3. Sonntag nach Epiphanias
Text: Mt 8,5–13
Thema: Sprich nur ein Wort
Ev. Emmausgemeinde Eppstein
Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Wir sind heute mit Jesus in Kafarnaum. Von der Nordseite des Sees Genezareth schweift der Blick weit über das Wasser, bevor er auf der rechten Seite bei Tiberias an den steilen Hängen des Jordangrabens anhält. Kommt er von dort oder von woanders her, wir wissen es nicht. Nur dass er kommt. Kaum hat er den Ort betreten, dessen Häuser und alte Synagoge mit dem dort typischen dunklen Basalt errichtet wurden, kommt einer auf ihn zu. Es ist der Centurio. „Hauptmann“, wird er in unserer Übersetzung genannt. Das klingt nach mehr, als es ist. Der Centurio befehligt noch nicht mal hundert Männer, wie es der Name nahelegt, sondern gerade mal achtzig Mann. Für das römische Reich, insbesondere für den Kaiser, waren die Centurii gleichwohl wichtige Leute. Auch deshalb bedurfte jede Ernennung in diesen Offiziersstand der kaiserlichen Bestätigung. In der Regel blieb der Centurio sein Leben lang bei der Armee. Dort verdiente er das 20fache eines Legionärs. Dieser Ausbund der römischen Armee spricht nun Jesus an: „Herr, mein Knecht liegt zu Hause und ist gelähmt und leidet große Qualen.“ [Mt 8,6] Heutige Kommentare zum Matthäus-Evangelium übersetzen statt „Knecht“ „Sohn“. Jetzt ist es eine Privatsache. „Jesus sprach zu ihm: Ich soll kommen und ihn gesund machen?“ [Mt 8,7] Aber es gehört sich doch nicht, dass ein Jude in das Haus eines Heiden geht! In der Frage klingt die Verwunderung durch. Und offenbar weiß der Centurio das. Der Mann, der gewöhnt ist, Befehle zu geben – „Stillgestanden!“, „Die Augen geradeaus!“, „Rührt euch!“ – der Mann, der gewöhnt ist, dass man ihm auf’s Wort folgt, der Repräsentant des Römischen Reichs, ja, des Kaisers, „der Hauptmann antwortete und sprach: Herr, ich bin nicht wert, dass du unter mein Dach gehst, sondern sprich nur ein Wort, so wird mein Sohn gesund.“ [Mt 8,8] Das hat etwas Rührendes. Das empfinde ich auch jedes Mal, wenn ich in der römischen Messe Gemeinde und Priester sprechen höre: „Herr, ich bin nicht würdig, dass du eingehst unter mein Dach; aber sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund.“ Der Satz ordnet ein. Wer bist Du, und wer bin ich? Herr, Gott und Mensch. „Ich bin nicht würdig,“ wenn das kein Lippenbekenntnis ist, dann bringt es eine schlichte Tatsache zum Ausdruck. Als Mensch und, wie wir wissen, auch als Priester bin ich der Gemeinschaft Gottes nicht würdig – nicht unter einem Dach und nicht an einem Tisch. Es sei denn, er spricht das erlösende Wort. Kann das sein? Vermag ein Wort so viel auszurichten? Um die zerstörerische Macht der Worte wissen wir. Aber auch um ihre heilende Kraft. Worte, die guttun, die aufrichten, ermutigen und stärken. Oft sehnen wir uns danach. In der Stille einsamer Abende, im Lärm des Streitens, in der Konfrontation mit der Macht des Faktischen und ihrer kalten Nüchternheit. Ein gutes Wort – „so wir meine Seele gesund“. Nicht allein Trost, sondern Heilung, darum geht es bei dem einen Wort Jesu.

Der Herr über die Hundert, nein, Achtzig, spricht Jesus zum zweiten Mal mit „Herr“ an. Das klingt nach Anerkennung. Doppelt. Dass dieser Mann der Herr, kyrios, ist und dass dieser, der Jude, zu Israel gesandt ist. Aber jetzt, bitte, soll er doch eine Ausnahme machen. Jetzt soll er tun, was nur er tun kann: „sprich nur ein Wort, so wird mein Sohn gesund.“ [ebd.] So viel Zutrauen in Jesu Vermögen, ja, Vollmacht!

Der Militär macht sich seinen Reim darauf: „Auch ich bin ja ein Mensch unter Befehlsgewalt und habe Soldaten unter mir. Sage ich diesem: ‚Geh!‘, so geht er, und einem anderen: ‚Komm!‘, so kommt er, und meinem Sklaven: ‚Mach das!‘, so macht er es.“ [Mt 8,9] Lang konnten wir, aus schlichtem bürgerlichem Stand, uns das nicht vorstellen, bis Alexa, Siri und Konsorten uns dazu in die Lage versetzten. Wenigstens ansatzweise.

