Andacht zum Wochenspruch am 19. Sonntag nach Trinitatis

Heile du mich. Herr, so werde ich heil; hilf du mir, so ist mir geholfen.  (Jer. 17,14 a)

Da geht einer zum Arzt, von dem er schon viel Gutes gehört hat. Er setzt sich ins vollbesetzte Wartezimmer. Reges Kommen und Gehen. Die Menschen, die noch warten, haben ihre Nöte und Krankheiten im Gesicht geschrieben.
Dort liest man aber auch ihre Hoffnung. Die Menschen, die aus dem Behandlungszimmer treten, wirken wie verwandelt: die Mienen gelöst, ein Lächeln auf den Lippen. Der Neuankömmling wird bestärkt in seiner Erwartung: Hier bin ich beim richtigen Arzt; hier wird mir geholfen!
Vielleicht geht unser Patient nun in seinen Gedanken seine Leiden und Beschwerden durch: die Nöte des Herzens, das Leid der Seele, die Ängste in der Nacht, der mangelnde Mut am Tag… Alles das wird er dem Doktor sagen. Er wird die richtige Medizin wissen. Wie er all die anderen Patienten kuriert hat, so wird er auch ihn heilen!
Endlich geht die Tür auf. Das „der Nächste, bitte“ gilt ihm. Jetzt steht er vor dem Arzt und blickt ihm in die Augen und er weiß: Ja, der wird ihn gesund machen! Zu diesem Menschen kann man Vertrauen haben: Heile du mich, Herr, so werde ich heil; hilf du mir, so ist mir geholfen!
Können wir uns nicht auch in diesem Bild erkennen? Sitzen wir nicht auch alle in irgendwelchen Wartezimmern? Wie sehr wünschen wir uns, dass uns einer hilft und heilt! Es sind allerdings sehr unterschiedliche „Wartezimmer“, in denen wir Genesung erhoffen: Viele sitzen bei Quacksalbern in der Sprechstunde. Vom Konsum, vom billigen Vergnügen, vom Schwimmen im Trend und hinter jeder Mode herlaufen erwarten sie heilende Wirkung.
Andere konsultieren den Herrn Mammon: Geld macht glücklich, heißt sein Rezept. Mehr haben als dein Nachbar, ist die Therapie. Festhalten, was du hast; vermehren, was du besitzt; leisten und sich leisten können; so wird man gesund. Wieder andere wissen gar nicht mehr, in wessen Vorzimmer sie sitzen. Sie sind dumpf geworden über ihrem Warten. Irgendwo mag es die Medizin geben, die sie heilt – sie wissen es nicht und lassen die Dinge treiben. Und noch viele andere Wartezimmer gibt es. In einem davon sitzt jeder Mensch, auch wir.
Wollen wir uns jetzt nicht einmal fünf Minuten nehmen, um zu bedenken, was eigentlich unsere Leiden und Nöte sind, für die wir Genesung erbitten? Wo wir doch ohnehin warten und noch Zeit haben, bis wir „dran“ sind. Wäre heute nicht der Tag und jetzt die Stunde, sich aus dem Immer-so-weiter herauszureißen und einen neuen Versuch zu machen – beim richtigen Arzt, versteht sich! – ?
Wir kennen ihn ja alle. Das Neue Testament ist das Buch seiner Heilerfolge. Dort lesen wir auch, wie wir zu ihm gelangen. Schlagen wir auf und lesen – schon sind wir in seinem Wartezimmer. Falten wir die Hände und beten wir – schon beginnt seine Sprechstunde. Jesus Christus heißt der richtige Arzt. Zu diesem Menschen kann man Vertrauen haben: Heile du mich, Herr, so werde ich heil; hilf du mir, so ist mir geholfen!
In welchem Wartezimmer sitzen Sie?

Fürbitten:

Barmherziger Gott, der Du die Wunden heilst, der du Hilfsbedürftige stützt, der du Orientierung schenkst in diesen schwierigen Zeiten der weltweiten Corona-Pandemie:
Sei Du allen Menschen nahe, die unter Schmerzen leiden, die mit schweren Krankheiten zu kämpfen haben, die verzweifelt sind und keinen Ausweg mehr wissen und die nachts keine Ruhe mehr finden.
Schenke den Forschern und Ärzten Weisheit und Energie; allen Krankenschwestern und Pflegern Kraft und Widerstandsfähigkeit in dieser extremen Belastung; den Politikern, Mitarbeitern der Gesundheitsämter und allen, die Verantwortung für andere tragen, Klugheit und Besonnenheit.
Sei Du allen Menschen nahe, die in Quarantäne sein müssen, sich einsam fühlen, niemanden umarmen können. Berühre Du ihre Herzen mit Deiner Sanftheit.
Und wir beten, dass diese Epidemie abschwillt, dass die Zahlen zurückgehen, dass Normalität wieder einkehren kann. Mach uns dankbar für jeden Tag in Gesundheit.
In der Stille bringen wir vor Dich, was uns bewegt….

Amen.

Stefan Rottmann