3. Sonntag nach Epiphanias

Text: Apg 10,21–35

Thema: Reinheitsgebot

Ev. Emmausgemeinde Eppstein

Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Heute reden wir von Kornelius. Er ist Hauptmann im römischen Heer und dient in Caesarea. Der Ort hat seine Geschichte. Ursprünglich gegründet haben ihn die Phoenizier. Sie nannten ihn Straton. Am Ausgang des 2. Jhs vChr verleiben die Hasmonäer dem Königreich Juda ein. Zwischen 22 und 10 vChr lässt Herodes hier zu Ehren des römischen Kaisers Augustus eine repräsentative Stadt erbauen. Dort gehört Kornelius zum römischen Kommando. Er befiehlt und gehorcht, so wie das Alltag ist beim Militär. Seine Untergebenen und Vorgesetzten, ebenso seine Kollegen folgen, wenn sie dem Banner ihrer Einheit hinterherlaufen, Jupiter. Denn für niemand anderen steht der Adler über dem Banner. Und all die andern römischen Gottheiten – Juno, Mars, Minerva – gehören zu seiner Umgebung und seinem Alltag. Und doch heißt es von Kornelius: „Der war fromm und gottesfürchtig mit seinem ganzen Haus und gab dem Volk viele Almosen und betete immer zu Gott“ [Apg 10,2]. Kein Zweifel, der eine Gott, das ist der Gott der Bibel und nicht einer aus dem römischen Götterhimmel. Jetzt wissen wir vielleicht schon mehr von Kornelius als ein anderer, zu dem der Hauptmann einige seiner Leute sendet, die ihn aus Joppe holen sollen, das ist das heutige Jaffa – ganz nah bei Tel Aviv am Mittelmeer gelegen, von Caesarea ca. 60 km entfernt.

Es ist Petrus, den sie holen sollen. Der hat vielleicht Glück, dass das Haus seines Gastgebers direkt am Meer liegt. Da mag eine frische Brise meist den jämmerlichen Gestank vertrieben haben, der einst mit dem Gerberhandwerk verbunden war. Dass Petrus dort Quartier genommen hat, könnte uns schon verwundern. Die Gerber galten manchen als unrein. Ein frommer Jude hätte darum den Kontakt mit ihnen gemieden. Als Leser der Apostelgeschichte werden wir, das wird uns später klar werden, auf noch mehr vorbereitet.

Petrus hat im Hause des Gerbers, nein, auf dem Dach des Hauses eine Vision. Auch hier geht es um rein und unrein. Die Unterscheidung spielt auch im jüdischen Alltag eine große Rolle, denken wir nur an die Küche und die Speisen, beide zweigeteilt in „koscher“ und „unkoscher“, rein und unrein. Der hungrige Petrus sieht in seiner Vision „den Himmel aufgetan und etwas wie ein großes leinenes Tuch herabkommen…Darin waren allerlei vierfüßige und kriechende Tiere der Erde und Vögel des Himmels“ [Apg 10,11f.]. Jeder Kundige weiß, die Sache ist nicht koscher. Gelten doch nur Vierfüßler mit zweigespaltenen Hufen als rein. Kein Wunder, dass es den armen Petrus graust. Soll er die jüdischen Speiseregeln brechen, die er ein Leben lang befolgt hat? „Was Gott rein gemacht hat, das nenne du nicht verboten“ [Apg 10,15], heißt es von ganz oben. Da machen sich auch schon die Männer bemerkbar, die Kornelius geschickt hat. Ich lese den Predigtext aus der Apostelgeschichte. Im 10. Kapitel, die Verse 21-35: 21 Da stieg Petrus hinab zu den Männern und sprach: Siehe, ich bin’s, den ihr sucht; warum seid ihr hier? 22 Sie aber sprachen: Der Hauptmann Kornelius, ein frommer und gottesfürchtiger Mann mit gutem Ruf bei dem ganzen Volk der Juden, hat Befehl empfangen von einem heiligen Engel, dass er dich sollte holen lassen in sein Haus und hören, was du zu sagen hast. 23 Da rief er sie herein und beherbergte sie.

Das hat noch gefehlt. Jetzt auch noch Römer im Haus. Das geht gar nicht. Immerhin die knappe Vorstellung des Kornelius durch seine Leute, ist geeignet, Petrus aufhorchen zu lassen. Da lebt also ein römischer Militär unter tausenden Seinesgleichen wie ein gottesfürchtiger Mensch. Ich weiß nicht, ob Petrus neugierig geworden ist, oder schon nachdenklich? Was macht einen Menschen rein? Was empfiehlt ihn zum Umgang? Muss er die gleiche Hautfarbe haben oder doch das gleiche Parteibuch, die gleiche Klasse, die gleiche Konfession, denselben Fußballverein, einen vergleichbaren Kontostand? Darf es ein Fremder sein oder einer aus der Fremde? Einer aus einer anderen Kultur, womöglich einer, in der man Dinge zu essen pflegt, die mir zuwider sind? Mal sehen, was Lukas in seiner Apostelgeschichte erzählt.