Aber alle Befehlsgewalt hat hier versagt. Der eigene Sohn liegt gelähmt und leidet Qualen. Er selbst und alle, die er bislang zu Rate gezogen hat, und sicher hat er nichts unversucht gelassen, sind mit ihrem Latein am Ende. „Aber sprich nur ein Wort!“ Hier, wo eben nichts mehr geht, soll ein Machtwort das Unmögliche ermöglichen. Ein solches Machtwort verlangt Voll-macht. Genau die traut der heidnische Hauptmann Jesus zu. Wenn es einer kann, dann bist du das!

Offenbar staunt Jesus selber über das ihm entgegengebrachte Vertrauen und wendet sich an seine Begleiter, die vermutlich alle Juden sind: „Amen, ich sage euch: Bei niemandem habe ich so großen Glauben in Israel gefunden.“ [Mt 8,10]  Jetzt sind wir an dem Punkt angekommen, auf den hin die ganze Geschichte zielt: Bei denen, denen zuallererst mein Wort gilt, finde ich nicht das Gehör, nicht den Glauben, den mir dieser heidnische Hauptmann entgegenbringt. Wie hatte doch Jesaja im ersten Kapitel bemerkt? „Ein Ochse kennt seinen Herrn und ein Esel die Krippe seines Herrn; aber Israel kennt’s nicht, und mein Volk versteht’s nicht.“ [Jes 1,3]

Es ist kein Zufall, dass Ochse und Esel das weihnachtliche Krippenensemble vervollständigen. Nur, dass die Ignoranz jetzt in unseren Weihnachtsstuben zu Hause ist – Kerzenglanz hin, Kerzenglanz her.

Die Gemeinde des Matthäus weiß um den weiteren Weg Jesu. Gewiss kennt sie auch schon die ersten getauften Nicht-Juden. Für sie zeichnet sich ab, dass Jesu Ansage in Erfüllung geht: „Viele werden von Osten und Westen kommen, und mit Abraham, Isaak und Jakob zu Tisch liegen im Himmelreich“ [Mt 8,11]. Matthäus sieht schon auf die Trümmer der 70 n.Chr. zerstörten Stadt Jerusalem. Er weiß, dass inzwischen andere, Fremde, der frohen Botschaft Folge leisten. Wer weiß, vielleicht erleben wir das auch noch. Dass andere kommen, den Gottesdienst feiern und das Brot brechen, nachdem so viele der Gemeinde den Rücken gekehrt haben, davongelaufen sind nach Osten und Westen. Im ersten Jahrhundert n.Chr. erlebt die stolze Tempelgemeinde in Jerusalem, dass ihr Tempel zerstört wird und die Gemeinde in alle Welt zerstreut wird: „die Söhne des Reichs aber werden in die Finsternis draußen geworfen werden; dort wird Heulen und Zähneknirschen sein.“ [Mt 8,12]

Ausdruck fürchterlichen Schmerzes dieses Heulen und Zähneknirschen. Zu spät. Du musst hören und handeln, wenn das eine Wort des Herrn gesprochen wird. Manchmal habe ich mich aber auch schon gefragt: Wie weit her ist es eigentlich mit deinem Vertrauen? Reicht es auch nur an-satzweise an das des Hauptmanns heran. Manchmal habe ich schon das „Heulen und Zähneklappern“ [Mt 8,12] der in die Finsternis Hinausgestoßenen gespürt. Wenn das Vertrauen geschwunden, wenn Glaube, Hoffnung und Liebe blass und ausdruckslos geworden sind. Dann habe ich mich und mitunter andere in der Finsternis gefunden. Da war nur Ohnmacht, Verzweiflung und Angst. Scheußlich. Eine Krise, ein Zustand, der die Kraft zum Leben verbraucht, der in Selbstmitleid und Schlimmerem enden muss. Und manchmal ist es dann ein Wort, nur ein Wort, ein Ton, nur ein Ton, der einem ans Ohr dringt, das einen erreicht, das einen, der nun selbst gelähmt ist und große Qualen leidet, bewegt, aufsehen, und dann auch aufstehen lässt.

„Und Jesus sagte zum Hauptmann: ‚Geh, es geschehe dir, wie du geglaubt hast!“ Und der Sohn wurde in jener Stunde gesund.“ [Mt 8,13]

„Aber sprich nur ein Wort…“ Er hat es gesprochen. Kein verdientes Wort, sondern ein geglaubtes Wort. Und das hat das Licht der Gnade über dem gelähmten und leidenden Sohn ausgeschüttet. Wir hören’s und wissen von uns und von anderen: 

Zwar ist solche Herzensstube
Wohl kein schöner Fürstensaal,
Sondern eine finstre Grube;
Doch, sobald dein Gnadenstrahl
In denselben nur wird blinken,
Wird es voller Sonnen dünken.

[Weihnachts-Oratorium, BWV 248, Part 5: No. 53]

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.