Christvesper
Evangelische Emmausgemeinde Eppstein
Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

In diesem Jahr sind die Weihnachtsmärkte voll. Alle Gelegenheiten, sich in Gemeinschaft zu treffen werden gerne genutzt, ja selbst die Gottesdienste der letzten Wochen waren gut besucht. Es scheint, wir haben etwas nachzuholen. Entbehrung lässt die Sehnsucht wachsen. Wir haben das Erlebnis von Gemeinschaft entbehrt. Wir waren oft genug auf uns selbst zurückgeworfen. Zu den berechenbaren Kosten der Pandemie kommen die Unbezahlbaren hinzu. Es sind vor allem die seelischen Folgen, unter denen vor allem Kinder, Jugendliche und Alte zu leiden haben.

Nun endlich ist Weihnachten. Eine Hochstimmung macht sich breit. Sie transportiert Zuversicht und Hoffnung. Ich behaupte ja, dass das nicht in erster Linie am Glühwein liegt, sondern an der Weihnachtsbotschaft: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude!“ Das Kind wird geboren, auf dem große Hoffnungen ruhen. In gewisser Weise gilt das für jedes Kind, das geboren wird. Es steht für die Zukunft, ihr menschliches Antlitz und für ihre Offenheit. Wie Dürstende, die sich lange nach einem Schluck vom kühlen Nass gesehnt hatten, nehmen wir die Weihnachtsbotschaft und das, was sie mit uns macht, in uns auf. Sie führt uns zusammen in den Familien, Freundeskreisen und Gemeinschaften unseres Lebens. Singend teilen wir uns mit und teilen, was uns jetzt verbindet. Das Heil wird uns geschenkt, es ist nicht unsere Aufgabe und liegt nicht in unseren Möglichkeiten, es ins Werk zu setzen. So schafft die Weihnachtsbotschaft eine Befreiung. Lasst euch beschenken!

Nun aber bangen ungezählte russische und ukrainische Mütter um ihre Kinder. Ihre Söhne fallen in einem Krieg, der vom Zaun gebrochen und zuvor eiskalt geplant wurde. Auf beiden Seiten haben bislang geschätzt an die 100.000 Soldaten ihr Leben verloren. Ungezählte Zivilisten, Kinder, Frauen und Alte haben in die Gesichter ihrer Peiniger gesehen und darin das Menschliche vermisst. Uns alle trifft dieser Krieg, in dem es um mehr geht als um die Quadratkilometer gewonnenen oder verlorenen Terrains. Uns alle trifft dieser Krieg, weil seine Folgen in unsere Lebensgestaltung eingreifen. Wir werden ärmer (und sind doch immer noch vergleichsweise reich). Wir müssen sparen und sind es häufig nicht gewöhnt. Und wir sehen unsere offene Gesellschaft verdeckten und offenen Angriffen ausgesetzt und müssen uns angesichts des Krieges fragen: In welcher Gesellschaft wollen wir leben und was haben wir für sie übrig?

Wir sind irritiert. Unsere Vorstellungen von der Welt, vom Umgang der Staaten miteinander, vom Recht und besonders dem, was jedem Menschen zusteht, sind erschüttert oder gar über den Haufen geworfen worden. Am 24. Februar sind wir in einer anderen Welt aufgewacht als die, die wir bis dahin kannten. Seitdem sehen wir die Fratze der Gewalt, der Brutalität und einer unvorstellbaren Gewissenlosigkeit.

Nicht genug damit: Die Klimaforscher sagen uns, „ihr werdet euch noch wundern“, denn unser Lebensentwurf selbst trägt zur weitreichendsten Veränderung der Welt bei, deren Folgen wir kaum absehen können auch wenn uns das eine oder andere Phänomen in diesem Jahr zu denken gab.

Klima, Corona und Krieg – drei Gründe, einem das Fest zu verderben.

Das würde gelingen, wenn dieses Fest nichts anderes im Sinne hätte als uns, unsere Erfolge und offensichtliche Großartigkeit zu feiern. Die Weihnachtsgeschichte, so wir sie denn an uns heranlassen, macht uns einen Strich durch die Rechnung. Sie erlaubt es nicht, dass wir ohne jedes Einfühlungsvermögen die in zerbombten Behausungen frierenden Menschen verdrängen. Und auch nicht, dass wir gleichgültig hinnehmen, wenn schon jetzt ganze Landstriche im Meer versinken und mit ihnen die Lebensgrundlage unzähliger Menschen.

Die Weihnachtsgeschichte erinnert uns an unser Menschsein. Wie wir selbst auf die Welt kamen, verletzlich und bedürftig. Welches Geschenk dieses Leben ist und all die ihm innewohnenden Möglichkeiten, zu fühlen und zu denken, zu sehen, zu hören und zu schmecken.

Und diese Geschichte bringt uns dazu, dass wir uns herabbeugen zu dem Kind in der Krippe, dass wir uns eben nicht großmachen müssen, sondern in dem kleinen Menschen den Höchsten erkennen.

Nach allem, was war oder eben auch nicht sein konnte, erst recht. Wir müssen Weihnachten feiern. Auch, um standzuhalten gegen den Willen der Unterwerfer, gegen die Hoffnungslosigkeit und gegen jede Versuchung, den Pakt mit dem Teufel zu schließen.

Wir müssen Weihnachten feiern, damit die guten Begegnungen, die wohltuenden Erfahrungen, die Freude und der Genuss uns stärken und wir spüren und leben: Die Hoffnung erschöpft sich nicht.

Dankbar schauen wir in die Krippe und auf das Kind, in dessen menschlichen Antlitz sich das unseres Nächsten spiegelt. Dann spüren wir, wie sich aller Unruhe und allen Widrigkeiten zum Trotz der Friede einstellt, der auf Erden ist „bei den Men-schen seines Wohlgefallens“.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.