Jubilate
Text: Apg 17,22–34
Thema: Beweis gegen Glauben
Ev. Emmausgemeinde Eppstein
Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Wir sind mit Paulus in Athen verabredet. Er ist von Thessaloniki gekommen und wird nach Korinth weiterreisen. Athen ist in der Mitte des 1. Jahrhunderts nach Christus nicht mehr das, was es einmal war. Aus dem Konzert der mittelmeerischen Mächte ist es schon lange ausgeschieden. Die Namen der Berühmtheiten haben in den Erinnerungen zu verblassen begonnen. Sophokles, Perikles, Sokrates und Platon, um nur wenige zu nennen. Im öffentlichen Raum wimmelt es, wie in der Antike üblich von Götter-Standbildern. Gibt’s noch jemanden, der sie ernsthaft verehrt, nachdem die kritischen Philosophen die Götterwelt Homers auseinandergenommen haben?

Für Paulus ist dieser Götter-Markt der Möglichkeiten ein Graus. Zorn habe ihn bei diesem Anblick erfasst, berichtet die Apostelgeschichte [Apg 17,16]. Viel wohler fühlt er sich in der Synagoge, der er auch gleich einen Besuch abstattet. Danach kommt er auf den „Markt“, heißt es, und wir denken an die Agora, dieses weitläufige Gelände unterhalb der Akropolis und des Areopags. Dieser öffentliche Raum ist von alters nicht nur dem Austausch der Waren gewidmet, sondern auch dem Ringen um das Wahre. Hier auf dem Markt ist das Publikum geistreiche Gedankenspiele gewöhnt. Wer hierher kommt, gehört nicht zu den philosophischen Kostverächtern. Halb gelangweilt, halb belustigt, verfolgen die Feinschmecker des Geistes das tägliche Angebot.

Jetzt kommt Paulus, umringt von einigen Vertretern der örtlichen Intelligenz. Die staunen über diesen Mann und seine seltsamen Botschaften. Die einen fragen: „Was will dieser Schwätzer sagen?“, die anderen meinen: „Es sieht so aus, als wolle er fremde Götter verkündigen.“ [Apg 17,18] Soll er doch mal zeigen, was er draufhat. Trotz Ortsangabe – Areopag – ist uns nicht ganz klar, wohin sie ihn führen. Der Fels, unterhalb der Akropolis, wo einst der oberste Rat tagte, ist längst verwaist und durch die Stoa Basileios, die Königshalle am Rande der Agora, ersetzt worden. Da saß allerdings nie ein König, Athen war ja der Geburtsort der Demokratie. Ist das verwirrend. Hoffentlich redet wenigstens Paulus Klartext, denn der hebt nun an: [Apg 17,22-34]

[22 Paulus aber stand mitten auf dem Areopag und sprach:] Ihr Männer von Athen, ich sehe, dass ihr die Götter in allen Stücken sehr verehrt. 23 Denn ich bin umhergegangen und habe eure Heiligtümer angesehen und fand einen Altar, auf dem stand geschrieben: Dem unbekannten Gott. Nun verkündige ich euch, was ihr unwissend verehrt. 24 Gott, der die Welt gemacht hat und alles, was darinnen ist, er, der Herr des Himmels und der Erde, wohnt nicht in Tempeln, die mit Händen gemacht sind. 25 Auch lässt er sich nicht von Menschenhänden dienen wie einer, der etwas nötig hätte, da er doch selber jedermann Leben und Odem und alles gibt. 26 Und er hat aus einem Menschen das ganze Menschengeschlecht gemacht, damit sie auf dem ganzen Erdboden wohnen, und er hat festgesetzt, wie lange sie bestehen und in welchen Grenzen sie wohnen sollen, 27 dass sie Gott suchen sollen, ob sie ihn wohl fühlen und finden könnten; und fürwahr, er ist nicht ferne von einem jeden unter uns. 28 Denn in ihm leben, weben und sind wir; wie auch einige Dichter bei euch gesagt haben: Wir sind seines Geschlechts. 29 Da wir nun göttlichen Geschlechts sind, sollen wir nicht meinen, die Gottheit sei gleich den goldenen, silbernen und steinernen Bildern, durch menschliche Kunst und Gedanken gemacht. 30 Zwar hat Gott über die Zeit der Unwissenheit hinweggesehen; nun aber gebietet er den Menschen, dass alle an allen Enden Buße tun. 31 Denn er hat einen Tag festgesetzt, an dem er richten will den Erdkreis mit Gerechtigkeit durch einen Mann, den er dazu bestimmt hat und den er vor allen Menschen bestätigt hat, indem er ihn von den Toten auferweckt hat. 32 Als sie von der Auferstehung der Toten hörten, begannen die einen zu spotten; die andern aber sprachen: Wir wollen dich darüber ein andermal weiterhören. 33 So ging Paulus weg aus ihrer Mitte. 34 Einige Männer aber schlossen sich ihm an und wurden gläubig; unter ihnen war auch Dionysius, einer aus dem Rat, und eine Frau mit Namen Damaris und andere mit ihnen.