Am nächsten Tag machte er sich auf und zog mit ihnen, und einige Brüder aus Joppe gingen mit ihm. 24 Und am folgenden Tag kam er nach Cäsarea. Kornelius aber wartete auf sie und hatte seine Verwandten und nächsten Freunde zusammengerufen. 25 Und als Petrus hereinkam, ging ihm Kornelius entgegen und fiel ihm zu Füßen und betete ihn an. 26 Petrus aber richtete ihn auf und sprach: Steh auf, ich bin auch nur ein Mensch.

Petrus hat’s kapiert. „Ich bin auch nur ein Mensch“ [Apg 10,26]. Als ob das nicht genug wäre. Das heißt an die Adresse des Kornelius: Und du bist auch einer. Wir beide sind Menschen. Und wenn wir einen anbeten, dann ist das Gott. Es kann hilfreich sein, sich so zu verstehen: Als Mensch vor Gott, weil mir klar wird, das ist der andere auch.

27 Und während er mit ihm redete, ging er hinein und fand viele, die zusammengekommen waren. 28 Und er sprach zu ihnen: Ihr wisst, dass es einem jüdischen Mann nicht erlaubt ist, mit einem Fremden umzugehen oder zu ihm zu kommen; aber Gott hat mir gezeigt, dass ich keinen Menschen meiden oder unrein nennen soll. 29 Darum habe ich mich nicht geweigert zu kommen, als ich geholt wurde.

Da begegnen sich Welten. Der römische Hauptmann Kornelius und der Apostel Petrus. Der Heide und der christgläubige Jude. Was hier geschieht, dürfte nach allen Regeln und Konventionen nicht sein. Das muss uns klar sein. Aber es geschieht, und kein anderer als Gott selbst hat es so gefügt. Es ist Gottes Anti-Apartheitshandeln. Es ist sein Einspruch gegen Ressentiments. Auch was uns üblicherweise hilft, in der verwirrenden Vielfalt der Möglichkeiten unseren Weg zu finden, unsere Regeln und Konventionen, muss hinter Gottes Anspruch zurücktreten. Dabei dürfte uns allen klar sein, dass wir Regeln und Konventionen brauchen. Übereinkünfte, was geht und was nicht; wie man sein soll, was man tun soll und was nicht. Sie sollen uns helfen, eine unübersichtliche Welt übersichtlicher zu machen. Ihre Aufgabe ist es, uns zu schützen und uns die Angst zu nehmen, wir könnten ins Chaos fallen. Aber das passiert nun auch Petrus nicht, wie wir wiederum von Lukas in seiner Apostelgeschichte erfahren:

So frage ich euch nun, warum ihr mich habt holen lassen. 30 Kornelius sprach: Vor vier Tagen um diese Zeit betete ich um die neunte Stunde in meinem Hause. Und siehe, da stand ein Mann vor mir in einem leuchtenden Gewand 31 und sprach: Kornelius, dein Gebet ist erhört und deiner Almosen ist gedacht worden vor Gott. 32 So sende nun nach Joppe und lass herrufen Simon mit dem Beinamen Petrus, der zu Gast ist im Hause des Gerbers Simon am Meer. 33 Da sandte ich sofort zu dir; und du hast recht getan, dass du gekommen bist. Nun sind wir alle hier vor Gott zugegen, um alles zu hören, was dir vom Herrn befohlen ist. 34 Petrus aber tat seinen Mund auf und sprach: Nun erfahre ich in Wahrheit, dass Gott die Person nicht ansieht; 35 sondern in jedem Volk, wer ihn fürchtet und recht tut, der ist ihm angenehm.

Am Ende tauft Petrus den römischen Hauptmann Kornelius. Er überschreitet die Grenze, die ihm einst gesetzt war und handelt, wie es später Paulus fordern und tun wird. Er tauft den Heiden, ohne dass der zuvor hätte Jude werden müssen. Und wir lernen und behalten, was Petrus uns gesagt hat: Nun erfahre ich in Wahrheit, dass Gott die Person nicht ansieht; 35 sondern in jedem Volk, wer ihn fürchtet und recht tut, der ist ihm angenehm. [Apg 10,34f.]

Wer ihn fürchtet, das ist die konventionelle Ausgabe der grundlegenden Aussage, wer Gott vertraut, sich auf ihn verlässt und seiner Spur folgt, also recht tut, „der ist ihm angenehm“ [Apg 10,35].

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.