1. Sonntag nach Trinitatis

Text: Joh 5,39-47

Thema: Für ein achtsames Leben

Ev. Emmausgemeinde Eppstein

Prädikant Prof. Herbert Wagschal

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen.

Der Bibeltext zur heutigen Predigt steht im Evangelium des Joh.5, 39-47:

Wir werden –mehr oder weniger ungewollt-Zeugen einer Auseinandersetzung zwischen Jesus und seinen jüdischen Zeitgenossen. Johannes ordnet diese Auseinandersetzung dem Bereich des Tempels von Jerusalem zu. Wir hören aber nur das, was Jesus sagt, mich hätte auch die Meinung der Gegenseite interessiert. Es ist eine Auseinandersetzung, die der Evangelist Johannes irgendwann vor dem Ende des 1. Jahrhunderts etwas dramatisch ausschlachtet. Das würde unsere Presse heute auch tun, davon gibt es ja genug aktuelle Beispiele. Johannes setzt uns auf eine Fährte, würde man heute sagen. Damals war offensichtlich ein unheilvoller Prozess im Gange, der bis in die heutige Zeit reicht. Es wird beschrieben, dass sich die christliche Gemeinde nicht nur absondert, sondern dass ihnen von den Juden auch abgesprochen wird, noch zum Volk Gottes zu gehören. Vielleicht vereinnahmt Johannes Jesus einfach für seine Geschichte. Es ist und bleibt eine bittere Geschichte, weil Christen bekanntlich über Jahrhunderte hinweg dem Selbstverständnis der Juden widersprochen haben das Volk Gottes zu sein. Bitter ist das auch, weil die Christen sich selbst als Erben des Gottesvolkes eingesetzt haben, also im Besitz der Wahrheit über Gott zu sein. So ähnlich ist das offenbar auch seinerzeit mit den angeblichen Aussagen von Jesus durch Johannes geschehen: „Ihr wollt nicht zu mir kommen, ihr nehmt mich nicht an, ihr sollt nicht meinen, dass ich euch vor dem Vater verklagen werde, es ist einer, der euch verklagt: Mose, auf den ihr hofft.“ Dieser Wortlaut aus dem Zusammenhang gerissen hat gerade im vergangenen Jahrhundert zu unheilvollen Interpretationen geführt, zu Hass und Wut und unsäglichem Leid vieler Familien jüdischen Glaubens im sogenannten christlichen Abendland, insbesondere in Mitteleuropa.

Mose wird in dem Bericht des Evangelisten Johannes die Rolle des Anklägers zugewiesen, wir sind nur die Zuschauer, unbeteiligte Zuhörer. Jesus hat sich mit seinem Volk angelegt, sich mit ihrem Gottesbild auseinandergesetzt. Er hat versucht, ihnen Gottes Wort aus seiner Sicht auszulegen. Viele solcher Streitgespräche sind überliefert. Aber Protokolle sind das nicht. Es sind Nacherzählungen – hier die eines Evangelisten – die später in immer neuen Wendungen in der Bibel erzählt werden. Aber es geht Jesus hier nicht um die Zukunft oder die späteren Generationen, sondern er tadelt seine Landsleute, die ihm nahe sind, weil sie das Nahe nicht sehen wollen oder nicht können: „Ihr erforscht die Schriften, denn ihr meint in ihnen das ewige Leben zu haben, aber ihr wollt nicht zu mir kommen, das ihr das Leben hättet.“ Er wirft ihnen nicht vor, dass sie das ewige Leben in der Schrift suchen, sondern er versucht, ihre Aufmerksamkeit in die richtige Richtung zu lenken, also auf sich selbst als Sohn Gottes: „Ich bin doch bei euch, und ihr müsstet doch erkennen, dass ich es bin, auf den die Schriften verweisen. Ich bin es doch, der euer Ziel verkörpert: Das Leben.“

Sein Vorwurf lautet: Ihr wollt den Messias, aber nicht so, wie er vor euch steht. Ihr wollt das Richtige, aber nicht so, wie Gott es euch nun einmal gibt, weil ihr es so nicht erwartet habt. Ihr sucht das ewige Leben, es steht doch vor euch. Ihr sucht seit jeher nur in der Schrift bei Mose und ihr merkt nicht, dass ihr es vor euch habt.

