11. Sonntag nach Trinitatis

Text: Lk 18,9–14

Thema: Haben wir eine Wand in uns?

Ev. Emmausgemeinde Eppstein

Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Die Geschichte vom Zöllner und Pharisäer, beide betend im Tempel, kennen wir. Wir kennen sie so gut, dass sie uns nicht mehr viel zu sagen vermag. Ist doch alles klar, wie ich mich angesichts Zöllner und Pharisäer positioniere! Wirklich?

Was erzählt Jesus da? Vielleicht hilft es, die Geschichte ein wenig verändert zu hören: Zwei Menschen gingen in die Kirche, um zu beten. Der eine ein geachtetes Mitglied der Kerngemeinde, der andere ein verachtetes Mitglied vom Rande der Gesellschaft. Der Mann aus der Mitte betet: „O, mein Gott! Dir habe ich zu danken, wenn ich anderes bin als so viele Menschen, die bloß raffen, ohne jeden sittlichen

Maßstab leben, die Ehe missachten und sich außerhalb je-der Gesellschaft stellen, so wie auch der da drüben. Und unsereins fastet zweimal wöchentlich und gibt zehn Prozent des Einkommens für gute Zwecke!“ Der andere dagegen hielt sich im Hintergrund, wollte nicht einmal den Blick gen Himmel richten, sondern schlug sich an die Brust und sagte: „O Gott, hab doch Erbarmen mit so einem Verlorenen wie mir!“ Ich sage euch: der ging eher mit dem Freispruch Gottes nach Hause als der andere Beter!

Bevor wir auf die Unterschiede sehen, die beiden haben Wichtiges gemeinsam. Beide gehen sie in die Kirche. Beide haben sie denselben Adressaten: Gott. Beide gehören sie der gleichen Religionsgemeinschaft an. Aber es unterscheidet sie auch viel. Nicht nur ihre gesellschaftliche Stellung, auch ihr Verhalten im alltäglichen Leben. Der Zöllner ist auch Außenseiter und in der Gesellschaft schlecht gelitten, weil jeder sieht, wie er sich verhält. Er nimmt sich, was er kriegen kann. An die sittlichen Spielregeln hält er sich nicht. Sonst müsste er den Zehnten geben – übrigens ist das eine ganze Menge: Zehn Prozent des Brutto-Monatseinkommens!

Vielleicht verstehen wir die Geschichte besser, wenn wir uns selbst nicht vor die Entscheidung gestellt sehen, ob wir lieber den hier so wunderbar demütig auftretenden Zöllner geben wollen oder doch lieber den rechtschaffenen, aber irgendwie unsympathisch wirkenden Pharisäer. Die Wahl haben wir ja gar nicht. Was wäre, wenn Jesus uns in der Geschichte einfach zwei Menschen vor Augen stellt, die wir beide in uns haben? Also den Menschen, der wir gerne sein mögen, nicht nur vor den Augen unserer Mitmenschen und vor Gott, sondern auch vor uns selbst. Und den Menschen, der wir auf keinen Fall sein möchten, den wir unerträglich finden und von dem wir es für ausgeschlossen halten, dass Gott ihn lieben und unsere Mitmenschen so einen akzeptieren könnten. Den, unseren Schatten, verdrängen wir so weit es irgend geht aus unserem Bewusstsein.

Und zwischen dem einen und dem anderen Typ in uns er-richten wir eine Wand. In der Geschichte war es ja so, der angesehen Fromme „stand für sich“ und der andere „hält sich im Hintergrund“.

Schauen wir genauer hin. Wo steht die Wand? Vielleicht zwischen unserer bewusst gelebten Wohlanständigkeit und unseren mühsam gezügelten und unterdrückten Trieben. Vielleicht zwischen unserem aufwendig vorgestellten bürgerlichen Image und der gelegentlich aufkommenden Angst, nicht für voll genommen zu werden. Vielleicht aber auch zwischen unserer Fähigkeit zur Hingabe, selbstlos und liebevoll, und dem qualvollen Verlangen nach Anerkennung und Überlegenheit. Über all da kann die Wand stehen. Und weil es diese Wand in uns gibt, deshalb gibt es sie auch in unserer Außenwelt. Zwischen uns und anderen, da, wo uns in unseren Mitmenschen die Eigenschaften oder Geschehnisse vor Augen treten, die wir an unserer Schattenseite so wenig mögen, die wir wegschieben, weil sie uns in Angst und Schrecken versetzen und uns zutiefst verunsichern. Aber auch da steht die Wand, wo jemand anderes so viel besser darstellt, was wir eigentlich selbst sein möchten.

Du bist beides vor Gott, sagt Jesus. Zöllner und Pharisäer. Hast beide als Möglichkeit zu sein in dir. Daher rühren deine Ängste, deine Empfindlichkeiten, deine versteckten und offenen Hassgefühle, dein Neid, dein heimlicher Kummer über dich selbst. Aber, das ist auch die Botschaft Jesu, Gott nimmt dich an und liebt dich als der Mensch, der du bist und nicht nur als der, der du sein möchtest. Und noch was: Im anderen Menschen (auch im Zöllner und auch im Pharisäer) begegnet ihr euch selbst. Betrug an ihm ist Selbstbetrug. Hass auf ihn ist Selbsthass. Gewalt gegen ihn ist Gewalt gegen dich selbst. Aber umgekehrt gilt es auch: Wohltat dem anderen getan, ist eine Wohltat für dich. Und geschenkte Liebe ist empfangene Liebe.

Wenn wir es hinkriegen hinter die Wand in uns zu sehen, entdecken wir, dass wir Gott und seine Barmherzigkeit nötig haben, um überhaupt leben zu können und dass wir mit Gott und seiner Liebe leben können. Wenn das keine gute Nachricht ist!

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.