Gottesdienst für Familien mit Kindern

Liebe Kinder, liebe Eltern und Großeltern,

was haben wir für ein Jahr hinter uns!? Wenn uns das jemand vorher gesagt hätte, wir hätten es nicht glauben wollen. Und es wäre uns schwergefallen, uns vorzustellen, wie wir über Monate hinweg die Geißeln eines Virus sind.

Zeitweilig schien es so, als wären wir die Plage los, aber dann kam es wieder. Und wie! Uns jetzt sind wir im zweiten Lock down. Selbst zu Weihnachten schreibt das Virus das Drehbuch. Was morgen sein wird, ist längst nicht mehr so sicher, wie wir das gewohnt waren. Überhaupt, unser Sicherheitsgefühl wird einem dauernden Stresstest unterzogen.

Für unsere Vorfahren war das die Normalität. Je weiter wir in der Geschichte zurückgehen, desto mehr trifft das zu.

Als die beiden jungen Leute, Maria und Josef, von Nazareth in die Stadt der Vorfahren aufbrechen, ist das ein Aufbruch ins Ungewisse. Was tatsächlich kommt, können sie sich nicht vorstellen und nicht einmal ahnen.


Schon der Weg wird zum Wagnis. Maria ist hochschwanger. Wer weiß, wann sie niederkommen wird? Von den Gefahren, die unterwegs lauern, ganz abgesehen. Dunkle Gestalten gibt es überall und auch die Sorte Menschen, denen Wohl und Wehe der anderen gleichgültig ist. Hauptsache ich! Hauptsache mir!

Von den Krippenspielen vergangener Jahre ist mir die vergebliche Quartiersuche der beiden in Bethlehem in besonderer Erinnerung. Offenbar hinterlässt sie auch bei den Kindern einen tiefen Eindruck. In eine Frage gekleidet: Wie kann man nur Menschen, wie diese beiden, in ihrer Not alleinlassen?

Die Kleinen spüren, die Not der anderen ist auch unsere Not. Nicht allen leuchtet dieser Zusammenhang ein. Hätten wir selbst uns in den vergangenen Wochen vielleicht umsichtiger verhalten können? Hätten wir die Erschütterung, die vom Tod eines jeden Covid19-Patienten ausgeht, sensibler spüren müssen? Wie viel Not das einsame Sterben mit sich bringt. Wie viel Belastung dadurch für die Helfenden ausgeht, wie viel Trauer jeder Tod nach sich zieht, wie viele Ängste er auslöst.

Zu viele haben den anderen – es sind die besonders Gefährdeten – die Tür vor der Nase zugeschlagen. „Wir haben keinen Platz für euch in unserem Herzen.“

Aber da hinein will auch das Kind, das in der Weihnacht zur Welt gekommen ist, in unsere Herzen. Da will es unserer Furcht begegnen. Der Furcht vor Krankheit, Einsamkeit und Not, Leiden, Sterben und Tod. Da hinein will es das Licht der Weihnacht bringen, das die Schrecken des Dunkels vertreibt. Da will es uns stärken, dass wir anderen zum Halt und zur Stärkung werden: Da will es uns sanft bewegen, uns zu öffnen für das Glück und die Freude und ebenso für das Elend und die Not der anderen.

Was man kann, wenn man zusammenhält, das zeigt die seltsame Wohngemeinschaft des weihnachtlichen Stalls: Ochse und Esel, Maria und Josef, die Hirten und das Kind, in dem Gott Mensch wird, sind hier zusammen und bahnen dem Leben den Weg. Die Engel besingen es und einer deutet es für uns und unser aller Leben: „Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volke widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids.“ [Lk 2,10b.11] Amen.

Christvesper

Thema: Die Hoffnung kommt zur Welt

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Ein Kind kommt zur Welt. Es taucht ein in die Gefährdung des Lebens. Nackt und bedürftig liegt es da, hilflos und angewiesen auf die Fürsorge eines anderen. So ist der Mensch. Das will er nicht wahrhaben. „Kann ich selber“, ist einer der frühen Sätze, der das Bestreben auf den Punkt bringt. Immer mehr trifft das zu. Heranwachsend werden wir immer unabhängiger. Vielleicht hängen wir dann eine Zeit lang der Vorstellung an, wir brauchten niemand anders, der uns bewahrte. Das Neugeborene aber sucht instinktiv den Weg zur Bewahrung. Es findet sie bei denen, denen es vertraut. 

