Pfingstmontag
Text: 1. Kor 12,4–11
Thema: Ein Geist
Ev. Emmausgemeinde Eppstein
Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Elf Spieler einer Mannschaft laufen auf. Wir sind im Fußballstadion. Sie treffen auf eine andere Mannschaft. Im Spiel mit dem Ball wird es darum gehen Tore zu machen. Ist ja klar. Los geht’s. Am Spielfeldrand hat der Trainer seinen Platz. Immer wieder hält es ihn nicht und er springt auf. Mal reißt er die Arme hoch, mal hält er sich die Hände vor’s Gesicht, oft schreit er vom Spielfeldrand hinein. Die Spieler laufen, was das Zeug hält. Einer tut sich dabei besonders hervor, immer wieder entkommt er den Nachstellungen seiner Gegenspieler. Vor dem Tor ist es, als verließe ihn sein Können. Dafür steht da ein anderer, wir würden vielleicht sagen, ein Abstauber, der hat’s raus durch eine schnelle Drehung, ein langgestrecktes Bein oder einen dem Ball entgegengereckten Kopf, das Runde ins Eckige zu befördern. Ganz hinten muss der Torwart seinen Kasten sauber halten. Die Jungs aus der Abwehr helfen ihm dabei. Einer klebt geradezu an seinen Gegenspielern, lässt ihnen kaum Luft geschweige denn die Chance auf’s Tor zu schießen. Immer wieder gelingt es, den Ball an den abzugeben, der wie kein anderer den Überblick behält und das Spiel seiner Mannschaft aufbaut. Manchmal spielt er den Ball nach außen, wo einer alle Gegenspieler umrundet, dribbelt, was das Zeug hält und dann vom Rand her eine Flanke schlägt, die den Abstauber, Sie erinnern sich, mit traumwandlerischer Sicherheit erreicht. Eine gute Mannschaft ist da zusammen. Niemand ist verwundert, dass sie schnell in Führung liegt und oft als Gewinner vom Platz geht. Alle haben glänzend zusammengespielt. Einer hat dem anderen geholfen. Sie haben sich ergänzt, einander mitgerissen und angetrieben.

Aber es gibt auch die Spiele, wo auch dieser Mannschaft nichts gelingen will. Da kann der Trainer am Spielfeldrand machen, was er will. Jeder macht sein Ding und nichts passt zusammen. Könner sind sie immer noch, aber das nutzt nichts. Es läuft nicht. Hinterher ist von der „Einstellung“ die Rede, vom „Mannschaftsgeist“ und ähnlichen Dingen.

Als Paulus nach Korinth kommt, trifft er auf eine solche Mannschaft, es ist eine Gemeinde, allerdings eine, der lange Erfahrung fehlt. Er beobachtet wunderbare Talente, aber er sieht auch, dass wenig zusammenstimmt. Später schreibt er der Gemeinde einen Brief, jetzt ist er gleichsam der Trainer, der seine Mannschaft zum Erfolg führen möchte. Ganz wichtig ist ihm dabei, dass seine Leute ihre Rolle einschätzen lernen. Jeder soll verstehen und wissen, wofür er da ist. Gebraucht werden sie alle. Im 12. Kapitel schreibt Paulus:

1. Kor 12,4 Es sind verschiedene Gaben; aber es ist ein Geist. 5 Und es sind verschiedene Ämter; aber es ist ein Herr. 6 Und es sind verschiedene Kräfte; aber es ist ein Gott, der da wirkt alles in allen. 7 Durch einen jeden offenbart sich der Geist zum Nutzen aller. 8 Dem einen wird durch den Geist ein Wort der Weisheit gegeben; dem andern ein Wort der Erkenntnis durch denselben Geist; 9 einem andern Glaube, in demselben Geist; einem andern die Gabe, gesund zu machen, in dem einen Geist; 10 einem andern die Kraft, Wunder zu tun; einem andern prophetische Rede; einem andern die Gabe, die Geister zu unterscheiden; einem andern mancherlei Zungenrede; einem andern die Gabe, sie auszulegen. 11 Dies alles aber wirkt derselbe eine Geist, der einem jeden das Seine zuteilt, wie er will.

