3. Sonntag nach Epiphanias

Text: Rut 1,1–19a
Thema: Zugehörigkeit
Ev. Emmausgemeinde Eppstein
Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Als Sophie Auguste Friederike von Anhalt-Zerbst am 1739 zum ersten Mal ihrem Cousin zweiten Grades dem Großfürst Peter Fjodorowitsch begegnet, ahnt sie nicht, dass sie ihn sechs Jahre später heiraten wird. Dazu verlässt sie mit fünfzehn ihre Heimat, lernt Russisch, konvertiert zur Orthodoxie der Russischen Kirche und wird – ich kürze radikal ab – 1762 alleinherrschende russische Zarin.

Mit dem Versprechen von Religionsfreiheit, Steuerfreiheit und dem Verfügungsrecht über ihr Land gelingt es ihr ab 1763 tausende deutsche Bauern ins Land zu holen. Die verlassen ihre Heimat in Bayern, Baden, Hessen, der Pfalz und dem Rheinland, siedeln an Wolga und Dnepr. Fleißig schaffen sie die besseren Lebensverhältnisse, die sie sich erhofft hatten. Gleichzeitig bleiben sie die Fremden, die anderen, die nicht wirklich dazugehören. Man nennt sie die „Russlanddeutschen“. Unter Stalin und durch die Tragödie des Zweiten Weltkrieges verlieren Tausende Heimat und Leben, unter Zwang werden die Überlebenden umgesiedelt, viele nach Kasachstan, von wo etliche ab Ende der 90 er Jahre in die Bundesrepublik ausreisen. Jetzt sind sie „die Russen“, die zuvor als „die Deutschen“ zurückgesetzt wurden.

Dass Menschen nicht etwa aus Abenteuerlust oder Übermut ihre Heimat verlassen und anderswo eine bessere Zukunft suchen, das gehört zur Geschichte der Menschheit. Warum sonst hätte sich in frühesten Zeiten der homo sapiens von Afrika aus über die ganze Welt verbreitet? Auch die Migrationsbewegungen unserer Tage lassen Menschen die Not in ihrer Heimat fliehen und ihr Heil in der Ferne suchen.

In der Zeit der Richter – ca. 1000 Jahre vor Christi Geburt – verlässt Elimelech mit seiner Frau Naomi und den beiden Söhnen Machlon und Kiljon das heimatliche Bethlehem. Im Haus des Brotes – das heißt ja Bethlehem übersetzt – ist das Brot knapp, ja, es herrscht eine Hungersnot. Die vier suchen jenseits des Jordans, in Moab also im Osten, dem heutigen Jordanien, ihr Glück. Hunger oder Wagnis, war die Frage, die sie zu beantworten hatten. Jetzt sind sie „Wirtschaftsflüchtlinge“, keine allzu freundliche Bezeichnung, suchen sie doch nur ein Auskommen.

In der Fremde bauen sie ihr Leben neu auf, bereit sich zu integrieren. Dafür spricht, dass die beiden Söhne Frauen aus Mob heiraten: Orpa und Ruth. Naomis Mann erlebt das nicht mehr mit, er ist schon verstorben. Naomi hat Glück, dass ihre beiden Söhne für sie sorgen. Kein Staat würde ihr Auskommen sichern. „Und als sie ungefähr zehn Jahre dort gewohnt hatten, 5 starben auch die beiden, Machlon und Kiljon.“ [Ruth 1,4f.]

Das ist ein schwerer Schlag, denn er entzieht den Witwen ihre Lebensgrundlage. Eine Großfamilie, eine Sippe gar, die sich ihrer annähmen, gibt es in der Fremde nicht. Jetzt sind sie auf sich alleingestellt. Wie mögen sie nachts im unruhigen Schlaf die Sorgen und sich selbst hin und her gewälzt haben. Wo gehöre ich hin? Wo kann ich leben? Wo will ich einst sterben? In der Krise erinnert man sich an seine Wurzeln. Sie können jetzt noch Halt geben. Naomi erinnert sich an Bethlehem. Sie hat die Geschwister, die Cousinen und Cousins, Onkel und Tanten ihrer Kindheit vor Augen. Für sie steht bald fest, ich muss zurück.

Da machte sie sich auf mit ihren beiden Schwiegertöchtern und zog aus dem Land der Moabiter wieder zurück; denn sie hatte erfahren im Moabiterland, dass der Herr sich seines Volkes angenommen und ihnen Brot gegeben hatte. [Ruth 1,6]

Aber muss das, was sich für sie richtig anfühlt, auch für ihre Schwiegertöchter, beide Moabiterinnen, das richtige sein? Und wer weiß, wie es ihr, der Rückkehrerin, ergehen wird? Wird man sie wieder freundlich aufnehmen?