Mit dem Kind kommt eine Hoffnung zur Welt. Die ist stärker als alle Irritationen und Widerstände. Sie weiß oder ahnt die offene Zukunft. Das Kind wird laufen lernen, sprechen, schreiben und vieles mehr. Es wird erwachsen und selbständig. Wenn es gut geht, findet, spürt oder weiß es seine Bestimmung und geht ihr nach.

Für das Kind, an das wir heute erinnert werden, gilt das. Seine Bestimmung ist von Anfang an klar. Johannes findet eine Formel dafür: „Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit“ [Joh 1,14]. Nun gut, Worte gibt es viele, wie auch solche, die viele Worte machen. Hier aber in diesem Wort spricht der Schöpfer. Hier kommt das Wort Gottes als Mensch zur Welt. Dessen Gefährdung ist mit Händen zu greifen: Die Armseligkeit des Stalles, die Dunkelheit der Nacht, die Nachstellungen des Herodes. „Darf man denn Kinder in eine solche Welt setzen?“ Offenbar hat man’s getan – immer wieder. Vielleicht sind jetzt einige dabei – hier oder am Bildschirm, die wurden am Ende des 2. Weltkriegs in eine zusammenbrechende Welt geboren. Von Sicherheit oder Sorglosigkeit keine Spur. „Du sollst es besser haben.“ „Du sollst so was nicht nochmal durchmachen müssen.“ So haben vielleicht die Eltern gedacht und dabei jenen winzigen Funken Hoffnung zum Leuchten gebracht, der ihnen mit dem Kind geschenkt worden war.

Das Kind in der Krippe trägt diese Hoffnung in sich und mit sich in unsere Nacht. Die fühlt sich besonders dunkel an in diesem Jahr. Das hat uns alle mächtig angestrengt, manchen gar zugesetzt. Allabendlich, wenn wir die Zahlen hören, haben wir Leid und Tod vor Augen. Das geht uns an und das geht an uns. Kein Wunder, dass Sorgen sich zu Ängsten entwickeln. Wie Martin Luther einst sang, „mit unsrer Macht ist nichts getan“, so erleben wir uns oft in diesen Zeiten. Aber Luther singt bekanntlich weiter: „Es streit für uns der rechte Mann“. Dabei denkt er an den, der aus diesem Kind wurde. „Fragst du, wer der ist?“ Ja, wir fragen das. „Er heißt Jesus Christ, der Herr Zebaoth, und ist kein andrer Gott, das Feld muss er behalten.“

Gott selbst ist mit uns. Er ist an unserer Seite, wenn wir lachen und weinen, wenn wir leben und wenn wir sterben. Er gibt uns nicht auf. Das ist unser Glaube. Darauf vertrauen wir, wenn wir in den Gefährdungen des Lebens nach dem Weg der Bewahrung suchen. Gott schenkt uns seinen Sohn und in ihm seine Liebe. Mehr geht nicht. Mehr Liebe geht nicht. Wir wissen ja, sie geht für uns buchstäblich durch die Hölle. Sie schafft, was sonst unmöglich ist. Sie bahnt den Weg durch den Tod zum Leben.

Wo immer uns das abhanden zu kommen droht, sei es, weil wir vor lauter Tamtam diese Grundmelodie nicht mehr hören, sei es, weil uns Sorgen und Not zutiefst bedrängen oder sei es, weil wir sterben müssen, dieses Kind bleibt unsere Hoffnung.  Und statt, dass wir, wie einst Christophorus, das Kind durch die Gefahren tragen, trägt es uns.

Und wir verstehen den Ruf des Engels: „Fürchtet euch nicht, siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volke widerfahren wird, denn euch ist heute der Heiland geboren!“ [Lk 2,10f.]

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.