10. Sonntag nach Trinitatis

Text: Mk 12,28–34

Thema: Was steht obenan?

Ev. Emmausgemeinde Eppstein

Pfarrer Moritz Mittag mit Vikarin Heike Corell

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Zwei Männer diskutieren miteinander. Das kennt man. Und da gibt es berühmte Vorbilder: Die Dialoge des Sokrates zum Beispiel, die Platon überliefert hat. Ziel dieser Gespräche ist es, einen Sachverhalt zu klären, im Gespräch den Zusammenhang zu durchdenken, um Schritt für Schritt einer besseren (höheren) Erkenntnis näherzukommen. Hier sehen wir Jesus und einen Schriftgelehrten im Gespräch. Was erwarten wir? Vermutlich Streit. Dass wieder mal einer dieser Pharisäer – hat die Bezeichnung bei uns nicht einen fiesen Beigeschmack? – Jesus am Zeug flicken will. Wir stehen zu dessen Verteidigung bereit.

Halt, da muss ich aber mal eine Lanze für den Schriftgelehrten brechen. Von wegen Streit. Der Schriftgelehrte hört nämlich zunächst einmal zu. Er beobachtet die Sache ganz genau. Und erst dann mischt er sich ein.

Ach, Heike, wie schön, dass Du Dich auch einmischt! Du hast ja selbst schon öfter hier gestanden und gepredigt. Das wirst Du künftig nicht mehr tun, weil Du Eppstein hinter Dir lässt und Deine Vikariatszeit in Rheinhessen beginnst. Ja, Heike Corell, wechselt vom Pult zur Kanzel. Dann kannst Du gleich nach vorn kommen und hier mitmachen!

Und Du hast Recht, das Gespräch der beiden Männer ist von gegenseitiger Wertschätzung geprägt.

Ja, er erkennt sogar, dass Jesus gut geantwortet hat. In der Schule wäre das mindestens die Note Zwei.

In der Schule fand ich es übrigens besonders toll, wenn ich nicht mehr als Lehrerin die Fragen stellen musste, sondern die Schüler mit ihren Fragen zu mir kamen. Und genau das tut der Schriftgelehrte. Er stellt seine Fragen. „Welches ist das höchste Gebot von allen?“

Das ist natürlich eine „Spitzenfrage“.

Vermutlich beschäftigt ihn diese Frage schon ewig. Es brennt ihn auf der Seele. Wonach soll ich mein Leben ausrichten. Welches ist nun das höchste Gebot? Endlich hat er jemanden gefunden, von dem er glaubt, die Antwort zu erhalten.

Offenbar interessiert er sich aber für die Grundeinstellung seines Gesprächspartners. Was steht für Dich, Jesus, obenan?

Diese Worte. Ob das seiner Erwartung entspricht? Schema Israel… Schon zigmal gehört. Auswendig gelernt.

„Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein, 30 und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit all deiner Kraft“ [5. Mose 6,4-5]. Und dann fügt er ein zweites Zitat an – man sieht, er kennt sich aus: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ [3.Mose 19,18]. Bleibt er etwa ganz beim Alten?

Ist das Alte denn so schlecht?

Schlecht ist es nicht, aber Jesus setzt sie hier in einen unmittelbaren Zusammenhang: „Es ist kein anderes Gebot größer als diese“ [12,31c]. Gottesliebe und Menschenliebe, diese beiden stehen für ihn obenan. Und sein Gesprächspartner geht mit. „Ja, Meister, du hast recht geredet! Er ist einer, und ist kein anderer außer ihm; 33 und ihn lieben von ganzem Herzen, von ganzem Gemüt und mit aller Kraft, und seinen Nächsten lieben wie sich selbst, das ist mehr als alle Brandopfer und Schlachtopfer! [Mk 12,32].

Rudolph Bultmann hat das so wiedergegeben: „Wie ich den Nächsten nur lieben kann, wenn ich meinen Willen ganz hingebe an Gottes Willen, so kann ich Gott nur lieben, indem ich will, was er will, indem ich den Nächsten wirklich liebe.“

Puh, das muss ich kurz sacken lassen. Nochmal für mich sortieren.

Wenn ich das recht verstehe, bedingen Gottesliebe und Nächstenliebe einander. Ich orientiere mich an dem, was Gott will. Sein Wille ist, den Nächsten zu lieben. Das soll meine Richtschnur sein.

Das klingt in der Theorie alles schön und gut. Doch, was bedeutet das konkret?

Nur der Theologe macht es kompliziert. Bei Jesus und seinem Gesprächspartner kommt alles viel leichter daher. Das Verb „lieben“ macht das. Davon haben wir alle eine Vorstellung. Die ist warm und fühlt sich gut an. Und sie ist Ausdruck einer besonderen Beziehung zum andern. Lieben mit Hingabe, mit Haut und Haaren. Da bleibe ich nicht in der Reserve, da bleibe ich nicht bei mir, sondern da verlasse ich mich und gehe über mich hinaus – bis hin zum andern.

Zum Lieben braucht’s ein Gegenüber.

Ja, und das ist hier Gott und in ihm der Nächste. Das hört sich immer noch gut an und wird in der tatsächlichen Umsetzung zur Herausforderung.

Du meinst, wenn einem der Nächste nicht gleich sympathisch ist?

Oder wenn er mich dauerhaft anstrengt. Du kennst das doch aus Deinen Klassen. Manchmal möchte man einen am liebsten auf den Mond schießen. Das geht nicht nur Schülern mit den Lehrern so, das gibt’s auch umgekehrt! Und wenn es so ausschaut, als sei alle Liebesmüh umsonst. Wenn es keine entsprechende Erwiderung gibt und Dir im Gegenteil Boshaftigkeit antwortet.

Weniger aus dem Unterricht. Vielmehr erlebe ich das bei den Aufsichten. Wenn alle meinen, die Regeln gelten nur für die anderen, nicht für einen selbst. Und wenn ich dann diejenigen darauf hinweisen muss, beginnt die Diskussion.

Feststeht, das ist ein weites Feld. Von Pfarrerinnen und Pfarrern wird übrigens auch erwartet, dass sie lieb sind und lieben – den Nächsten. Will sagen, dass sie die berühmte zweite Meile [Mt 5,41] mitgehen, dass sie was übrig haben für ihre Nächsten, dass sie der Feindschaft freundlich entgegentreten. Aus der Herausforderung kann schnell eine Überforderung werden. Damit Dir in Deinem neuen Wirkungskreis und mit Deinen neuen Aufgaben das erspart bleibt, aber auch damit es uns allen gelingt, dieses höchste Gebot gut zu befolgen, mag uns eine Weisheit des Bernhard von Clairvaux begleiten:

„Wenn du vernünftig bist, erweise dich als Schale und nicht als Kanal, der fast gleichzeitig empfängt und weitergibt, während jene wartet, bis sie gefüllt ist. Auf diese Weise gibt sie das, was bei ihr überfließt, ohne eigenen Schaden weiter. Lerne auch du, nur aus der Fülle auszugießen, und habe nicht den Wunsch freigiebiger zu sein als Gott. Die Schale ahmt die Quelle nach. Erst wenn sie mit Wasser gesättigt ist, strömt sie zum Fluss und wird zur See. Die Schale schämt sich nicht, nicht überströmender zu sein als die Quelle. Ich möchte nicht reich werden, wenn du dabei leer wirst. Wenn du nämlich mit dir selbst schlecht umgehst, wem bist du dann gut? Wenn du kannst, hilf mir aus deiner Fülle. Wenn nicht, schone dich.“

Und der Friede Gottes, der höher ist, als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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