Text: Hes 34,23–31
Thema: Gott greift ein
Ev. Emmausgemeinde Eppstein
Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

In den tausend Spiegeln scheint das milde Licht der Kerzen wider, in den abertausend Kristallen der Lüster bricht es sich, während die festliche Gesellschaft es sich wohl sein lässt. Bei Hofe in Versailles scheut man keine Kosten für Vergnügen und Abwechslung. All das Licht braucht, wer sprichwörtlich im besten Licht erscheinen will – und darauf kommt es bei Hofe an.

Die junge Habsburgerin Marie-Antoinette, seit 1774 Königen von Frankreich, hat genug im Scheinwerferlicht gestanden. Jetzt sehnt sie sich nach Intimität. Das im großen Park von Versailles ein wenig abseits gelegene Petit Trianon ist geeignet, dafür den rechten Rahmen zu geben. Marie-Antoinette spielt dort und im Park die Schäferin. Zum Spiel gehören gewiss auch die Schäferstündchen, sei es im extra errichteten Hameau de la Reine, einem Dörfchen, das als Quartier für ein idealisiertes Landleben dient, sei es in den verwunschenen Winkeln des Parks.

Aber eine Schäferin ist noch lange keine Hirtin, geschweige denn eine gute Hirtin. Das gilt nicht weniger für Hirten – auch solche mit dem Krummstab. Wenn die eigenen Interessen weit vor denen der Herde rangieren. Wenn vertuscht und betrogen wird. Wenn Leute, die vorgeben dem Gemeinwesen (pólis) zu dienen, sich selbst daran bereichern und dann noch die Frechheit besitzen ihren obszönen Reichtum zur Schau zu stellen. Wenn die Korruption Urständ feiert, dann ist selbst die schönste Nebensache der Welt durch ihre Funktionäre blamiert.

Es gibt viele Hirten, und viel zu viele Schlechte. Kein Wunder, dass es auch so etwas wie die Sehnsucht nach einem guten Hirten gibt. Hesekiel, ein Prophet des Exils, ist einer, der solcher Sehnsucht Ausdruck verleiht. Im 34. Kapitel lese ich: „Und ich will ihnen einen einzigen Hirten erwecken, der sie weiden soll, nämlich meinen Knecht David. Der wird sie weiden und soll ihr Hirte sein.“ [Hes 34,23]

War der Text nicht gut aufgehoben im Zusammenhang mit dem Bild des Guten Hirten, das am Sonntag Miserikordias Domini, kurz nach Ostern im Mittelpunkt steht? Nun wurde der Text der Christnacht zugewiesen. Der ist freilich ein gewisser „Stallgeruch“ nicht abzusprechen. Das Kind im Stall, dem im Laufe der himmelshellen Nacht Hirten entgegeneilen, die des nachts ihre Herden weideten. Ja, ein guter Hirte ist immer für seine Herde da und, das ist wichtig, auch für jedes einzelne Schaf.

Zurück zu Hesekiel. Der sieht im Auftreten des einen Hirten, jemanden, der auf einer Linie mit dem König der Könige in Juda liegt. Das ist David, ein, wenn Sie so wollen, Urahne des Kindes in der Krippe. Dieser David ist zumindest in der weiteren Überlieferung eine Idealbesetzung als guter Hirte seines Volkes. Ein Prototyp. So einer wird bei Hesekiel angekündigt. „Der wird sie weiden und soll ihr Hirte sein“. Aber das ist nicht alles, was jetzt kommt, ist die Vervollkommnung, „und ich, der Herr, will ihr Gott sein.“ [Hes 34,24]

Mit Blick auf das Kind im Stall zu Bethlehem stelle ich eine Weiterentwicklung fest. Dieses Kind, das in der Linie des Königs David angekündigt wird, das stellt selbst die innigste Verbindung zwischen Mensch (also König) und Gott dar. Es ist der fleischgewordene Bundesschluss Gottes mit seinem Volk, überbietet so gesehen die Ankündigung Hesekiels: „Und ich will einen Bund des Friedens mit ihnen schließen“ [Hes 34,25].

Dass Frieden wird, ist eine tiefe Sehnsucht, die wir teilen. Wer das Töten und Morden in der Ukraine mitverfolgt, wird mit heißem Herzen um Frieden beten.