Ist da etwas dabei, was ich kann? werden sie sich in Korinth gefragt haben. Und einige hatten sich abgewendet, den schon oft gebrauchten Satz im Sinn: „Das kann ich nicht.“ Wir kennen den ja auch. Oft stimmt das auch. Wer sich selbst gut einzuschätzen weiß, kennt seine Möglichkeiten und Grenzen. Manchmal aber taugt der Satz auch dazu, sich aus der Verantwortung zu stehlen. Dann bin ich fein raus, sollen das doch die anderen machen. Schade, wenn eine solche Haltung einen hindert, zu entdecken, was man alles kann. Viel mehr als man dachte. Mit etwas Übung also doch den Felgaufschwung oder den Hefeteig oder die Herleitung der binomischen Formeln. Und wenn’s sein muss, wenn die Situation es erfordert ohne Wenn und Aber, dann kann jeder von uns können. Aber Paulus hat sicher auch die bemerkt, die kein Selbstzweifel kränkt, ja, die sich so klug wähnen und für so wichtig halten, dass immer, wenn sie auftreten, sie sich selbst im Mittelpunkt stellen. In Korinth machen solche Leute sich einen eigenen Reim auf das, was von Gott zu sagen ist. Die Sache mit dem Kreuz, empfinden sie womöglich als Peinlichkeit. Immerhin haben sie ja das Gewinnergen in sich. Kreuz, Leid und Tod Christi, wen soll man damit gewinnen? Inzwischen haben sich sogar kleine Gruppen in der Gemeinde gebildet, geschart um jeweils ihre Gallionsfigur. Sie haben begonnen ein Eigenleben zu entwickeln. Kaum dass sie noch das Ganze und die Gemeinschaft im Sinn haben. Und dann die Vergleiche untereinander. Wer gilt mehr? Wer ist wichtiger? Wer wird mehr beachtet? Nicht zu reden von den selbsternannten „Wahren“. „Wahre Christen“, „wahre Gläubige“, „wahre Könner“. Das alles wirkt wie Dynamit für die Gemeinde, obwohl, den Sprengstoff kennt man damals noch nicht. Aber Sie wissen, was ich meine.

Hinzu kommt, so gänzlich fremd sind mir, sind uns solche Erscheinungen nicht. Offenbar entwickeln Menschengemeinschaften derlei Phänomene. Die Analyse des Paulus hat das klar erkannt. Drum hält er den Korinthern entgegen, „es ist ein Geist, der da wirkt alles in allen“ [1. Kor 12,6].

Alle sind sie begabt. Alle haben ihre Gaben empfangen, und wir brauchen sie alle. So ist das auch bei uns. Wir brauchen die, die mit den Kindern die Welt entdecken und Fundamente des Glaubens legen. Wir brauchen die, die mit dem Geld umzugehen wissen und jene, die mit großer Aufmerksamkeit die Themen der Zeit aufgreifen. Die bei Menschen sitzen und zuhören können. Die trösten und ermuntern. Aber auch die, die das Unkraut – halt, die Wildkräuter – jäten oder das Haus in Schuss halten. Die Besuche machen, den Emmausblick austragen oder die, die ihn zuvor „gemacht“ haben. Die beten, Andachten feiern, Lesungen übernehmen, Reden halten, Menschen ansprechen und motivieren, musizieren oder kochen … – gut, das sind Beispiele genug. Und bitte, machen wir nicht den Fehler und bringen das alles in eine Hierarchie. Freuen wir uns, dass alle Menschen, die in der Gemeinde Jesu Christi wirken, beschenkte Menschen sind. Und weil ihre Gaben geschenkt sind, ist kein Platz für Hochmut oder Überheblichkeit. Denn „Dies alles aber wirkt derselbe eine Geist, der einem jeden das Seine zuteilt, wie er will“ [1. Kor 12,11].

Ich gebe zu, das hat auch eine Seite, die uns oft gar nicht schmeckt: Wir haben’s nicht in der Hand. Was der Geist wirkt, bestimmen nicht wir. Wie er wirkt, auch nicht. Der Geist ist nicht der Weihnachtsmann. Und noch was. Wir sind gerne stolz auf das, was wir tun und erreichen. „Hab‘ ich das nicht gut gemacht?“ Lobrede und Schulterklopfen wirken auf viele süß und verlockend. Aber gilt nicht, was Paulus an anderer Stelle sagt: „Wer sich rühmen möchte, der rühme sich des Herrn!“ [2. Kor 10,17]? Und das weiß auch schon Jeremia [Jer 9,24].

Woran Paulus gelegen ist, dass sich die Gaben der Begabten ergänzen, dass sie zusammenwirken, ja, -klingen, wie in einer großen Symphonie. Und dass ihr Thema nicht das Eigenlob, nicht die Eigenmächtigkeit und nicht das Ego wird, sondern das Lob Gottes. Wenn wir das aus den Augen verlieren, schießen wir ein Eigentor nach dem anderen, am Ende verlieren wir das Spiel. Und dafür hat Paulus ein eigenes Wort: Hamartia – die Verfehlung, man zielt und schießt daneben – „Sünde“ sagen wir üblicherweise dazu. Wir verfehlen unser Leben und den Auftrag, der in dem liegt, was uns geschenkt wurde. Heute ist der Tag daran zu erinnern: Es ist Gottes Geist, der uns geschenkt ist!

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.