich will nicht zu viel verraten. Aber es ist wieder so ein Moment, wo es heißt, „Lasst uns beten!“

Beter: „Vater unser im Himmel…“

Gott: Ja?

Beter: Unterbrich mich nicht! Ich bete!

Gott: Aber du hast mich doch angesprochen!

Beter: Ich dich angesprochen? Äh … nein, eigentlich nicht. Das beten wir eben so: „Vater unser im Himmel!“

Gott: Da, schon wieder! Du rufst mich an, um ein Gespräch zu beginnen, oder? Also, worum geht’s?

Beter: „Geheiligt werde dein Name…“

Gott: Meinst du das ernst?

Beter: Was soll ich ernst meinen?

Gott: Ob du meinen Namen wirklich heiligen willst? Was bedeutet denn das?

Beter: Es bedeutet – … Es bedeutet – … meine Güte, ich weiß nicht, was es bedeutet. Woher soll ich das denn wissen?

Gott: Es heißt, dass du mich ehren willst, dass ich dir einzigartig wichtig bin, dass dir mein Name wertvoll ist.

Beter: Aha, hm, das verstehe ich.

„Dein Reich komme, dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden…“

Gott: Tust du das wirklich?

Beter: Dass dein Wille geschieht? Natürlich! Ich gehe regelmäßig zum Gottesdienst, ich zahle Kirchensteuer und manchmal spende ich sogar was, ach ja, und Stifter/in bin ich auch schon.

Gott: Ich will mehr: Dass dein Leben in Ordnung kommt, dass deine Angewohnheiten, mit denen du andern auf den Wecker gehst, verschwinden, dass du von andern her und für andere denken lernst; dass allen Menschen geholfen wird und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen, auch dein Vermieter und dein Chef. Ich will, dass Kranke geheilt, Hungernde gespeist, Trauernde getröstet und Gefangene befreit werden. Denn alles, was du diesen Leuten tust, das tust du für mich.

Beter: Warum hältst du das ausgerechnet mir vor? Was meinst du, wieviel stinkreiche Heuchler in den Kirchen sitzen? Schau sie doch an!

Gott: Entschuldige, ich dachte, du betest wirklich darum, dass meine Herrschaft sich ausbreitet und mein Wille geschieht: Das fängt nämlich ganz persönlich bei dem an, der darum bittet. Erst wenn du dasselbe willst wie ich, kannst du ein Botschafter meines Reiches sein.

Beter: Das leuchtet mir ein. Kann ich jetzt mal weiterbeten?

„Unser tägliches Brot gib uns heute…“

Gott: Du hast Übergewicht, Mann! Deine Bitte beinhaltet die Verpflichtung, etwas dafür zu tun, dass die Hungernden dieser Welt ihr tägliches Brot bekommen.

Beter: „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern…“

Gott: Und dein Arbeitskollege?

Beter: Jetzt fang auch noch von dem an! Du weißt doch, dass er mich öffentlich blamiert; dass er mir jedes Mal dermaßen arrogant gegenübertritt, dass ich schon wütend bin, bevor er seine herablassenden Bemerkungen macht. Das weiß er auch! Er nimmt mich als Mitarbeiter nicht ernst, er tanzt mir auf dem Kopf herum, dieser Typ hat…“

Gott: Ich weiß, ich weiß! Und dein Gebet?

Beter: Ich meine es nicht so!

Gott: Du bist wenigstens ehrlich. Macht dir das eigentlich Spaß, mit so viel Bitterkeit und Abneigung im Bauch herumzulaufen?

Beter: Es macht mich ganz krank.

Gott: Ich will dich heilen. Vergib doch, und ich vergebe dir. Vielleicht vergebe ich dir auch schon vorher. Dann sind Arroganz und Hass seine Sache und nicht deine. Vielleicht verlierst du Geld, ganz sicher verlierst du ein Stück Image. Aber es wird dir Frieden im Herz bringen.

Beter: Hm, ich weiß nicht, ob ich mich dazu überwinden kann.

Gott: Ich helfe dir dabei.

Beter: „Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen…“

Gott: Nichts lieber als das. Meide bitte Personen und Situationen durch die du versucht wirst.

Beter: Wie meinst du das?

Gott: Du kennst doch deine schwachen Punkte. Unverbindlichkeit, Finanzverhalten, Sexualität, Aggression, Erziehung. Gib der Versuchung keine Chance!

Beter: Ich glaube, dies ist das schwierigste Vaterunser, das ich jemals gebetet habe. Aber es hat zum ersten Mal etwas mit meinem alltäglichen Leben zu tun.

Gott: Schön! Wir kommen vorwärts. Bete ruhig zu Ende.

Beter: „Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.“

Gott: Weißt du, was ich herrlich finde? Wenn Menschen wie du anfangen, mich ernst zu nehmen, echt zu beten, mir nachzufolgen und dann das zu tun, was mein Wille ist. Wenn sie merken, dass ihr Wirken für das Kommen meines Reiches sie letztlich selbst glücklich macht.

[Aus: Beten durch die Schallmauer. Düsseldorf 61990, S. 11-13]

Sich mit Gott verbinden. Sich mit Gott verbünden. Das tut gut und es stärkt uns.

Und der Friede Gottes, der höher ist, als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Menü schließen