Andacht zum Wochenspruch am Sonntag Judika

„Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben als Lösegeld für viele.“ | Mt 20,28

In einer dritten Klasse fragt der Lehrer die Kinder, was sie später mal werden wollen. Während sich die sonst eher mitteilungsfreudigen Mädchen zurückhalten, sind die Jungs eifrig dabei. Kühne Wunschvorstellungen werden geäußert, Traumberufe und Karrieren skizziert. Bis einer sagt: Ich werde mal Chef!
Der Lehrer, erstaunt über diese Meldung, fragt den Schüler: „wie stellst du dir denn ein Leben als Chef vor?“ „Halt einfach der Boss sein.“ Untergebene nach Herzenslust rumkommandieren, ein tolles Haus haben, viele schnelle Autos, nichts arbeiten müssen und trotzdem viel Geld verdienen, ein Leben in Saus und Braus.
Hinter solchen abgehobenen frühkindlichen Lebensentwürfen steckt zuweilen der Ehrgeiz der Eltern, die aus ihrem Sprößling was besseres machen wollen, die ihm den Platz ganz oben in der Gesellschaft schon mal mit Vitamin B reservieren wollen, oder, falls man die nicht hat, mit dem Handtuch, damit sich kein anderer draufsetzen kann.
Solche Allmachtsphantasien und Träume bei jung und alt gibt es wohl schon, solange es Menschen gibt.

Im Matthäus-Evangelium im 20. Kapitel wird auch so ein Beispiel erzählt:
20 Da trat zu ihm die Mutter der Söhne des Zebedäus mit ihren Söhnen, fiel vor ihm nieder und wollte ihn um etwas bitten. 21 Und Jesus sprach zu ihr: Was willst du? Sie sprach zu ihm: Lass diese meine beiden Söhne sitzen in deinem Reich, einen zu deiner Rechten und den andern zu deiner Linken. 22 Aber Jesus antwortete und sprach: Ihr wisst nicht, was ihr bittet. Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinken werde? Sie sprachen zu ihm: Ja, das können wir. 23 Er sprach zu ihnen: Meinen Kelch werdet ihr zwar trinken, aber das Sitzen zu meiner Rechten und Linken zu geben steht mir nicht zu. Das wird denen zuteil, für die es bestimmt ist von meinem Vater. 24 Als das die zehn anderen Jünger hörten, wurden sie unwillig über die zwei Brüder. 25 Aber Jesus rief sie zu sich und sprach: Ihr wisst, dass die Herrscher ihre Völker niederhalten und die Mächtigen ihnen Gewalt antun. 26 So soll es nicht sein unter euch; sondern wer unter euch groß sein will, der sei euer Diener; 27 und wer unter euch der Erste sein will, der sei euer Knecht, 28 denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben als Lösegeld für viele.

Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene.
Auf diesen ersten Teil des Wochenspruchs möchte ich eingehen.

Warum ist diese Aussage so wichtig? war die erste Frage, die mir zu diesem Text in den Sinn kam.

Wenn ein Herrscher, ein Chef, ganz klar weiß, wo es hingeht und nur das Gute für seine Leute im Sinn hat, ist das doch in Ordnung. Darf er dann nicht auch mal ein bisschen streng sein und befehlen? Gibt es nicht auch Menschen in Führungspositionen, die mit Bedacht und Weitblick die Geschicke Ihrer Firma lenken, ohne sich irgendwelche Vorteile zu sichern? Dürfen die dann nicht auch mal unpopuläre Befehle durchsetzen, wenn sie letzten Endes dem Wohl ihrer Firma dienen?

Sehen wir uns die Geschichte mit den Jüngern nochmal an.
Eine Frau tritt zu Jesus, weil sie ein Anliegen hat. Sie kommt auch sofort zur Sache, als nutze sie den kurzen Augenblick, den Jesus für sie übrighat. Als Mutter zweier Söhne wünscht sie sich von Jesus, dass er ihrem Nachwuchs im Himmel zwei bevorzugte Plätze freihält. Dass er sie befördert auf eine Spitzenposition.
Jesus antwortet nicht der Mutter, sondern wendet sich dierekt an die beiden Jungs, die sich bis dahin hinter ihrer Mama versteckt hielten: „seid ihr dieser Aufgabe überhaupt gewachsen? Das ist ein harter Job, der viel von euch verlangt. Schafft ihr das?“
„Na klar! Logo!“

Merken die beiden, wie sie sich gerade maßlos selbst überschätzen? Wie sie den Ernst und die Tragweite ihrer Wünsche überhaupt nicht überblicken?

Die anderen Jünger haben mitbekommen, was hier gespielt wird. Da versuchen zwei, die eigentlich zur Gruppe gehören, heimlich an den anderen vorbeizuziehen und sich an die Spitze zu stellen.
Mit Inkompetenz, Selbstüberschätzung, Mauschelei und dem unbedingten Willen, eigene Interessen auf Kosten anderer durchzusetzen, wollen die beiden Karriere machen.
Damit sprengen sie die Gruppe, die Gemeinschaft droht daran kaputt zu gehen.

Nein, so geht das nicht!
Jesus hebt nun die Stimme, es wird ganz ruhig im Raum, und er sagt ein bisschen lauter, so dass es alle hören können:
Ihr wisst: Die Herrscher der Völker unterdrücken die Menschen, über die sie herrschen. Und die Machthaber missbrauchen ihre Macht. Doch so soll es unter euch nicht sein! Wer von Euch der Erste sein will, der sei euer Diener.

Nur, wer dienen kann, wer seine Interessen dem Gemeinwohl unterordnet, wer mit anpackt und sich für nichts zu schade ist, wer nicht kneift, wenn es brenzlig wird, der hat das Zeug zum Chef. Darin soll sich die Gemeinschaft Jesu Christi unterscheiden von den Machtgefügen in der Welt. Jesus selbst hat es uns vorgelebt: denn der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben als Lösegeld für viele.

Warum ist diese Aussage so wichtig? erinnere ich mich an die eingangs gestellte Frage.
Weil sie uns hilft, unsere Position in dieser Welt immer wieder zu überdenken und daran mitzuwirken, dass unsere Gemeinschaft das Wohl aller im Blick hat.

Dorothea Lindenberg

Gebet

Guter Gott, du hast deinen Sohn zu uns in die Welt geschickt, nicht als Herrscher, sondern als Diener. Jesus hat uns vorgelebt, wie gute Gemeinschaft entstehen kann. Eine Gemeinschaft, in der Nächstenliebe das wichtigste Gebot ist.
Lass uns in dieser schwierigen Zeit an die denken und denen helfen, die in existienzielle Not geraten sind.

Wir neigen dazu, jede neue Corona-Empfehlung zu hinterfragen und zu diskutieren. Dabei interpretieren wir die Regeln auch gerne mal so, dass unsere eigenen Interessen dabei gut wegkommen.
Gib uns Geduld und Einsicht in dieser Krise. Lass uns verantwortlich handeln.
Gib den Politikern Kraft und lass sie kluge Entscheidungen treffen, die nicht gesteuert werden von den Interessen Einzelner.
Sei du bei den Unterdrückten dieser Welt, die unter Machtmissbrauch leiden. Gib ihnen Hoffnung auf ein freies Leben.
Sei du mit den Kranken und Sterbenden. Lass sie deine Nähe spüren und darin Trost finden.
Amen.