20. Sonntag nach Trinitatis – 25.10.2020

Text: Mk 2,23–28
Thema: Wofür braucht’s den Sonntag?
Ev. Emmausgemeinde Eppstein
Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Als ich den Predigttext aus dem 2. Kapitel des Markusevangeliums lese, denke ich an Sonntagsspaziergänge, bei denen wir Kinder hinter den Erwachsenen her trotteten. Kein Ziel, das uns gelockt oder gezwungen hätte. Nur der Weg und alles, was ihn säumt. Ich sehe die Jünger, wie sie Jesus folgen, und dabei in Gedanken mit den Fingern durch die wahrscheinlich restlichen stehengebliebenen Ähren eines Kornfeldes streifen. Ich kann mir nämlich nicht vorstellen, dass sie alle mitten durch ein nicht abgeerntetes Feld gelaufen sind. Das eine oder andere Korn bleibt zwischen den Fingern hängen. Sammeln sie? Ich weiß es nicht. In der vergleichbaren Darstellung des Matthäus [Mt 12,1-8] ist von Hunger die Rede. Nicht so bei Markus. Aber hören wir die Verse 23-28:

Mk 2,23 Und es begab sich, dass er am Sabbat durch die Kornfelder ging, und seine Jünger fingen an, während sie gingen, Ähren auszuraufen. 24 Und die Pharisäer sprachen zu ihm: Sieh doch! Warum tun deine Jünger am Sabbat, was nicht erlaubt ist? 25 Und er sprach zu ihnen: Habt ihr nie gelesen, was David tat, da er Mangel hatte und ihn hungerte, ihn und die bei ihm waren: 26 wie er ging in das Haus Gottes zur Zeit des Hohenpriesters Abjatar und aß die Schaubrote, die niemand essen darf als die Priester, und gab sie auch denen, die bei ihm waren? 27 Und er sprach zu ihnen: Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen. 28 So ist der Menschensohn Herr auch über den Sabbat.

Jeder Zeitgenosse des Markus, der diese Geschichte hört, kennt das Sabbatgebot. Es gehört zu den Zehn Geboten, zum Tafelsilber jüdischen Selbstverständnisses gleichsam. Am Sabbat hat Ruhe zu herrschen. Da wird nicht gearbeitet. Selbst die Zahl der Schritte wird am Sabbat begrenzt. Kein Blatt darf abgeschnitten, keine Frucht geerntet werden. Es ist Zeit, daran zu denken, dass Gott die Welt erschaffen und sein Volk aus der Gefangenschaft in Ägypten herausgeführt hat. [2. Mos 20,8-11 und 5. Mos 5,12-15]

Kümmern sich Jesus und seine Gefolgsleute nicht darum? Dass sie bei denen Anstoß erregen, die die Dinge genau nehmen, muss sie und uns nicht wundern. Die Pharisäer, von denen hier die Rede ist, werden den Midrasch kennen.  In der jüdischen Schriftauslegung heißt es: „Wenn Israel nur ein einziges Mal den Schabbat wirklich halten würde, würde der Messias kommen, denn das Halten des Schabbat kommt dem Halten aller Gebote gleich.“ [W. Gunther Plaut (Hrsg.): Die Tora in jüdischer Auslegung, Band 2: Schemot/ Exodus (1981), Gütersloh 2000, S. 173]

Kein Wunder also, dass sie Jesus angehen. Der aber wehrt die Vorwürfe ab und verweist auf David. Hatte der nicht mit seinen Leuten von den Schaubroten gegessen, deren 12 (Zahl der Stämme Israels) an jedem Sabbat in der Stiftshütte und später im Tempel aufgestellt wurden? Sie galten als Zeichen des Bundes zwischen Gott und seinem Volk. Was soll der vergleichende Hinweis? Er soll eine Gemeinsamkeit zwischen David und Jesus zum Ausdruck bringen: „Wie David als Mann Gottes zu diesem freien Handeln autorisiert war, so kann Jesus die Freiheit geben, die sich im Essen der Jünger ausdrückt“ [Joachim Gnilka: Das Evangelium nach Markus. EKK II/1. Zürich 1978, S. 122].

Ist das nun ein Freibrief? Kann nun jeder am Tag des Herrn machen, was er will? Endlich Zeit, den Garten auf Vordermann zu bringen, die Baustelle im Haus voranzubringen oder einzukaufen. Wenn schon nicht im Rahmen einer Shopping-Tour, dagegen spricht zur Zeit so einiges, dann doch wenigstens mit dem Smartphone in der Hand unterwegs in den weiten Welten des Internets. Ob uns dabei immer bewusst ist, dass wir dabei eine ganze Maschinerie in Bewegung setzen und viele auch am Sonntag für uns arbeiten lassen?

Manche rütteln schon heftig am hierzulande gültigen Feiertagsgesetz, weil sie ihre Freiheit eingeengt sehen. Wird da auch die Kehrseite der Medaille bedacht? Was wird denn, wenn der Schutzraum des Feiertags, und der Sonntag zählt laut Gesetz dazu, aufgegeben ist? Was wird dann aus dem freien Wochenende? Und was aus den Feiertagen mit religiöser Begründung? In Hessen sind das sieben von neun.

Bei Markus lesen wir: „Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen“ [Mk 2,27]. Ruhezeit um des Menschen willen. Der soll Muße haben, für sich selbst, für seine Familie und für Gott.

Wer weiß, vielleicht zwingt uns einmal mehr das grassierende Virus zur Ruhe. Im Frühjahr haben manche verwundert bemerkt, dass es auch ohne andauernde Betriebsamkeit geht und die Beschränkung auf weniges durchaus auch positive Seiten hat. Sie schafft Aufmerksamkeit für das Vorhandene und Nächstliegende, die uns sonst oft abgeht. Sie erlaubt uns oder zwingt uns – das ist Ansichtssache – zur Begegnung mit uns selbst. Es soll schon vorgekommen sein, dass einer seinen Augen nicht traute, als er sich selbst in den Blick nahm.

Was wir hier bei Markus lesen, ist alles andere als ein Freibrief zum willkürlichen Umgang mit dem Feiertag. Denn die Ordnungen der Welt und des Lebens sieht der Evangelist von Gott gegeben. Wir bestimmen nicht, wann die Sonne aufgeht, bestenfalls, wann wir die Augen aufmachen. Der letzte Satz ist zweifellos der Zielpunkt des Ganzen Textes:

„So ist der Menschensohn ein Herr auch über den Sabbat“ [Mk 2,28]. Jesus, der Christus, ist Gottes Sohn und Herr der Zeit. Jeder Sonntag soll davon künden. Und jeder Sonntag soll uns die Gelegenheit geben, Gott zu begegnen, mit ihm in Kontakt zu treten und uns selbst zu justieren, auf ihn auszurichten.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.