Gottesdienst am Sonntag Exaudi

Text: Ps 27,7

Thema: Im „Zwischen“

Ev. Emmausgemeinde Eppstein

Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Eine Umzugserinnerung. Nach Jahren hieß es: „Packen! Wir ziehen um!“ Dann kam der Tag, an dem die Möbelpacker ganze Arbeit geleistet und Stück für Stück aus der Wohnung getragen haben. Die stand nun leer. Das wurde beim letzten Gang durch die Zimmer, ein Spaziergang durch die Erinnerungen. Wenig später, das Haus war verlassen, befand man sich auf dem Weg zwischen Gestern und Morgen. Zwischen. Das konnte eine freudevolle Erwartung auslösen oder auch die eine oder andere Sorge. Wie das wohl werden wird.

Als die Jünger nach Himmelfahrt heimkehrten, werden sie an vielen Stellen unterwegs und später zuhause sich daran erinnert haben, wie das war, als ER noch in ihrer Mitte war. „Weißt du noch…“ „Wenn ich damals geahnt hätte…“ „Ach, das war schön!“ Aber auch: „Dass wir das überstanden haben!“ „So wird das nie wieder.“ „Wie schade, dass das vorbei ist.“

Wir sind mit den Gefühlen der Jünger vertraut. Sie gehören zum Abschied dazu. Etwas Wehmut ist immer auch dabei. Peter Kreuder (* 18. August 1905 in Aachen; † 28. Juni 1981 in Salzburg) schrieb 1936 das Lied dazu:

[Einspielen der Melodie auf dem Flügel]

„Sag‘ beim Abschied leise Servus, und gibt’s auch kein Wiedersehen, einmal war es doch schön.“

Ja, man kann das „Servus“ ruhig leise sagen. Laut hilft nämlich nicht, es kommt, wie es kommt („es kütt, wie es kütt“). Nachdem es in den Jahren bis 1945 so gekommen war, wie es gekommen war, folgte einmal mehr eine Phase des „Zwischen“. Zwischen Krieg und Neuanfang im Zeichen der Währungsreform 1948. Man lebte zwischen Hoffen und Bangen. Auch wenn es ganz andere Ursachen hat, so sind wir gerade jetzt in einer Zwischenphase. Die Kontaktbeschränkungen wurden gelockert, das öffentliche Leben setzt wieder ein. Aber wie es sein wird, wenn die Welt wieder rundläuft, das wissen wir noch nicht genau. Was wird ganz anders bleiben, was werden wir aus den Zeiten vor Corona behalten? Wovon müssen wir uns dauerhaft verabschieden?

[Einspielen der Melodie auf dem Flügel]

„Sag‘ beim Abschied leise Servus, und gibt’s auch kein Wiedersehen, einmal war es doch schön.“

Aber auch in unseren eigenen Geschichten kennen wir das „Zwischen“. Nach dem Abitur und vor der weiteren Ausbildung. Nach dem Diplom und vor der ersten Stelle. Zwischen Polterabend und Hochzeitstag, Schwangerschaft und Geburt, Symptom und Diagnose oder auch Abschied und Neuanfang. Wenn wir dann auf den Lauf unseres Lebens sehen, werden wir gewahr, dass es für uns eine Folge von Abschieden und Neuanfängen gegeben hat.

[Einspielen der Melodie auf dem Flügel]

„Sag‘ beim Abschied leise Servus, und gibt’s auch kein Wiedersehen, einmal war es doch schön.“

Vielleicht lässt uns das auch ein wenig melancholisch werden, einen süßen Schmerz empfinden. Wir wissen ja, gerade das gehört zum Leben. Und wer leben will, kommt daran nicht vorbei, ja, unser Leben bliebe stehen und stecken, wenn es nicht diese Aufbrüche gäbe, die der Abschied von uns verlangt.

Nun sind wir in der besonderen und so erfreulichen Lage, dass jener Hauch von Fatalismus, der dem Kreuderschen Lied innewohnt, uns erspart bleibt. Ebenso wie den Jüngern.

Denn Jesus hat vorgesorgt. Er hat ihnen den Geist, den Tröster und Beweger, den Erhalter und Erneuerer, die Liebe und die Kraft Gottes verheißen. Davon wissen sie, das schon, aber sie haben ihn noch nicht in Kraft erlebt. Das kennzeichnet ihr „Zwischen“, und davon spricht der Sonntag Exaudi. Das legt sie gleichsam fest auf das Jetzt und seine Beschwer. Gibt’s wirklich noch was anderes? War’s das jetzt nicht?

Sie rufen mit dem Psalm [27,7] „Herr, höre meine Stimme, …, sei mir gnädig und erhöre mich!“ So tun wir’s auch immer wieder. Gerade, wenn wir den Überblick oder die Hoffnung verloren haben. Wenn uns dieses „Zwischen“ in die engen Kleider der Gegenwart zwängt und uns hinter Türen und Fenstern einschließt. Wenn uns der Abschied mehr abverlangt, als wir zu geben in der Lage sind, und uns ein Ausblick in die Zukunft verstellt scheint. „Herr, höre meine Stimme, …, sei mir gnädig und erhöre mich!“ [Ps 27,7] Verstrickt in dem, was uns Not macht, bleibt uns nichts anderes als der Ruf nach Gott und die Bitte, dass er uns hören möge.

Aber wenn wir so rufen, wenn wir uns wieder einmal in jenem „Zwischen“ befinden, so wissen wir doch auch, dass die Verheißung, die Jesus seinen Jüngern gegeben hatte, in Erfüllung gegangen ist. Gottes Geist ist auf die Jünger gekommen. Das feiern wir an Pfingsten. Und nicht nur das. Gottes Geist wirkt unter uns und an uns. In ihm ist Gott unter uns gegenwärtig. Freilich, er weht, wo er will. Wir haben ihn nicht zur Verfügung, geschweige denn in unserer Hand. Darum rufen wir auch nach ihm und können darauf vertrauen, dass unser Gebet erhört wird: „Herr, höre meine Stimme, …, sei mir gnädig und erhöre mich!“ [Ps 27,7]

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.