Jetzt, da der Krieg heiß ist, muten manche Diskussionen, zu Zeiten des Kalten Kriegs geführt, wie kalter Kaffee an. Das erhoffte Allheilmittel sind die offenen Gesprächskanäle nicht, sie waren es – leider – auch nicht in den Bemühungen, den Überfall zu verhindern. Auch die Vorstellung, ohne Waffen gäbe es keinen Krieg, verliert an Charme, wenn das nur für eine Seite gelten soll, übler Weise für die Überfallenen. Aber umgekehrt sehen wir auch, wer sich nur auf seine Waffen verlässt, wer Köpfe und Herzen nicht gewinnen – und das können gute Hirten – wird auch trotz aller Waffen keinen Erfolg haben. Und, das ist der Gipfel: Wer Unrecht ins Werk setzt, zerstört nicht nur der Anderen Land und Leben, sondern auch den inneren Zusammenhalt der eigenen Gesellschaft. Die wird verseucht vom allfälligen Unrecht und geht moralisch zugrunde.

Und wer den Pakt mit dem Teufel eingeht, dem blüht kein gutes Leben. Der wird niemals erleben, was der Prophet seinen Leuten im Exil ankündigt. Es ist ein ganzes Gemälde, das unsere Fantasie anregt. Das geschundene Land kommt im Bund mit Gott zur Blüte.

„25 Und ich will einen Bund des Friedens mit ihnen schließen und alle bösen Tiere aus dem Lande ausrotten, dass sie sicher in der Steppe wohnen und in den Wäldern schlafen können. 26 Ich will sie und alles, was um meinen Hügel her ist, segnen und auf sie regnen lassen zu rechter Zeit. Das sollen gnädige Regen sein, 27 dass die Bäume auf dem Felde ihre Früchte bringen und das Land seinen Ertrag gibt.“

Aber das reicht nicht. Frei nach Friedrich Schiller: „Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn der böse Nachbar es nicht will.“ [Tell in Wilhelm Tell IV/3] Eine Ordnung, die Bestand haben soll, muss garantiert werden. Hören wir wieder den Propheten: „und sie sollen sicher auf ihrem Lande wohnen und sollen erfahren, dass ich der Herr bin, wenn ich ihr Joch zerbrochen und sie errettet habe aus der Hand derer, denen sie dienen mussten. 28 Und sie sollen nicht mehr den Völkern zum Raub werden, und kein wildes Tier im Lande soll sie mehr fressen, sondern sie sollen sicher wohnen, und niemand soll sie schrecken.“

Dem Moskauer Patriarchen würden wir das gerne ins Stammbuch schreiben (und mehr als das), wenn er die Autorität seiner Kirche missbraucht und das Unrecht gutheißt.

Uns aber muss klar sein: Unterwerfung ist nicht dasselbe wie Frieden. Ein Frieden, der Unterwerfung voraussetzt, steht auf tönernen Füßen.

Ein Frieden, der hält, was er verspricht, folgt der Vorstellung des alten biblischen Textes: „Und ich will ihnen eine Pflanzung aufgehen lassen zum Ruhm, dass sie nicht mehr Hunger leiden sollen im Lande und die Schmähungen der Völker nicht mehr ertragen müssen.“ [Hes 34,29]

Die Israeliten werden diese Worte und Bilder aufgesogen haben, wie dürres Land den Herbstregen. Das wird so gewesen sein, obgleich sich an ihrer Situation unmittelbar nichts geändert hat. Es ist das helle Licht der Hoffnung, das hier entzündet wird. Es ist ein weihnachtliches Licht, das den Gläubigen in Erinnerung ruft, wer ihr Gott ist.

Der sagt: „Und sie sollen erfahren, dass ich, der Herr, ihr Gott, bei ihnen bin und dass die vom Hause Israel mein Volk sind, spricht Gott der Herr. 31 Ja, ihr sollt meine Herde sein, die Herde meiner Weide, und ich will euer Gott sein, spricht Gott der Herr.“

Jetzt ist er da. Als Kind in der Krippe, in der Begegnung mit dem anderen, dem Nächsten. Und er kommt wieder, um seinen Frieden zu vollenden. Recht und Gerechtigkeit sind seine Grundlage.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.