Text: Sacharja 2,14-17

Thema: Wohngemeinschaft

Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

„Freue dich und sei fröhlich, du Tochter Zion!“ [Sach 2,14] so beginnt der Predigttext in dieser Christnacht. Der Ton trifft unsere Erwartungen. Die sind eher hochgestimmt, allenfalls leicht ermattet angesichts der anhaltenden Feierlaune. Es ist schließlich Weihnachten. Das Fest der Familie. Ist es das? Das Idyll von Bethlehem legt das doch nahe. Eine junge Familie sehen wir da, tagende Himmel und singende Himmelschöre, eilende Hirten und in warmem Licht das Kind in der Krippe. Nach und nach haben sich die Protagonisten eingestellt, fast so wie in unseren Familien, in denen sich die Beteiligten, von verschiedenen Richtungen her kommend, eingefunden haben.

„Freue dich und sei fröhlich, du Tochter Zion! Denn siehe, ich komme und will bei dir wohnen, spricht der HERR“ [Sach 2,14]. Der Prophet Sacharja nennt den Grund für die Aufforderung zur Freude. Der Herr kündigt sein Kommen an, er will bei den Seinen wohnen.

Wer sind die Seinen? Für Sacharja ist die Frage leicht zu beantworten. Es ist das Volk, das fast drei Jahrzehnte an den Ufern von Euphrat und Tigris ausgeharrt hat. Zu kurz ist das, um alles, was war, zu vergessen – wer wüsste das besser als viele Menschen in unserem Land, die vor 30 Jahren den Fall der Mauer erlebt haben? Und zu lang ist, als dass die Zeit in der Fremde nicht ihre Spuren hinterlassen hätte. Man hätte meinen können, dass das Volk seinen Traditionen, seinem Glauben, seinem Gott untreu geworden wäre. Das mag im Einzelfall auch vorgekommen sein, hatte ja vielleicht auch den einen oder anderen Vorteil.

Traditionen, Konventionen, Bräuche, Regeln können einengen und freie Entfaltung hindern. Im ungünstigsten Falle machen sie den Verstand und das Herz eng. Die Israeliten zeigen einen anderen Weg. Ja, sie halten fest an ihrem Gott und ihren Geboten. Jetzt vielleicht sogar bewusster und mit größerer Hingabe, als das vor dem erzwungenen Exil der Fall war. Als hätten sie begriffen, dass genau das ihre Chance ist, die Wegführung in die Fremde zu überstehen, ohne sich selbst zu verlieren. Aus dem Exil heraus entsteht eine theologische Schule, vielleicht kann man das so sagen, in der die Überlieferungen und Übereinkünfte der jüdischen Glaubensgemeinschaft gepflegt werden. Auch Sacharja kommt aus dem Kreis der Priester aus besagter Schule.

„Wir können zurück“, das ist die gute Nachricht für die Exilanten. Zurück wohin? Die Tochter Zion kann nach Hause kommen, zurück nach Jerusalem. Eine wahre Jerusalem-Renaissance bricht an.

Was wird das für ein Ort sein? Sacharja spricht im Sinne der Tradition und sagt: „Und der HERR wird Juda in Besitz nehmen als sein Erbteil in dem heiligen Lande und wird Jerusalem wieder erwählen“ [Sach 2,16]. Das klingt fast nach Restauration. Alles wird, wie es einmal war. Von wegen!

Wenige Verse zuvor beschreibt der Prophet eine Vision. Ein Engel einem, der schon begonnen hat, die neue Stadt zu vermessen, sagt: „Jerusalem soll ohne Mauern bleiben wegen der Menge der Menschen und des Viehs, die darin sein werden“ [Sach 2,8]. Das ist übrigens das Leitbild unserer Gemeinde, das unter anderem in der Gestalt dieses Hauses Ausdruck gefunden hat: Das Jerusalem ohne Mauern.