Von der Schöpfung bis zur Erlösung, von Adam bis Christus spannt Paulus den Bogen seiner Rede. Als geübter Redner beginnt Paulus mit einem Kompliment: „ich sehe, dass ihr die Götter in allen Stücken sehr verehrt“ [Apg 17,22]. Er holt seine Zuhörer ab. Zumindest versucht er das. Beim Umhergehen, flicht er ein, habe er „einen Altar, auf dem stand geschrieben: Dem unbekannten Gott,“ [Apg 17,23] gesehen. Der war bei den Menschen der Antike so eine Art „Minister ohne Geschäftsbereich“. Wir hören Paulus sagen: „Nun verkündige ich euch, was ihr unwissend verehrt“ [Apg 17,23]. Er entwirft eine theologische Skizze, die all die Gottheiten des Olymps und die vielen anderen, die aus allen Herren Ländern auch nach Athen eingetragen worden waren, weit in den Schatten stellt. Dieser Gott, er euch ein Unbekannter ist, hat Himmel und Erde gemacht. „Und er hat aus einem Menschen das ganze Menschengeschlecht gemacht“ [Apg 17,26] Er ist der unumschränkte Herr über Leben und Tod. Alles, was wir sind und haben, sind wir und haben wir durch ihn. Nach seinem Bilde sind wir geschaffen.

Die Stoiker, seit ungefähr 350 in Athen zuhause, können mit ihm darin übereinstimmen, dass das Leben von Gott stammt, dass alle Menschen ein Geschlecht sind, dass Gott nicht fern von uns ist und dass unser Leben von ihm abhängt.

Auch den Anhängern des Epikur, der vor knapp 400 Jahren in Athen wirkte, bietet er vertraute Gedanken an: Gott ist am Leben und man kann ihn kennenlernen, er benötigt nichts von anderen, ist nicht auf Menschen angewiesen und wohnt nicht in Tempeln, die mit Händen gemacht sind.

Paulus fährt fort: „Da wir nun göttlichen Geschlechts sind, sollen wir nicht meinen, die Gottheit sei gleich den goldenen, silbernen und steinernen Bildern, durch menschliche Kunst und Gedanken gemacht“ [Apg 17,29]. Es ist ein Irrtum zu meinen, man könnte das Wesen dieses Gottes in Figuren aus Stein, Holz, Silber oder welchem Material auch immer bannen. Das belächeln auch die Intellektuellen in Athen, die im Denken der Philosophen geschult sind.

Soweit so gut. An dem, was jetzt kommt, scheiden sich die Geister. Denn nun breitet Paulus den Plan, den Gott mit den Menschen hat, aus: Gott fordert jetzt – das ist der Moment, auf den es ankommt, der kairós – von allen Menschen, dass sie umdenken, ihren Sinn wandeln und umkehren. Denn der Tag kommt, da Gott Gericht halten wird „durch einen Mann, den er dazu bestimmt hat und den er vor allen Menschen bestätigt hat, indem er ihn von den Toten auferweckt hat“ [Apg 17,31]. Den Namen Jesus Christus nennt Paulus nicht. Vielleicht kommt er nicht mehr dazu, denn offenbar gibt es ganz unterschiedliche Reaktionen auf seine Rede von der Auferstehung der Toten.

Einige zeigen sich interessiert. „Einige Männer aber schlossen sich ihm an und wurden gläubig; unter ihnen war auch Dionysius, einer aus dem Rat, und eine Frau mit Namen Damaris und andere mit ihnen“ [Apg 17,34].

Andere meinen, „der spinnt doch“. Gedankliche Ableitungen, Herleitungen und Beweisführung gewöhnt, können sie mit dieser Geschichte wenig anfangen. Ob diese oder ähnliche Erfahrungen Paulus veranlassen, im 1. Brief an die Korinther zu schreiben: „Das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden“ [1. Kor 1,18]? Uns ist klar, zu diesem Wort vom Kreuz gehört unmittelbar das Ostergeschehen, die Auferstehung Jesu. Daran beißen sich bis zum heutigen Tag Menschen die Zähne aus. „Ich bin zu intelligent, um das zu glauben“, sagt da jemand, und man hat den Eindruck, das tut ihm irgendwie leid. An diesem Wort vom Kreuz und dem Ostergeschehen scheiden sich Glaube und menschliches Wissen. „Denn es steht geschrieben: ‚Ich will zunichtemachen die Weisheit der Weisen, und den Verstand der Verständigen will ich verwerfen‘“ [1. Kor 1,29] schreibt Paulus und zitiert Jesaja [29,14].

Hier, beim Wort vom Kreuz, ist Schluss mit der menschlichen Endkontrolle, seinem Wunsch und Willen, über alles, aber doch wenigstens über sich selbst Herr zu sein. Hier muss ich mich auf das verlassen, was ich in seiner Tiefe und Größe nicht verstehe. Hier muss ich die Instrumente der Selbstbestimmung aus der Hand legen. Nur so kann ich das Unfassbare fassen. Wenn ich dort angekommen bin mit meinem Forschen, Fragen und Denken, ist dieser Moment gekommen, auf den es ankommt, der kairós. Dann heißt es Buße tun, will sagen metánoia: umdenken und umkehren zu Gott, dem Unfassbaren, dem Ewigen und Barmherzigen. Und dann münden Buße und Umkehr in Jubel und Freude. Darum: Jubilate! Jubelt!

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.