Pfingstsonntag
Text: 1. Mose 11,1–9
Thema: Mit Gottes Geist
Ev. Emmausgemeinde Eppstein
Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Aus früher Zeit sprechen die Worte zu uns. Wir lesen sie im 1. Buch Mose, im 11. Kapitel:

1 Es hatte aber alle Welt einerlei Zunge und Sprache. 2 Als sie nun von Osten aufbrachen, fanden sie eine Ebene im Lande Schinar und wohnten daselbst. 3 Und sie sprachen untereinander: Wohlauf, lasst uns Ziegel streichen und brennen! – und nahmen Ziegel als Stein und Erdharz als Mörtel 4 und sprachen: Wohlauf, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche, dass wir uns einen Namen machen; denn wir werden sonst zerstreut über die ganze Erde. 5 Da fuhr der Herr hernieder, dass er sähe die Stadt und den Turm, die die Menschenkinder bauten. 6 Und der Herr sprach: Siehe, es ist einerlei Volk und einerlei Sprache unter ihnen allen und dies ist der Anfang ihres Tuns; nun wird ihnen nichts mehr verwehrt werden können von allem, was sie sich vorgenommen haben zu tun. 7 Wohlauf, lasst uns herniederfahren und dort ihre Sprache verwirren, dass keiner des andern Sprache verstehe! 8 So zerstreute sie der Herr von dort über die ganze Erde, dass sie aufhören mussten, die Stadt zu bauen. 9 Daher heißt ihr Name Babel, weil der Herr da selbst verwirrt hat aller Welt Sprache und sie von dort zerstreut hat über die ganze Erde.

Die Geschichte ist bekannt. Es ist eine Gegen-Geschichte zu Pfingsten, die erzählt, was geschieht, wenn Menschen sich überheben.

Eigentlich fängt das schon bei Adam und Eva an. Als sie nach der Frucht greifen, die ihnen einzig vorenthalten worden war, folgen sie der Neugier und dem Reiz neuer Möglichkeiten.

Es reicht ihnen nicht, was sie haben und was ihnen zur Verfügung steht. Der Reiz darüber hinauszugehen und auch das sich zu nehmen, was ihnen vorenthalten ist, ja, sich mit Gott gleichzusetzen, ist größer als ihr Gehorsam Gott gegenüber. Wenn Kain seinen Bruder Abel erschlägt, macht er sich zum Herrn über Leben und Tod. Und nur einer, Noah nämlich, hält sich an Gottes Weisung. Alle anderen denken nicht daran. Sie machen, was sie wollen.

Die Geschichten in den ersten 11. Kapiteln des 1. Buches Mose erzählen vom Eigenwillen, ja auch der Bosheit des Menschen. Sie finden in der Geschichte vom Turmbau zu Babel ihren Abschluss. Jetzt ist der Traum der Menschen, dass ihr Turm in den Himmel reichen soll. Sie wollen dahin, wo ER, Gott, schon ist. So also will sich der Mensch als Herr der Welt etablieren. Anstatt den Namen Gottes zu verehren, will sich der Mensch selbst einen Namen machen. Aber das Projekt scheitert. Gott sorgt für eine Begrenzung der menschlichen Möglichkeiten. „Und der HERR sprach: Siehe, es ist einerlei Volk und einerlei Sprache unter ihnen allen und dies ist der Anfang ihres Tuns; nun wird ihnen nichts mehr verwehrt werden können von allem, was sie sich vorgenommen haben zu tun. Wohlauf, lasst uns herniederfahren und dort ihre Sprache verwirren, dass keiner des andern Sprache verstehe!“ [1. Mos 11,6f ].

Seitdem steht „Babylon“ für zwei Phänomene: Einmal das des unendlichen Strebens, sich einen Namen zu machen. Zum anderen für die Bedeutung der Sprache bzw. die Konsequenzen der Sprachverwirrung.

Was es bedeutet, wenn Menschen sich begegnen, die keine gemeinsame Sprache beherrschen, das haben wir in den letzten Jahren auf beiden Seiten schmerzlich erfahren. Ich denke an die vielen, die in den Jahren um 2015 zu uns gekommen waren. Meist mussten die Augen, die Mimik, der ganze Körper das Sprechen übernehmen, Missverständnisse oder einfach nur reines Unverständnis inklusive. Aber das ist ein Phänomen, was wir schon vom Umgang mit unseren Jüngsten kennen. Wir wissen: Das gibt sich, wenn dafür Zeit und Gelegenheit bestehen.

Aber auch dann, wenn Menschen Worte der selben Sprache verwenden, kann es geschehen, dass sie einander kaum oder im umfassenden Sinne gar nicht verstehen. Wie anders wird sich jemand auszudrücken vermögen, dem als Kind oft vorgelesen wurde, mit dem man sich verständig und aufmerksam unterhielt, gegenüber jenem, der auf all das verzichten musste. Nachrichten in „einfacher Sprache“ ermöglichen hier eine Teilhabe an Grundinformationen in der Gesellschaft, aber noch lange nicht ein echtes gesellschaftliches Miteinander.

