Ewigkeitssonntag

Text: Joh 5,24–29

Thema: Ruf ins Leben

Ev. Emmausgemeinde Eppstein

Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Wir sind mit Jesus durch Jerusalem gegangen. Eben noch waren wir am Teich Betesda und wurden Zeuge, wie einer, der seit Jahren, 38, um genau zu sein, dort krank gelegen hatte, gesund wurde. Wenn Sie mich fragen, wie das zugegangen sein soll, kann ich nichts anderes erkennen, als das, was Johannes im 5. Kapitel aufgeschrieben hat. Der Mann hört Jesus sagen: „Steh auf, nimm dein Bett und geh hin!“ [Joh 5, 8], und er steht auf, nimmt sein Bett und geht. Bevor wir nun über die Macht des Wortes reden und erst recht über die Vollmacht des Messias, beeindruckt uns doch wohl zuerst das Zutrauen, das der Kranke Jesus entgegenbringt. Das zieht in geradezu hinan, so dass er aufstehen kann. Und dann bricht er in sein neues Leben auf. Und nichts hält ihn auf, dem Wort Jesu Folge zu leisten. Drum trägt er auch unverdrossen sein Bett mit sich, obwohl das am Sabbat verboten ist. Was soll’s, der Herr hat’s gesagt, also mache ich das. Was er sagt, ist wichtiger als alles, was ihn den alten Büchern steht. Drum geht der Erlöste zuerst zum Tempel hinauf, um Gott zu danken.

Dort oben sehen wir wenig später auch Jesus. Der weiß, dass seine Gegner sein Handeln argwöhnisch beobachten. Er behaupte, „Gott sei sein Vater, und machte sich selbst Gott gleich“ [Joh 5,18]. Jesus stellt klar: „Der Sohn kann nichts von sich aus tun, sondern nur, was er den Vater tun sieht; denn was dieser tut, das tut in gleicher Weise auch der Sohn“ [Joh 5, 19]. Seine Vollmacht rührt aus dem besonderen Verhältnis, das er, der Sohn, zum Vater hat. Und aus dieser Vollmacht heraus spricht er uns an: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben und kommt nicht in das Gericht, sondern er ist vom Tode zum Leben hindurchgedrungen“ [Joh 5,24].

Hören und glauben. Was haben wir nicht schon alles gehört. Darunter viel gut gemeinte Ratschläge, aufmunternde Worte, aber auch Unpassendes.


„Nur wer vergessen ist, ist wirklich tot.“ „Mit dem Leben ist es, wie mit einem Theaterstück: es kommt nicht darauf an, wie lang es war, sondern wie bunt.“ „Entfernung ist nichts. Sich nah zu sein ist eine Sache des Herzens.“ Das alles ist gut gemeint, aber ändert es etwas an der Situation derer, die trauern? Wenn die dunklen Gedanken herangekrochen kommen. Wenn der abgrundtiefe Kummer einen aus der Fassung bringt. Wenn die Gedanken tiefer und tiefer bohren und doch keinen Grund finden. Wenn einem selbst das Leben abhandenkommt, weil die Kraft fehlt, die Todesgedanken zu überwinden. Wenn manchmal einem der Tod näher ist als das Leben.

Dann, ja, dann brauchten wir einen, der zu uns spräche: „Steh auf, nimm dein Bett und geh hin!“

Auf dem Weg durch die Stadt sehen wir an den Wänden immer wieder bunte Graffiti. Arabisch oder hebräisch – der Sinn bleibt uns verborgen. Vielleicht ist darunter auch das eine zu finden, das einen Wunsch verkündet: „Möge uns der Tod lebendig finden und das Leben uns nicht tot.“ Lesen wir das, so verstehen wir ganz unmittelbar, was Jesus gemeint hat, als er sagte: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben und kommt nicht in das Gericht, sondern er ist vom Tode zum Leben hindurchgedrungen“ [Joh 5,24].

Die Zeitenfolge ist erstaunlich. Hören und glauben ereignen sich in der Gegenwart und was daraus wird, das auch: „der hat das ewige Leben.“ Wer glaubt, „der hat das ewige Leben“. Jetzt, nicht irgendwann, einst, hinter den sieben Bergen. Und „er ist vom Tode zum Leben hindurchgedrungen.“ Perfekt. Abgeschlossene Vergangenheit. Als spielte die Ordnung der Zeiten keine Rolle mehr in diesem Moment, indem Gott dich anspricht und du ihn hörst und ihm folgst. Als sei in diesem Jetzt schon die Ewigkeit zuhause.

Der Glaube wirkt beides, das ewige Leben und das Hindurchgedrungen-Sein vom Tod zum Leben. Aber bitte, nicht irgendein Glaube, ein „Für-wahr-Halten“, das nicht, sondern der Glaube, der aus dem Hören auf das Wort des Herrn folgt. So wie wir es am Teich Betesda gesehen haben: „Steh auf, nimm dein Bett und geh hin!“, sagt Jesus, und die Erstarrung des Gelähmten löst sich in Bewegung.

Im Glauben steckt die Kraft, die den Tod aus unserem Leben hinaustreibt – und ein anderes Wort für Glauben, das ist Ver-trauen. Das Vertrauen auf den, von dem alles Leben ausgeht und erhält, entmachtet den Tod. Wer Gott vertraut, hat also schon das ewige Leben, das Leben, das keinen Tod mehr kennt – das ewige Leben kommt dann nicht mehr, muss nicht mehr erst noch werden und entstehen, sondern es ist schon da. Einfach da.

Paulus kann darum an die Korinther schreiben: „Der Tod ist verschlungen in den Sieg. Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg?“ [1. Kor 15,55]

Wer Jesu Wort hört und glaubt dem, der ihn gesandt hat, der tritt in eine Gemeinschaft ein, die nicht mehr an die Zeit gebunden ist. In ihr, so kann ich es nur unbeholfen ausdrücken, sind gestern und morgen jetzt.

Und in dieser Gemeinschaft, das Apostolische Glaubensbekenntnis spricht von der „Gemeinschaft der Heiligen“, sind wir verbunden mit denen, von denen wir Abschied nehmen mussten. Das stellt unserer Trauer über das Fehlen unseres vertrauten und geliebten Gegenübers, über unsere oft bedrückend empfundene Einsamkeit, über das ungelebte Leben eine starke Stimme an die Seite. Die ruft uns zum Leben. „Steh auf, nimm dein Bett und geh hin!“

Jetzt. Jetzt, – im Vertrauen darauf, dass es ein Morgen gibt. Ein Morgen, an dem wir wieder das Geschenk des Lebens erhalten werden, weil Gott Leben gibt und bewahrt in schöpferischer, unendlicher, ewiger Fülle.

Im Vertrauen darauf, dass Gott Leben gibt und bewahrt, in beständiger Fülle, denken wir heute auch an unsere Verstorbenen – Gott, der ins Leben ruft, ruft auch sie – aus den Gräbern hinaus in einen neuen Morgen, in eine Gegenwart, in der der Tod der Energie des Lebens machtlos gegenübersteht. Und auch dieses Morgen ist nichts anderes als eine neue Gegenwart, ein neues Jetzt, in dem nichts anderes zu tun ist als eben zu leben – vertrauensvoll und geborgen.

Wenn du so lebst, dann ist es nicht der Tod, der Dich schreckt – das Einzige, was Dich dann noch schrecken kann, ist der Verlust Deines Vertrauens.

Wenn du so lebst, dann lebst du nicht auf den Tod zu, sondern auf das Leben. Heute. Hier und jetzt. Und morgen. Ewig.

Und der Friede Gottes, der höher ist, als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Menü schließen