Viele Menschen haben also damals schon nach Gott gefragt und Jesus nicht wahrgenommen. Viele Menschen fragen auch heute nach Gott, fragen nach religiösen Erfahrungen, wollen endlich Gott sehen oder hören. Woran können sie erkennen, dass Jesus Recht hat, mit seinem Selbstverständnis von Gott als Vater und dem ewigen Leben. Da gibt es sicherlich auch einige unter uns, die nach Beweisen suchen. Das geht mir als Ingenieur und Hochschullehrer natürlich auch so. Ich habe gelernt, dass sich die Wissenschaft mit dem befasst, was messbar ist, mit Fakten, die nachweisbar sind, mit Experimenten, deren Ergebnisse reproduzierbar sind. Aber der Sinn des Lebens und das Geheimnis des Glaubens bleibt dieser Fragestellung verschlossen. Der evangelische Theologe Wolfhard Pannenberg ist einer, der sich mit dem Versuch auseinandersetzt, Gott zu „beweisen.“ Sein Fazit, so wie ich es verstanden habe: „Ist Gott die alles bestimmende Wirklichkeit.“ Es gibt dafür aber keine Beweise im wissenschaftlichen Sinn, aber Gewissheit, dass ich nicht allein bin mit meinem Glauben, mit meinem Hoffen, mit meinen Zweifeln und Anfechtungen. Wir müssen heute Gott also neu entdecken und selbst erfahren. Glaube allein heißt noch nichts. Lebenserfahrung kann auch vom Glauben entfernen. Durch wissenschaftliches Denken kommt man nicht zum Glauben, vielmehr durch das Miteinander mit anderen Menschen, also durch Beziehungen. Wie wichtig ist da das Elternhaus, der Kindergarten, die Schule, die Kirchengemeinde, der Gottesdienst, das Gespräch miteinander.

Viele Menschen berichten von Erfahrungen mit der Ferne Gottes. Es gibt dunkle Erlebnisse und Gott hat geschwiegen, war nicht da. Unser Predigttext sagt uns, dass schon damals nicht alles gut war, es gab Streit und Zwist. Auch heute müssen wir zwischen Gut und Böse unterscheiden. Nicht alles, was wir hören oder was uns durch die Medien vermittelt wird, ist gut und richtig. Seit Monaten werden Daten über die Zunahme antisemitischer Vorfälle oder von Gewalttaten gegen Juden veröffentlicht. Dass man dem Antisemitismus alle Zeit entschieden entgegentreten muss, ist für jede Demokratie, aber insbesondere auch für christliche Kirchengemeinden selbstverständlich. Nur wie?  Wir müssen selber entdecken was gut und was schlecht für uns ist.

Vielleicht liegt das Gute vor uns und wir merken es nicht. Manfred Siebald, ev. Pfarrer und Liedermacher, dichtete (2018) in Anlehnung an Psalm 42:

Wo warst du Gott, an meinem allerersten Tag,

als ich gesund im Arme meiner Mutter lag?

Wo, als ich spielend diese Welt vergaß?

Wo, als ich stolz auf meinem ersten Fahrrad saß?

Wo warst du, als ich meine Prüfungen bestand?

Wo, als ich unerwartet meine Liebste fand

Und als die Welt sich nur noch drehte um uns zwei?

Wo warst du Gott? Ich glaub, du warst dabei.

Wo warst du Gott, bei jenem Sonnenuntergang,

als ich im Farbenmeer nur noch um Atem rang?

Wo warst du, als Musik die Sprache mir verschlug,

und aus dem Trübsinn mich zurück ins Helle trug?

Wo warst du, Gott, wenn ich ein Fest gefeiert hab

Und es um mich nur lachende Gesichter gab

und wenn wir fanden, dass das Essen köstlich war?

Du warst dabei. Das wird mir langsam klar.