Das Phänomen Babylon meint man auch in einer Welt der Meinungs-Blasen und Echo-Räume wahrnehmen zu können. Hier finden eher Selbstgespräche eines geschlossenen Zirkels statt, als dass die Kommunikation dazu da wäre, sich auch jenseits der Gruppe mitzuteilen, verständlich zu machen, zu erklären und das auch beim Gegenüber wahrzunehmen.

Besonders unter den herausfordernden Bedingungen der vergangenen Monate konnten wir derlei babylonische Entwicklungen wahrnehmen. Da fordern die gebrüllten querdenkerischen Parolen, die ausschließlich behaupten aber niemals argumentieren wollen, Aufmerksamkeit. Da gibt es am rechten Rand politisches Personal, das auf Internet-Plattformen unter Gleichgesinnten Desinformationen aus obskuren Quellen verbreitet.

Da stehen Leute, die in den letzten Jahren in dieser Gesellschaft angekommen sind, vor Synagogen und schreien „Juden raus!“ Sie vergessen dabei oder wissen es schlicht nicht, dass Juden seit 1700 Jahren zu dem Land gehören, in das sie, die da schreien, gekommen sind, vielleicht sogar, weil sie sich das so ausgesucht haben.

Auf ganz anderem Niveau, nämlich aus den Echokammern der Gender-Wissenschaften, kommen verstärkt Sternchen und Sprechpausen auf uns. Auch das schafft eine eigene sprachliche Realität, die zumindest das eine nicht ist, die gewachsene und sich natürlich verändernde Sprache einer in unserem Falle deutschsprachigen Bevölkerung.

Ich stelle mir die aufstrebende Baustelle in Babylon vor. Von unten bis oben und oben bis unten schallen Rufe, Anweisungen, Bestätigungen. Schneller noch als die Baumaterialien nach oben gereicht werden, sind die Informationen unterwegs. Es geht mächtig voran. Alle sind vereint in der Verwirklichung dieses gemeinsamen Projekts. Bis zu diesem einen Moment, da „keiner des anderen Sprache versteht“ [1. Mos 11,7].

Und nun Pfingsten! Es setzt den Kontrapunkt. Denn, das geht der Pfingstgeschichte voraus, hier ist umgekehrt Gott zu den Menschen gekommen. Ja, in Jesus ist er Mensch geworden. Nicht die Erde hat sich zum Himmel aufgeschwungen, sondern der Himmel ist zur Erde gekommen.

Ein einmaliger Vorgang, so wie Jesus unter den Menschen war. Nun ist er wieder da, wo er ursprünglich hingehört, so sagt’s die Tradition mit den Worten: „aufgefahren in den Himmel, sitzend zur Rechten Gottes…“

Der, den Johannes in eins setzt mit dem Logos, dem Wort, ist fort. Gottes lebendiges Wort ist nicht mehr da. Etwas verlassen wirkt die Gemeinschaft derer, die dieses Wort erreicht und bewegt hatte. Wenn uns Lukas in der Apostelgeschichte einen Blick in die versammelte erste Gemeinde werfen lässt, sehen wir sie in einem verrammelten Raum, eher ängstlich und gedrückt beisammensitzen. Als sei die Verbindung gerissen, als erreichte sie dieses Wort nicht mehr.

Aber dann ereignet sich Pfingsten, ein Brausen und ein Wind und eine fundamentale Veränderung, die alle erfahren, auf die der Geist Gottes niederfährt. Sie „fingen an zu predigen in anderen Sprachen, wie der Geist ihnen zu reden eingab“ [Apg 2,4]. Damit nicht genug, sie verstehen einander, obwohl der Sprachen so viele sind. So groß der Schrecken auch sein mag angesichts eines so ungewöhnlichen Ereignisses, jetzt wissen sie, die Verbindung mit Gott, mit dem lebendigen Wort, steht. Es ist Gottes Geist, der sie herstellt und wo er uns erfüllt, da ist das Signum der Sprache die Liebe Gottes.

Durch sie kommt Kraft ins Spiel, die nicht meine ist, Geist, der inspiriert. Da fallen für unverrückbar gehaltene Fesseln, Gemeinschaft wird möglich mit Menschen, die Feinde waren. Da wird Geborgenheit spürbar und auch Trost. Da kommt es zum Aufbruch aus Verkrustetem und Hinderndem. Da wächst, wer weiß woher, Verständnis und ich womöglich über mich hinaus. Da wird mehr als jemals war.

So einen Geist brauchen wir jetzt. Wir brauchen ihn für den Aufbruch nach der Pandemie. Wir brauchen ihn in Gesellschaft und Politik. Wir brauchen ihn auch in unserem eigenen Leben.

Frohe Pfingsten!

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.