Ewigkeitssonntag
Text: Offb 21,1-7
Thema: Die Zukunft bleibt offen
Ev. Emmausgemeinde Eppstein
Pfarrer Moritz Mittag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Das trübe Wetter und die früh einsetzende Dunkelheit hüllt uns und diesen Ort ein. Für viele Betroffene ist die Dunkelheit Ausdruck der Trauer. Da will nichts leuchten. Nur der Schmerz ist grell. Er lässt das Dunkel noch tiefer scheinen. In ihm sind aber auch Trauer und Schmerz geborgen. Gelegenheit, sich zurückzuziehen, sich vorsichtig tastend zu orientieren, nach all dem Erlebten sich selber wieder zu finden. Ob es wieder hell werden wird, wer weiß das? Ob es ein neues Leben geben wird im alten? Ob verlorengegangener Sinn sich wieder finden lassen wird?

Aus einer Welt, die Farbe und Klang eingebüßt hat, erreichen Zeichen der Anteilnahme die Trauernden. Nicht alle erfüllen ihren Zweck, nicht alle werden aufgefasst und angenommen. Gespräche, Austausch von Gedanken und Gefühlen, schweigendes Miteinander. “Die Zeit heilt Wunden”, heißt es. Alle? Es stimmt schon, dass wir Menschen wahre Künstler der Gewöhnung sind. Aber bedeutet das Heilung? Der Tod macht der Menschenzeit ein Ende. Daran führt kein Weg vorbei und das schmerzt. Auch Jesu Freunde spüren das, als Jesus von ihnen weggegangen ist. Sie empfinden es in vielen alltäglichen Situationen. Sie vermissen ihn. Sie sehnen sich danach, wieder mit ihm zusammen sein zu können. „Auch ihr habt nun Traurigkeit“… hatte er gesagt [Joh 16,22].

Heute gedenken wir unserer Verstorbenen. Das verlangt den Betroffenen viel ab. Wir alle spüren in diesem Gedenken und bringen es damit auch zum Ausdruck: Der Tod meint auch uns. Wir begegnen im Schicksal des andern unserer eigenen Sterblichkeit. “Mit jeder Geburt kommt ein neuer Tod in die Welt”, lautet ein mittelalterlicher Satz. Es gibt kein Leben ohne Tod. Kommt das aber nicht einer Bankrotterklärung gleich, die aus Sinn Unsinn werden lässt? Alles, was uns Leben bedeutet, muss ins Nichts. Das ist furchtbar. Immer wieder wird es dunkel und wir stehen dort, wo die Menschen standen, die Jesus nahe gewesen waren.

Heute hören wir von einer Vision des Johannes. Johannes sieht und hört den Himmel. Seine Sicht reicht dabei weit über die Gegenwart hinaus. Sie zeigt nie gesehene Bilder und lässt ihn unerhörte Worte sprechen.Im 21. Kapitel der Offenbarung heißt es:

21 (1) Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr. (2) Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann. (3) Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; (4) und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. (5) Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu! Und er spricht: Schreibe, denn diese Worte sind wahrhaftig und gewiss! (6) Und er sprach zu mir: Es ist geschehen. Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende. Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst. (7) Wer überwindet, der wird es alles ererben, und ich werde sein Gott sein, und er wird mein Sohn sein.

Was ist die Sicht des Sehers? Sie sagt uns, dass Gott uns Menschen und seine Welt nicht mit der Sinnlosigkeit allein lassen will. Die Vision des Sehers bekräftigt auf diese Weise die Geschichte mit Jesus Christus. In ihr bricht erstmals eine neue Realität auf, die nicht aufgeht in dieser Welt und dieser Welt Sinn. Sie reicht darüber hinaus. Dafür steht der Auferstandene. Er versetzt Leben und Tod in eine neue Perspektive. In dieser Perspektive kann der Tod nicht mehr den Sinn des Lebens rauben. Und hier tut sich die Vision des Johannes auf.

Was er sieht, ist nicht einfach die Fortsetzung des alten Lebens im neuen. Sein Blick erfasst eine Veränderung von kosmischen Ausmaßen: Ein neuer Himmel und eine neue Erde. Gewiss sind beide nicht Ergebnis reformerischen Bemühens, weitreichender Kurskorrekturen oder weitsichtigen planerischen Handelns. Die eine Welt hat mit der anderen nichts gemein. “Siehe, es ist alle neu geworden!” [2. Kor 5,17] Aber doch! In dieser Neuigkeit eine alte Bekannte! Die Stadt des Herrn, deren Namen, Jerusalem, “Gründung des Friedens”, eine Pluralform (Mehrzahl), schon die eine Stadt auf die andere hinweisen lässt. Dieses Jerusalem nun macht seinem Namen alle Ehre.

Anders als die von Menschen gegründete Stadt, kommt diese vom Himmel, “bereitet wie eine Braut, die für ihren Mann geschmückt ist” [Apk 21,2]. Diese Stadt ist in vollem Sinne bereit mit Gott zu leben. Nun hört der Seher eine Stimme und ortet sie beim Thron. Jeder, der von seiner Vision Kenntnis erlangen wird, soll wissen, hier spricht Gott. Der stellt dem Staunenden die neue Stadt vor, erläutert, was in ihr anders, ganz anders sein wird, als wir es kennen. Es ist die Wohnung Gottes bei den Menschen! [21,3] Das ist nun wirklich unerhört! Gott wohnt bei den Menschen. Die teilen ihr Leben mit Gott. Wohlgemerkt, das alles wird wahr in jener Neuwerdung von Himmel und Erde!

Meine Güte, welche Distanzen da überwunden werden! Welche Entfremdung, welche Unverhältnisse werden in diesem neuen Verhältnis zurechtgerückt! Welche Nähe – Gott als Nachbar unter Nachbarn! Als Helfer und Heiler – so vertraut mit den Seinen, dass er selbst ihnen die Tränen abwischt. So sanft und so weitgehend kann nur er trösten: Er nimmt sein Volk zu sich und nimmt es bei sich auf. Jetzt, so sieht es Johannes, jetzt ist endlich die Angst ausgestanden, die unserem Leben so oft die Luft nimmt. In dieser zum Fest geschmückten Stadt hat der Tod ausgespielt. Und mit ihm seine Spielleute: das Leid, der Jammer und die Mühsal. Deren Totentanz hat ein Ende!

Soweit die Vision. Und, das mag man fragen, was gibt es jetzt mit uns? Der Tod bleibt uns und das Leid, und das Geschrei und der Schmerz. Was haben wir gewonnen mit all diesen visionären Einsichten? Was kann uns die Sicht des Sehers bedeuten? Vertröstung? Also doch kein Trost? Oder enthält die Sicht des neuen Himmels und der neuen Erde nicht doch eine wichtige, auch für uns relevante Nachricht? Es gibt mehr als dieses Leben! Es gibt noch eine Erwartung, die diese Welt weit übersteigt. In ihr erkennt Johannes Gott, der seine Geschöpfe liebt und ihnen vertraut und nah begegnet.

Darin treffen sich des Johannes Sicht mit den Schilderungen der Evangelisten von der Auferstehung Jesu Christi. Der Tod hat nicht das letzte Wort. Das gilt schon jetzt und soll gelten für unser ganzes Leben mit dem Sterben. Der Tod hat nicht das letzte Wort. Die Zukunft bleibt offen – auch für uns und unsere Verstorbenen. Christus sei Dank!

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.