Wo warst du, als mein Arzt von glatter Heilung sprach,

Wo, als ich mir beim Treppensturz das Bein nicht brach?

Wo, als ich bremsend schon den Abgrund vor mir sah?

Wo warst du, Gott? Ich denke heute: Du warst da.

Noch eine Frage, Gott, doch die geht mehr an mich:

Warum ich nicht mehr achtgegeben hab auf dich,

warum ich dir bisher so wenig dankbar bin?

Ich glaub, ich schau jetzt öfter zu dir hin.

Gott ist uns oft so nah. Wie oft hat dieser Gott, den wir vielleicht neu und anders denken müssen, durch andere Menschen und durch besondere Gegebenheiten zu uns gesprochen oder versucht, zu uns zu sprechen. Haben wir es bemerkt? Haben wir darauf geachtet? Da lächelt jemand, aber ich habe gerade keine Zeit, es wahrzunehmen. Die Blumen auf dem Feld. Habe ich die Zeit zur Freude an der Schöpfung Gottes? „Dafür habe ich keine Zeit“ habe ich oft gehört. Und doch liegt das Wichtige für uns oft so nah.

Unser christlicher Glaube beruht auf den vergangenen großen Taten Gottes und den Weg seines Volkes. Unsere eigenen kirchlichen Traditionen und Gebräuche spiegeln diesen langen Weg und unser eigenes Gottesbild. Denken wir an Schuld und Vergebung, an die Liturgie im Gottesdienst, die eine Summe von Antworten ist, die unsere Vorfahren in der Bibel gefunden haben. Unsere Hoffnung ist aber darauf ausgerichtet, dass es eine Zukunft mit Gott geben wird, die besser ist, als die Vergangenheit. Haben wir in unserer Kirche möglicherweise die Vergangenheit zu stark betont, denn wir leben doch in der Gegenwart.

Gegenüber neuen Wegen und anderen Religionen bringen wir unsere Erkenntnisse aus der Vergangenheit mit und auch die zukünftigen Herausforderungen. Aber wir müssen uns fragen lassen, ob wir es nicht vernachlässigt haben, in der Gegenwart bewusst zu leben. Sind wir im Alltag achtsam auf das, was Gott jetzt zu uns sagt oder gerade sagen will? Sind wir wirklich achtsam darauf, wie sehr wir beschenkt werden im Alltag, durch Kleinigkeiten, durch die Schöpfung um uns herum? Werden wir nicht beschenkt durch unseren Atem, durch unseren Körper, durch Mitmenschen, durch jedes gute Wort anderer und auch das Wort aus der Bibel?

Vielleicht sollten wir die „Achtsamkeit“ in unseren kirchlichen Sprachgebrauch übernehmen. Dann merken wir vielleicht, wenn wir die Achtsamkeit zu sehr auf uns selbst beziehen. In unserem Predigttext steckt ein großer Schatz jüdisch-christlicher Tradition. Es geht nicht darum, sich immer mehr selbst wahrzunehmen, sondern den Menschen in unserer Nähe. Mit „fernen“ Menschen hat Jesus jedenfalls nicht gestritten. Jesus tadelt die Menschen, die ihm nahe sind, dass sie ihn, der vor ihnen steht, nicht als den wahrnehmen, den sie suchen, weil sie eine so hautnahe und direkte Lösung von Gott nicht erwartet haben oder nicht für möglich halten. Vielleicht fehlte schon damals die Achtsamkeit. Und heute, wie sehen sie das?

Ein achtsames Leben in der Gegenwart führt uns nicht nur zu uns selbst, sondern durch viele kleine Hinweise und durch die „Wunder“ seiner Schöpfung auch näher zu unserem Gott. Dafür ist der streitbare Jesus ein gutes Beispiel. „Willst du immer weiter schweifen? Sieh das Gute liegt so nah´“ hat Goethe seinerzeit schon gedichtet.  Dafür, für das Gute, das uns Gott bereithält, lohnt es sich achtsam zu sein oder zu werden.

Amen

Und der Friede Gottes, der höher ist, als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

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