Ich denke an die Südtiroler, die 1939 die Wahl hatten, in der angestammten Heimat zu bleiben, die Mussolini sich unterworfen hatte, oder dem Ruf „Heim ins Reich!“ zu folgen. Als viele von ihnen nach dem Krieg zurückkehrten, waren sie keineswegs gern gesehen. Sie mussten sich in allem hintenanstellen.

Wie würde es Naomi ergehen? Und wie ihren Schwiegertöchtern? Die kommen mit, denn auch sie sind unversorgt.

„Und als sie unterwegs waren, um ins Land Juda zurückzukehren, 8 sprach sie zu ihren beiden Schwiegertöchtern: Geht hin und kehrt um, eine jede ins Haus ihrer Mutter! Der Herr tue an euch Barmherzigkeit, wie ihr an den Toten und an mir getan habt. 9 Der Herr gebe euch, dass ihr Ruhe findet, eine jede in ihres Mannes Hause! Und sie küsste sie.

Das ist kein Rauswurf oder ein Abschütteln von Ballast, sie weiß, dass sie ihren Schwiegertöchtern kaum eine neue Lebensgrundlage schaffen kann. Sie wird ihnen keine Söhne mehr gebären können, damit Orpa und Ruth diesie heiraten könnten. Viel spricht dafür, dass die beiden da bleiben, wo sie hingehören und sie selbst dort hingeht, wo sie hingehört.

„Da erhoben sie ihre Stimme und weinten 10 und sprachen zu ihr: Wir wollen mit dir zu deinem Volk gehen.“ [Ruth 1,9f.]

Die drei sind eine Schicksalsgemeinschaft und sie haben, das ist zu spüren, ein gutes Verhältnis zueinander. Es ist Fürsorge, die Naomi für ihre Schwiegertöchter hat. Sie sollen nicht ihr Leben für ihres aufgeben.

Mein Los ist zu bitter für euch, denn des Herrn Hand hat mich getroffen. [Ruth 1,13]

Was sollen sie tun? Und Orpa küsste ihre Schwiegermutter. [Ruth 1,14] Aus dem Kontext ergibt sich, es sind Küsse des Abschieds. Orpa folgt dem Rat der Schwiegermutter. Sie geht zurück. „Rut aber ließ nicht von ihr. [Ruth 14]

Aber Ruth geht nicht. Sie bleibt. Zu stark empfindet sie die Verbindung zwischen sich und der Mutter ihres verstorbenen Mannes. „Bedränge mich nicht, dass ich dich verlassen und von dir umkehren sollte. Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott.“ [Ruth 1,16]

Was auffällt, es gibt keine Bewertung der beiden Entscheidungen. Orpas Entscheidung steht gleichberechtigt neben der Ruths. Menschen sind nun mal verschieden. Ihre Bedürfnisse auch. Darum können die einen gehen und die anderen bleiben. Welches die bessere Wahl sein möchte, das bleibt unentschieden. Auf jedem Weg liegen Steine und auf jedem Weg öffnen sich Türen.

Bemerkenswert, dass die beiden die freie Wahl haben und ihnen weder das eine noch das andere verwehrt wird. Viele Migranten, viele Flüchtlinge haben diese Wahl nicht. Sie müssen alles auf eine Karte setzen. Wie gut haben wir es dagegen in unserem Land. Wir können bleiben oder gehen und sind auch wieder willkommen, wenn wir zurückkommen.

Wie weit gleichwohl die Entscheidung reicht, erkennt Ruth ganz hellsichtig: „Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott. 17 Wo du stirbst, da sterbe ich auch, da will ich auch begraben werden. Der Herr tue mir dies und das, nur der Tod wird mich und dich scheiden.“ [Ruth 1,16f.]

Ohne Wenn und Aber schließt sich Ruth der Schwiegermutter an. „So gingen die beiden miteinander, bis sie nach Bethlehem kamen.“ [Ruth 1,19] Das Ende unserer Geschichte heute eröffnet einen neuen, bedeutungsvollen Anfang. Denn dort in Bethlehem wird Boas auf Ruth aufmerksam – die Geschichte ist im Buch Ruth zu schön erzählt, als dass ich sie hier nur kurz zusammenfassen könnte. Nur so viel: Boas nimmt Ruth zur Frau, die gebiert Obed, den Vater Isais und Großvater Davids.

Jedes Jahr gehen auch wir zurück nach Bethlehem. Dort liegt das Kind, unsere Hoffnung, klein und verletzlich in der Krippe. Es wächst auf, wird groß und stark, stärker als Menschen sein können, denn es trägt unsere Last ans Kreuz, damit sie dort von uns genommen werde und wir ihm folgen können, erlöst und befreit zur Gemeinschaft mit Gott.

Wie Naomi und Ruth sind wir verschieden und gehören zusammen. Wir kommen von Gott und wir gehen zu ihm. Ganz gleich, wo wir sind, nichts kann uns mehr trennen. Das trägt uns durchs Leben.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.