Dorthin kommt Gott zu wohnen, kündigt Sacharja an. Und „es sollen zu der Zeit viele Völker sich zum HERRN wenden und sollen mein Volk sein, und ich will bei dir wohnen“ [Sach 2,15]. Da zeigt sich eine neue Hoffnung, ausgehend von der alten Tradition, gebundene Gedanken, die aber doch den gewohnten Rahmen überschreiten. Die Stadt auf dem Berg, Jerusalem, wird eine Stadt ohne Mauern sein, offen für alle, die diesem Herrn folgen wollen.

Gott kommt zu wohnen, das ist aus unserer Sicht das weihnachtliche Motiv. In der Offenbarung des Johannes taucht es am Ende der Zeit wieder auf. „Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen…“ [Offb 21,3]

Was das heißt, sehen wir in auch in der Weihnacht und in den Krippenspielen immer wieder aufgegriffenes Motiv: Kaum, dass Platz ist für den Höchsten. Im Stall kommt er zur Welt, „denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge“ [Lk 2,7] In Bethlehem herrschen Berliner Verhältnisse. Der Platz ist knapp. Der Platz für fremde Ankömmlinge erst recht.

Und wie wär’s bei uns, wollte Gott da einziehen? Bevor wir jetzt unsere Wohnverhältnisse durchgehen, bei uns, das meint ausdrücklich bei uns, bei dir und mir und nicht nur in den Räumlichkeiten, die wir zum Wohnen nutzen.

Ist in unserem Leben dafür Platz? Oder wie viel Platz sind wir zu geben bereit? Einmal im Jahr das nächtliche Stündlein? Oder doch öfter? Täglich? Auf Dauer? Und wie viel haben wir für ihn übrig? Den Zehnten? Oder 9 % auf die Einkommenssteuer? Oder das auch nicht?

Mir kommt manchmal vor, als sei mein Leben vollgestellt mit allerlei Kram. Wie ein Haushalt, der ab und zu entrümpelt werden muss. Vielleicht sind die Fastenzeiten gute Gelegenheiten aufzuräumen und klar Schiff zu machen und Prioritäten zu setzen. 

Aber da gibt es noch eine Schwierigkeit. Ich möchte nicht mit jedem zusammen wohnen. Ich möchte den kennen, der bei mir einzieht. „Da kann ja jeder kommen!“ „Ja, wo leben wir denn?“ wird von der Seite kommentiert.

Kennen wir den, dessen Einzug Sacharja ankündigt? Wir ja, zumindest könnten wir ihn kennen, vielleicht sogar besser als die heimkehrenden Exilanten. In Jesus könnte er uns ein vertrautes Gegenüber geworden sein. Und wir könnten uns mit ihm vertraut gemacht haben. Auf den, der uns so weit entgegengekommen ist, unsererseits ein paar Schritte zugegangen sein.

Aber selbst dann nimmt uns dieses Kommen in Anspruch. Denn wenn Gott kommt, muss sich einiges ändern. Auch bei mir selbst. Aufräumen ist angesagt, mehr als Staubwischen. Eine innere Umkehr mit allen Konsequenzen. Was das bedeutet? Bestimmt noch mehr als eine Bepreisung der Tonne CO² mit 50 €.

Sacharja fordert: „Alles Fleisch sei stille vor dem HERRN; denn er hat sich aufgemacht von seiner heiligen Stätte!“ [Sach 2,17]

Ehrfürchtiges Schweigen. Gespannte Erwartung angesichts der Begegnung des Vergänglichen mit dem Ewigen. Nicht alles, dass einem der Atem stockt.

Den einmal anhalten, den Fliehkräften der Beschleunigung, die unsere Lebensgestaltung ergriffen haben, für jetzt, wenigstens das, zu entkommen, auch deshalb sind wir hier.

So verbinden sich in dieser Nacht klingende Freude und ehrfurchtsvolles Schweigen. So ist das, wenn Gott kommt.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.