Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Jetzt sind wir wieder alle da. Alle Jahre wieder. Wir stehen das durch. Ganz wörtlich. Stehen, still Stehen – oder Sitzen – darf nach all dem Rennen und Hasten zuvor jetzt mal sein.

Von woher wir alles gekommen sind. Aus der Ferne zurück zu unserer Familie oder hin zu der, die es geworden ist oder wird. Eben noch waren wir im Labor, um noch zu wiegen und zu messen oder saßen an unserem Rechner. Aus der Schule hatten wir uns am Freitag in die Ferien verabschiedet, oder wir standen eben noch an der Kasse, während um uns das Weihnachtsgeschäft toste. Wir kommen aus der Küche, in der die nächste Speisenfolge vorzubereiten war. Oder von der Dienst-reise, die gerade noch rechtzeitig ihr gnädiges Ende fand. Aus dem familiären Trubel oder der Einsamkeit.So vielfältig sind die Zusammenhänge, aus denen wir hier zusammengekommen sind.

Das aber ist nicht alles. Wir führen hier verschiedene Lebensalter, ja, Generationen zusammen und deren unterschiedlichen Erfahrungshintergründe. Wir sind der Kirche Ferne und wir sind der Kirche Nahe. Wir sind Ausgetretene, (Willkommen zu unserem Fest!), Andersgläubige, Zweifelnde und Hoffende, Suchende und Satte.

So oder so, wir sind auf der Suche nach etwas.

Essen und Trinken allein, auch Haben und Besitzen ließen uns hungrig bleiben. Daran konnte auch die Tatsache nichts ändern, dass unsere Suche uns bis an die Enden der Welt reisen ließ. Wir, ich spreche von einem kollektiven Wir, wir bestaunten die schwindenden Gletscher von Feuerland bis Island. Wir durchwanderten einsame Täler von Bolivien bis Bhutan, ergötzten uns am bescheidenen Leben der anderen, bewunderten das Familienidyll viele Mitglieder zählender Sippen, konnten nicht genug kriegen von den dort gepflegten lebendigen Traditionen und Bräuchen und brachten so manches davon mit nach Hause. Die großen Attraktionen, die Natur und Kultur zu bieten haben, drängen sich auf unseren Festplatten oder fristen in der Cloud ihr ätherisches Dasein. Wir leben in einer globalisierten Welt.

Und jetzt? Wir sind immer noch hungrig, sind vielleicht sogar der Möglichkeit, immer alles zur Verfügung zu haben, überdrüssig und halten Ausschau nach dem Relevanten, nach dem Unverfügbaren. Sind nicht das geschenkte Vertrauen, die zugesprochene Vergebung, die empfangene Liebe, der sich offenbarende Glaube die wahren Aktivposten unseres Mensch-seins?

In dieser Weihnacht feiern wir die Geburt eines Kindes, das uns all das lehrt. Was es heißt, Vertrauen zu schenken, zu vergeben und so Frieden zu bringen, zu lieben, ohne daraus ein Geschäft zu machen, dem anderen den Himmel aufzuschließen. Wo finden wir dieses Kind?

Nicht in Bethlehem und schon gar nicht in unseren Glanz- und Glitzerwelten und nicht in dem Wahn der Veräußerung, der uns in die Äußerlichkeit zwingt.

Vielleicht zunächst in den alten überlieferten Texten, die uns eintauchen lassen in eine kollektive, Jahrhunderte überdauernde Überlieferung.

Vielleicht, indem wir unseren Platz einnehmen in der Reihe derer, die wachhalten, pflegen und überliefern, was auf sie gekommen ist.

Vielleicht, indem wir auf die Stimme, sie mag sehr leise sein, hören, die in uns ruft und fragt: Wo ist das Kind? Das Vertrauen schenkt, vergibt, liebt, ohne ein Geschäft daraus zu machen, dem andern den Himmel aufschließt?

Sind wir nicht schon weit gegangen? Haben wir nicht schon so manchen Stein umgedreht? So manche Theorie verfolgt? Erfolgsrezepte ausprobiert? Wieder verworfen? Und jetzt, jetzt sollen wir auf eine leise Stimme hören, die ruft und fragt: Wo ist das Kind?

Hören wir aber so in uns hinein, wird uns auch deren Echo nicht entgehen: Wer bist du? Kommst du noch zu dir? Bist du noch deiner selbst bewusst? Weißt du noch, wo du herkommst und wo du hingehörst? Zeit der Vergewisserung.

Dann hat das Kind, nach dem wir suchen, schon die Verbindung zu uns aufgenommen. Denn dieses Kind, dieser Jesus lehrt uns, was es heißt Mensch zu sein.

Von sich geben oder gar sich hingeben, Liebe schenken, ohne dafür etwas bekommen zu wollen, den andern annehmen, wie er ist mit all seinen Ecken und Kanten, im Du des andern das eigene Ich finden.

Das alles ist da. Es ist in uns. Heute ist der Tag, sich das bewusst zu machen und zu feiern: Gott wird Mensch, wohnt uns inne, legt eine Spur, der wir folgen können. Und die führt uns durch alle Höhen und Tiefen des Lebens und weit darüber hinaus, weit über den Horizont unserer Zeit und unserer engen Grenzen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.